Die neue Angst vor der Aldisierung

Der Detailhandel steckt tief in der Krise. Branchenvertreter befürchten Entwicklungen wie in Grossbritannien. Dort haben die Discounter den Platzhirsch in Bedrängnis gebracht.

Einkauf bei Aldi: Das Schweizer Geschäft des Discounters läuft gut. Foto: Keystone

Einkauf bei Aldi: Das Schweizer Geschäft des Discounters läuft gut. Foto: Keystone

Einkaufstourismus und Umsatzrückgänge: Dieses Wehklagen aus dem Schweizer Detailhandel ist bekannt. Was jedoch die breite Öffentlichkeit nicht wahrnimmt: In der Branche wird die Situation als noch viel schlimmer wahrgenommen, als dies gegen aussen kommuniziert wird. «Niemand getraut sich offen auszusprechen, wie düster die Lage wirklich ist», sagt ein ranghohes Kader eines Detailhändlers, «aus Angst, die Konsumenten noch stärker zu verunsichern.» Der Insider will deshalb anonym bleiben und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Die Lage sei aber derart düster, dass die Händler schon alle möglichen Szenarien und Massnahmen durchspielen: Ferienkürzungen, Stellenabbau und Filialschliessungen an den Grenzen, wo der Kunden- und Umsatzverlust wegen des Einkaufstourismus am grössten ist.

In dieser misslichen Lage steigt auch die Angst, dass die beiden deutschen Discounter Aldi und Lidl erstmals den Preis so richtig in die Waagschale werfen könnten. Bisher haben sie sich in der Schweiz dem hohen Landesniveau angepasst. Welche Folgen eine Preisoffensive haben kann, zeigt das Beispiel Grossbritannien. Dort haben Aldi und Lidl nach der Finanzkrise mit einem Preis-Powerplay dem Branchenführer Tesco Marktanteile abgejagt und ihn in eine der grössten Krisen seiner Geschichte getrieben. In der Schweiz geistert eine solche Tesco-Entwicklung bisher erst als Szenario herum, wird aber in den Geschäftsleitungen der Händler diskutiert.

Preissenkungen noch und noch

Dass die deutschen Discounter ausgerechnet jetzt angreifen könnten, hat mehrere Gründe, auch historische. Seit dem Markteintritt von Aldi und Lidl erlebte die Branche diverse Schocks. Der Eintritt an sich war der erste. Die Preise sanken ein erstes Mal im Handel – wenn auch nie so stark wie erwartet und möglich. Als sich herausstellte, dass sich die Harddiscounter dem Markt anpassten und die Expansion gemächlich nahmen, kam es zu einer leichten Entspannung. Jedoch nicht für lange. Einen zweiten Schub stellte die Frankenkrise 2011 dar. Die Schweizer wurden zu Einkaufstouristen und machten das Ausland zum inzwischen drittgrössten Detailhändler im Land. Dieser Schock wurde dank dem Euromindestkurs abgefedert. Vor einem Jahr kam dann der grösste und bis heute anhaltende Schub: die Aufhebung des Mindestkurses.

Schleunigst begannen die Händler nach dem 15. Januar 2015 die Produkte zu verbilligen. Mit dem Ergebnis, dass das Preisniveau im Schweizer Detailhandel letztes Jahr um 1,3 Prozent sank. Über die letzten acht Jahre ging es um 1 Prozent zurück. Coop, Migros, Denner und andere Händler haben in den letzten Jahren Preissenkungen von mehreren Hundert Millionen Franken weitergegeben. Bei Denner waren es allein im letzten Jahr 40 Millionen Franken, wie es bei der Migros-Tochter heisst.

Gleichzeitig sind in dieser Zeit die Kosten der Händler gestiegen. Die Mindestlöhne nahmen seit dem Markteintritt von Aldi und Lidl rund 10 Prozent zu. Discounter Denner beispielsweise bezahlte 2008 Mindestlöhne von 3700 Franken im Monat, jetzt sind es 4025 Franken. Im nationalen Vergleich entspricht dieses Plus zwar dem Durchschnitt – nachdem Aldi und Lidl in der Schweiz gestartet waren, stieg das Lohnniveau in der gesamten Branche. Die beiden Discounter sind bekannt dafür, überdurchschnittliche Löhne zu bezahlen. International gesehen ist die Differenz wegen der Wechselkursentwicklung aber viel höher. Zahlen, die dem TA vorliegen, zeigen, dass ein Aldi-Angestellter in der Schweiz in Euro gerechnet über 60 Prozent mehr Lohn bezieht als sein Kollege in Deutschland. Dieser internationale Lohnvergleich ist wichtig, angesichts der wachsenden Bedeutung des Einkaufstourismus, der sich inzwischen auf 11 Milliarden Franken beläuft. «Mit dem Ausland können wir als Schweizer Händler wegen der Wechselkursentwicklung nicht mehr mithalten», sagt ein ranghohes Kadermitglied. Ein derart hoher Verlust an Wettbewerbs­fähigkeit sei kaum wettzumachen, jedenfalls nicht mit Effizienzprogrammen, wie sie bei diversen Händlern laufen. Der Schweizer Handel könne lediglich 10 bis 15 Prozent effizienter arbeiten als die Konkurrenz in Deutschland.

Wege zu mehr Marge

Stellt sich die Frage, wie die Schweizer Detailhändler sonst im Vergleich mit den ausländischen Anbietern wieder konkurrenzfähiger werden können?

  • Der einfachste Weg ist, die Personalkosten zu senken. Im Markt gibt es Hinweise darauf, dass einzelne Firmen entsprechende Massnahmen bereits getroffen haben, zum Beispiel Coop. Die Händlerin selber verneint dies. In Filialen im Grenzgebiet seien zwar teils Abgänge nicht ersetzt worden. Die Personalkosten über die ganz Gruppe seien aber sogar leicht gestiegen. Wie es auf der Stufe Supermärkte aussieht, gibt Coop nicht preis. Klar ist, grosse Stellenabbau­programme gibt es bisher nicht. Die Gewerkschaften sprechen aber von «verdecktem Abbau». «Vielen, die nicht zur Stammbelegschaft gehören, wird das Pensum reduziert», weiss Unia-Frau Nata­lie Imboden. Und gemäss Syna-Gewerkschafter Carlo Mathieu werde in Filialen im Grenzgebiet Personal im Stundenlohn seltener aufgeboten. «Teilweise wird das Personal so stark reduziert, dass gerade noch der Betrieb der Filiale aufrechterhalten werden kann.»
  • Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Warenkosten zu senken, indem die Händler den Anteil der Produkte erhöhen, die sie günstiger aus dem Ausland importieren. Denner importiert 15 Prozent des Gesamtumsatzes. Eine leichte Zunahme der Importquote sei in diesem Jahr denkbar, sagt ein Sprecher. «Wir prüfen laufend Opportunitäten.»

Die Detailhändler haben in den letzten Jahren Preissenkungen von mehreren Hundert Millionen weitergegeben.

Um einiges höher liegen die Importquoten bei Aldi und Lidl. Die Discounter erzielen fast 50 Prozent des Umsatzes mit ausländischen Produkten, die sie direkt oder indirekt über die Zentralen in Deutschland beziehen. Die Quote wollen sie zwar nicht weiter steigern, wie beide betonen. Was sie aber könnten, ist die Preisvorteile richtig auszuspielen

Ein Branchenkenner befürchtet, dass Aldi und Lidl angesichts der schwachen Marktlage einen Preiskrieg anzetteln könnten. «Aldi und Lidl haben schon letztes Jahr Gas gegeben verglichen mit den Vorjahren», sagt der Insider. Sie hätten sehr aktiv Preise gesenkt und dies stark kommuniziert. Ein Beispiel dafür sind die Nespresso-kompatiblen Kaffeekapseln. Nach mehreren Preisrunden kostet eine Kapsel in der Schweiz nun um die 17 Rappen – teilweise weniger als in Deutschland. «Die Discounter könnten aber noch mehr Gas geben», ist der Insider überzeugt.

Kampf um Verkaufsflächen

Mit grossen Preisoffensiven Marktanteile zu holen, ist das Discounter-Rezept schlechthin. Doch könnten Aldi und Lidl ähnlich wie in Grossbritannien mit Tesco die beiden Schweizer Detailhandelsriesen Coop und Migros richtig bluten lassen? Offiziell wiegen die Schweizer Händler ab: Der Markt in Grossbritannien sei nicht mit der Schweiz vergleichbar. Aldi mit 180 Filialen und Lidl mit 102 seien vergleichsweise klein. Coop und Migros würden nach wie vor einen grossen Teil des Marktes abdecken und hätten sehr loyale Kunden.

Dennoch ist der Respekt vor den beiden vergleichsweise jungen Anbietern mit ihren grossen deutschen Mutter­häusern im Rücken riesig. Das zeigt sich beim Kampf um neue Ladenflächen. Dort werde alles unternommen, damit sich Aldi und Lidl nicht zu schnell ausbreiten könnten. «Das Thema Flächen besetzen ist bei Migros und Coop ein wichtiges Thema», sagt ein Kenner.

Dennoch gelingt den beiden deutschen Discountern immer wieder mal ein Coup. Zuletzt konnte sich etwa Aldi mitten in der Zürcher City einen Standort in der Nähe des Hauptbahnhofs sichern. Und der Discounter ist finanziell bestens gerüstet für Investitionen, denn die Ertragslage sei sehr gut, ist zu hören. Auch bei Lidl wird nicht gejammert, sondern von «sehr positiver Entwicklung», «erfreulichem Wachstum» und neuen Investitionen gesprochen.

Ob der seit nunmehr einem Jahr wirkende Schock der Aufhebung des Mindestkurses wirklich vermag, die Detailhandelsbranche umzupflügen, wird sich weisen. Die Veränderungen hängen insbesondere von der weiteren Entwicklung des Wechselkurses ab. Bewegt sich der Kurs zum Euro auf dem heutigen ­Niveau von 1.08 Franken, wird das schmerzvolle Leiden anhalten. Wird der Franken noch stärker, kann aus den düsteren Szenarien Realität werden.

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