Die 9 besten Fabriken der Welt

Kundenorientiert, digital, erfinderisch: Das WEF hat Produktionsstätten ausgezeichnet, die auf ganz unterschiedliche Weise innovativ sind.

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Ein Jahr lang hat das World Economic Forum (WEF) über 1000 Werkstätten unter die Lupe genommen, die als fortschrittlich gelten und laufend versuchen, neue Technologien in die Produktion einzubeziehen. Jetzt hat es seine Resultate veröffentlicht: Neun Fabriken wurden zu sogenannten Leuchttürmen ernannt, also zu Vorbildern für alle anderen Hersteller.

Ziel des WEF ist es nun, ein weltweites Netzwerk von innovativen Produktionsstätten aufzubauen, bei dem die neun Ausgewählten die Führungsrolle übernehmen. Diese haben alle eingewilligt, ihr Know-how mit anderen Unternehmen zu teilen und Probleme zu lösen, die häufig auftreten. Denn eine frühere WEF-Studie hat ergeben, dass 70 Prozent der Unternehmen, die in fortschrittliche Technologien investieren, ihre Projekte nicht über die Pilotphase hinaus treiben. Oft scheitern sie an mangelhaften Umsetzungsstrategien.

Europa und China sind Vorbilder

Hier sollen die «Leuchttürme» den Hebel ansetzen. Laut dem WEF haben sie alle ein breites Spektrum an Technologien der sogenannten vierten industriellen Revolution eingesetzt. Damit ist eine Fusion verschiedener Techniken wie Big-Data-Analyse, künstliche Intelligenz oder 3-D-Druck gemeint, die meist auf computergestützten Algorithmen basieren.

«Diese Pioniere haben einen Wettbewerbsvorsprung geschaffen», sagt Enno de Boer vom Beratungsunternehmen McKinsey, das die Untersuchung zusammen mit dem WEF durchgeführt hat. «Sie haben flexible Teams, denken in verschiedenen Dimensionen und setzen dadurch neue Massstäbe.»

Europa nimmt diesbezüglich eine Vorreiterstellung ein. Fünf der neun besten Fabriken befinden sich hier, drei sind in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China ansässig und nur eine in den USA, das mit dem Silicon Valley oft als fortschrittlichstes Land gilt. Sie sind auf ganz unterschiedliche Art und Weise innovativ, wie die folgende Auflistung zeigt:

Daten als Anlage: Bayer Biopharmaceutical (Garbagnate, Italien) Der biedere Eindruck von aussen täuscht: Die innovative Bayer-Fabrik in der Nähe von Mailand. (Bild: Keystone)

Die Wirtschaft erlebt in Zeiten der Digitalisierung grosse Veränderungen. Die meisten Unternehmen nutzen laut dem WEF aber weniger als 1 Prozent der Daten, die sie insgesamt generieren. Nicht so die Fabrik des deutschen Pharmakonzerns Bayer im italienischen Garbagnate: Hier hat die Datenerfassung und -auswertung zu 25 Prozent tieferen Wartungskosten geführt und Betriebsabläufe 30 bis 40 Prozent effizienter gemacht.


Optimierte Wettbewerbsfähigkeit: Bosch Automotive (Wuxi, China) Vorbild für andere Fabriken: Deutsche Studierende vor der Bosch-Niederlassung im chinesischen Wuxi. (Bild: Campus of Finance)

Die innovativste Werkstätte des deutschen Unternehmens Bosch Automotive, das Autoteile und Zubehör herstellt, liegt in der Wirtschaftsregion Shanghai. Sie hat eine Plattform eingeführt, auf der die Kunden ihre Produkte laufend anpassen können. Zudem setzt es im Hintergrund künstliche Intelligenz ein, um Reparaturbedarf zu erkennen, bevor dieser eintritt.


Kundenorientierte Technologien: Haier (Qingdao, China) Trotz AI braucht es noch den Menschen: Ein Arbeiter in der Werkstätte von Haier. (Bild: Getty Images)

Auch die Haier-Fabrik in Qingdao hat künstliche Intelligenz genutzt, um eine Plattform zu schaffen, auf der Kunden ihre Produkte kontinuierlich anpassen können. Dabei handelt es sich um Waschmaschinen oder Kühlschränke, denn das chinesische Unternehmen ist seit 2009 weltweit Marktführer im Bereich Haushaltsgrossgeräte. Wie bei Bosch werden erforderliche Wartungen schon im Vorhinein erkannt.


Sprechende Maschinen: Johnson & Johnson Depuy Synthes (Cork, Irland)

Depuy Synthes ist ein Franchiseunternehmen für orthopädische und neurochirurgische Firmen und wurde 1998 vom Pharmakonzern Johnson & Johnson erworben. In seiner irischen Produktionsstätte nutzt es das Internet der Dinge, um alte Maschinen miteinander reden zu lassen.

Damit sind Technologien gemeint, die es ermöglichen, physische und virtuelle Gegenstände miteinander zu vernetzen und sie durch Informations- und Kommunikationstechniken zusammenarbeiten zu lassen. Das Resultat: Die Betriebskosten konnten um 10 Prozent und die Ausfallzeiten der Maschinen um 5 Prozent gesenkt werden.


Vorteilhafter Kundenservice: Phoenix Contact (Bad Pyrmont und Blomberg, Deutschland) Besuch in der Werkshalle in Bad Pyrmont: Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, lässt sich die Maschinen erklären. (Bild: Getty Images)

Indem die Fabriken von Phoenix digitale Kopien von jedem Kundenwunsch machen, hat sich ihr Zeitaufwand für Reparaturen und Ersatzlieferungen um 30 Prozent verkürzt. Auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil stattete dem innovativen deutschen Elektronikunternehmen schon einen Besuch ab.


Produkte auf Knopfdruck: Procter & Gamble (Rakona, Tschechien) Von hier aus werden das Waschmittel Ariel und andere Haushaltsprodukte versandt: Lagerhalle von Procter & Gamble in Rakona. (Bild: Getty Images)

Nur einen Knopf müssen die Mitarbeiter des US-Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble laut dem WEF drücken, damit die Maschinen in ihrer Fabrik in Rakona sofort das Produkt ändern, das gerade produziert wird. Damit konnten die Kosten um 20 Prozent verringert und die Produktion um ganze 160 Prozent hochgefahren werden.


Bessere interne Zusammenarbeit: Schneider Electric (Le Vaudreuil, Frankreich) Der weltgrösste Hersteller von Leitungsschutzschaltern: Die Fabrik von Schneider in Le Vaudreuil. (Bild: Getty Images)

Der französische Elektrotechnik-Konzern Schneider ist ein Vorbild für Werksintegration: Das Teilen von Wissen und bewährten Methoden und Prozessen innerhalb des Unternehmens hat alle seine Fabriken effizienter gemacht. Die Energiekosten sanken um 10 Prozent, die Instandhaltungskosten sogar um 30 Prozent.


Vorlagen aus dem 3-D-Drucker: Siemens Industrial Automation Products (Chengdu, China) Hoher Besuch im Jahr 2003: Der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (Mitte) besucht die Siemens-Fabrik in Chengdu. (Bild: Keystone)

In seiner Fabrik in Chengdu nutzt der deutsche Technologiekonzern Siemens 3-D-Simulationen, augmented reality (computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung) und andere Techniken, um die Arbeitsabläufe zu perfektionieren. So konnten die Produktionszeit gesenkt und der Output um 300 Prozent gesteigert werden.


Kundenwünsche schneller erfüllen: UPS Fast Radius (Chicago, USA) Kontrolliert, wie die Maschine arbeitet: Ein Mitarbeiter von Fast Radius vor einem 3-D-Drucker. (Bild: Fortune)

Bei Fast Radius, einem Partner des Versandunternehmens UPS, können kurzfristige Kundenanfragen für Produktänderungen abgewickelt werden. Möglich macht es eine Kombination von weltweit verteilten 3-D-Druckzentren und Produktionsanalysen in Echtzeit. Danke additiver Fertigung – Verfahren zur schnellen und kostengünstigen Fertigung von Modellen, wie die 3-D-Drucktechnik – wird die Wertschöpfungskette verkürzt.


Das WEF lanciert sein Herstellernetzwerk offiziell am 12. jährlichen «Meeting of the New Champions». Dieses findet vom 18. bis 20. September in Tianjin, China statt, also dort, wo drei der neun innovativsten Fabriken der Welt stehen. Fast 2000 Wirtschaftsführer, politische Entscheidungsträger und Experten aus über 80 Ländern werden am Treffen teilnehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 19:58 Uhr

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