Der Wirtschaftsfaktor im Katalonien-Konflikt

Unternehmen verlegen ihren Hauptsitz von Barcelona in andere spanische Regionen, um ihre Aktionäre zu beruhigen und den Zugang zum EU-Binnenmarkt zu sichern.

Kataloniens ungewisse Zukunft treibt die Menschen auf die Strassen – und die dort ansässigen Unternehmen in die Flucht.

Kataloniens ungewisse Zukunft treibt die Menschen auf die Strassen – und die dort ansässigen Unternehmen in die Flucht.

(Bild: Keystone Biel Alino)

Robert Mayer@tagesanzeiger

Unabhängig davon, welchen Ausgang das katalanische Unabhängigkeitsstreben noch nehmen wird – der wirtschaftliche Schaden für die Region im Nordosten Spaniens ist bereits erheblich. Fast schon täglich teilen in Katalonien ansässige Firmen ihre Absicht mit, das rechtliche Domizil ins übrige Spanien zu verlegen. Sorgten anfänglich vor allem in Barcelona sitzende Banken für entsprechende Schlagzeilen, so ist inzwischen eine Vielzahl von Branchen von der Firmenflucht erfasst worden.

Gleichwohl sprechen Beobachter immer noch von einem «Rinnsal» verlagerungswilliger Unternehmen. Sollten sich die Spannungen zwischen der spanischen Zentralregierung und Katalonien weiter verschärfen – etwa im Falle einer Unabhängigkeitserklärung der aufmüpfigen Provinz –, könnte daraus rasch eine «Flut» an Sitzverlegungen erwachsen. Die Madrider Regierung hat die Voraussetzungen hierfür bereits geschaffen: Ende letzter Woche verabschiedete sie ein gleichentags in Kraft getretenes Dekret, das den Firmen den Auszug aus Katalonien leichter macht.

Neu reicht dafür bereits ein entsprechender Entscheid des Verwaltungsrats. Nur jene Gesellschaften, die für einen Domizilwechsel ein Aktionärsvotum in ihren Statuten vorgesehen haben, müssen dieses auch weiterhin vorgängig einholen.

Ihre wirtschaftliche Stärke und Prosperität machte die Provinz zu einer beliebten Destination für ausländische Investoren. Auf die gut 7000 internationalen Firmen, die sich dort niedergelassen haben, entfallen rund 18 Prozent der Beschäftigung und knapp 30 Prozent des Gesamtausstosses von Katalonien.

Bislang haben sich die Auslandsunternehmen auffällig still verhalten in Bezug auf ihre Standortpläne. Ob Seat, die spanische Volkswagen-Tochter, Ferrari, Nestlé oder der niederländische Farben- und Lackhersteller Akzo Nobel – allenthalben heisst es, zum jetzigen Zeitpunkt sei es verfrüht, alle Aspekte eines solchen Entscheids gegeneinander abzuwägen.

Manchen spanischen Firmen verblieb diese Evaluationszeit nicht. Empfindliche Kursverluste an der Börse zwangen sie zu raschem Handeln. Davon betroffen waren insbesondere die Caixabank und der Banco de Sabadell, die Nummern drei und fünf unter den spanischen Geldhäusern. Sie haben vergangene Woche ihr rechtliches Domizil von Barcelona nach Valencia respektive Alicante an der spanischen Ostküste verlagert.

Im Fall von Sabadell ist damit eine 140-jährige Geschichte abrupt zu Ende gegangen. Mit diesem Schritt stellten die beiden Finanzhäuser sicher, dass sie auf jeden Fall unter der Aufsicht der Europäischen Zentralbank und der spanischen Bankenwächter verbleiben. Jeder Zweifel daran hätte das Vertrauen in sie untergraben und schlimmstenfalls zu einem Rückzug der Spareinlagen geführt.

Alle Brücken brechen

Ihren Auszug aus Katalonien bekannt gegeben haben des Weiteren das Energieunternehmen Gas Natural Fenosa, der Textilhersteller Dogi International Fabrics, die Biotech-Firma Oryzon Genomics, der Immobilienhändler Inmobiliaria Colonial sowie die Telcomanbieter Cellnex und Eurona. Sie alle sind nun offiziell in Madrid beheimatet.

Gleiches gilt für den Autobahnbetreiber Abertis, dennoch bleibt dessen weitere Zukunft ungewiss: Ob sich der italienische Mitbewerber Atlantia, der Abertis für 16 Milliarden Euro übernehmen will und kurz vor der Zustimmung durch die spanische Regierung stehen soll, noch an das Angebot gebunden fühlt, ist fraglich. Zumindest dürfte sich die Transaktion verzögern.

Die in Katalonien verbleibenden Unternehmen müssen im Falle einer Unabhängigkeitserklärung damit rechnen, dass sie den Zugang nicht nur zum spanischen Markt, sondern zum gesamten EU-Binnenmarkt verlieren werden.

Natürlich könnten sich die Katalanen um eine Mitgliedschaft in der EU bewerben, doch bis das Aufnahmeprozedere abgeschlossen sein wird, dürften etliche Jahre vergehen. In dieser Zeit wird der junge unabhängige Staat völlig auf sich allein gestellt bleiben – ohne irgendein Handelsabkommen mit einem Drittland. Verglichen damit, befindet sich Grossbritannien nach dem Brexit in einer geradezu komfortablen Ausgangslage.

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