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Detailhändler üben gemeinsam Druck aus

Coop und Migros sind bei Einkaufsallianzen dabei. Warum das so ist und was es den Kunden bringt.

Rabatte an Kunden weitergegeben: Coop.
Rabatte an Kunden weitergegeben: Coop.
Gaetan Bally, Keystone

Immer mehr Detailhändler schliessen sich europaweit zu Einkaufsallianzen zusammen. Zuletzt legte der französische Handelsriese Carrefour zusammen mit dem britischen Tesco entsprechende Pläne vor. Zuvor hatte die deutsche Metro eine Kooperation mit dem französischen Auchan und weiteren Händlern unter dem Namen Horizon angekündigt.

Diese Kooperationen üben zunehmend Druck auf die Lebensmittelhersteller aus – wie zuletzt Agecore, zu der auch Coop gehört, auf Nestlé. Dass Coop tatsächlich Nestlé-Produkte aus dem Sortiment nahm und der Streit öffentlich ausgetragen wurde, empfanden Analysten als neue Eskalationsstufe. Ein Überblick, warum immer mehr Händler auf Allianzen setzen und was das dem Endkunden bringt.

Was machen diese Einkaufsallianzen?

Händler schliessen sich zu Allianzen zusammen, um angesichts geringer Margen etwa im Einkauf mehr Macht gegenüber Konsumgüterherstellern zu haben. Neu sei, dass diese immer internationaler würden, sagt ein Detailhandelsexperte dieser Zeitung. Europaweit gibt es mittlerweile mehrere gigantische Allianzen. Agecore, zu der auch Coop gehört, allein generierte 2016 rund 140 Milliarden Euro Umsatz.

Warum gibt es immer mehr solche Allianzen?

Durch die Einkaufsallianzen werde die Stellung der Detailhändler gestärkt und damit ein Kräfteausgleich geschaffen gegenüber der internationalen Lebensmittelindustrie, sagt Josianne Walpen vom Konsumentenschutz. Die Zunahme an Allianzen sind gleichzeitig Zeichen eines Kräftebündelns gegenüber den Discountern: Aldi, Lidl & Co. etwa machen den traditionellen Händlern die Marktanteile strittig. Sie haben mächtige globale Lieferketten aufgebaut, indem sie eine geringe Anzahl Produkte in grossen Mengen einkaufen. So können sie die Preise drücken.

Das setzt auch die Schweizer Detailhändler unter Druck: Je stärker sich Lidl und Aldi in der Schweiz verbreiten, desto rascher müsse etwa Coop seine Preise an jene der Discounter anpassen, sagte zuletzt Reiner Eichenberger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg dieser Zeitung. Für weiteren Druck auf die traditionellen Händler sorgt die Konkurrenz aus dem Internet: Durch Onlineanbieter wie Amazon werden die Karten zwischen Herstellern, Detailhändlern und Konsumenten neu gemischt.

Durch Allianzen können Grosshändler Synergien nutzen, ohne sich tatsächlich zusammenzuschliessen. Die Credit Suisse nannte dies einen «Schritt in Richtung Fusion, ohne tatsächlich zu fusionieren». Das Allianzenmodell sei ähnlich dem bei Airlines mit ihrer Codesharing-Strategie. Diese teilen harmonisierte Flugpläne, Gepäckverarbeitung und Frequent-Flyer-Systeme.

Bei welchen sind die Schweizer Detailhändler Mitglied?

Coop ist beim Verbund Agecore dabei. Dazu gehören Edeka (Deutschland), Intermarché (Frankreich), Colruyt (Belgien), Conad (Italien) und Eroski (Spanien). Die Migros gehört derweil der europäischen Einkaufskooperation AMS an.

Ihr gehören auch die Gruppe Ahold Delhaize, einer der grössten europäischen Detailhändler, oder die britische Gruppe Morrisons an. Im Vergleich zu anderen Einkaufsallianzen verhandle die Migros innerhalb der AMS nicht mit Markenartikelherstellern, sagt Sprecherin Martina Bosshard. Es gehe dabei vor allem um Produkte, die aus dem Ausland gemeinsam beschafft werden und dann als Eigenmarke verkauft werden – etwa Tiefkühlfisch, Dosenprodukte oder Snacks.

Haben Allianzen Erfolge zu verzeichnen?

Dass Händler im Verbund stärker sind, zeigt der Streit von Agecore, zu der auch Coop gehört, mit dem Lebensmittelgiganten Nestlé. Coop hatte vorübergehend rund 200 Produkte von Nestlé aus den Regalen genommen, um bessere Einkaufskonditionen zu erzielen. Darunter etwa Produkte der Marken Thomy, Leisi, Mövenpick, Findus und Nescafé. Am Ende wurde der Streit als Erfolg für die Detailhändler verbucht. Brancheninsidern vermuten, dass Nestlé den Mitgliedern des Verbunds nun bessere Konditionen gewähre: «Es ist klar, das hinter dem Agecore-Vorstoss eine beachtliche Forderung steht», sagte ein Detailhandelsexperte, der anonym bleiben wollte, nach der Einigung.

Was sind die Vorteile für die Konsumenten?

Die Verhandlungen der Allianzen könnten auch den Konsumenten zugute kommen, sagt Walpen vom Konsumentenschutz – vorausgesetzt, die Detailhändler geben die Einsparungen an die Konsumenten weiter. Ob es zu mehr Rabatten und permanenten Preisreduktionen kommt, liegt also in der Hand der Händler. Coop hatte nach der Einigung mit Nestlé bekannt gegeben, Preisrabatte an Kunden weiterzugeben. Während zwei Wochen sollte eine grosse Aktion mit bis zu 30 Prozent Rabatt auf über 500 Nestlé-Produkte durchgeführt werden. Von generellen Preisreduktionen war allerdings keine Rede.

Welche Nachteile bringt die Zunahme von Allianzen?

Wie im Streit zwischen Coop und Nestlé könnten zukünftig häufiger Produkte temporär in den Regalen fehlen. Das, weil die Allianzen die Stellung der Detailhändler stärken und diese mit dem Produktestopp verhandeln könnten. Wenn die Produkte folglich allerdings günstiger in die Läden kommen, sei dies für die meisten Konsumenten wohl verkraftbar, so Walpen vom Konsumentenschutz. «Schlussendlich sind beide Konfliktparteien daran interessiert, dass die Ware in den Regalen steht – dies fördert sicher die Bereitschaft zu Kompromissen.»

Hinzu kommt, dass nur grosse Detailhändler in solche Allianzen aufgenommen werden. Kleinere Anbieter würden also gezwungen, weiterhin zu teureren Preisen einzukaufen, so Walpen. «Dies schwächt deren Konkurrenzfähigkeit und fördert schlussendlich die Konzentration im ohnehin schon sehr konzentrierten Schweizer Detailhandel.» Vonseiten der Wettbewerbskommission (Weko) heisst es, man sehe dies als unproblematisch. «Es macht betriebswirtschaftlich Sinn, dass sich Händler mit einer ähnlichen Grösse und ähnlichen Einkaufsvolumina in einer Einkaufsallianz zusammenfinden», sagt Patrik Ducrey, stellvertretender Direktor der Weko. Zudem sei es kleineren Händlern offen, eine eigene Einkaufsallianz zu gründen, was gewisse bereits getan haben.

Sind solche Allianzen wettbewerbsrechtlich problematisch?

Im Kartellgesetz gebe es keine ausdrückliche Bestimmung zu Einkaufskooperationen, sagt Ducrey von der Weko. Die Weko habe bisher wenig Praxis dazu. Deshalb orientiere sich die schweizerische Behörde bezüglich der kartellrechtlichen Beurteilung von Einkaufskooperationen an der Praxis der EU-Wettbewerbsbehörde. «Demnach sind wettbewerbsbeschränkende Wirkungen von Einkaufsvereinbarungen unwahrscheinlich, wenn teilnehmende Händler auf unterschiedlichen räumlichen Märkten tätig sind und nicht als potenzielle Wettbewerber angesehen werden können.

Da die anderen Mitglieder von Agecore, zu der Coop gehört, nicht in der Schweiz tätig sind, sei dieses aus Schweizer Sicht eher unbedenklich», so Ducrey. Anders würde es sich verhalten, wenn etwa Coop und Migros im gleichen Einkaufsbündnis auftreten würden.

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