Der «Schweizer Flixbus» ist gestartet

Seit drei Wochen verkehren Fernbusse auf drei Linien im Inland. Noch ist die Nachfrage bescheiden, wie ein Augenschein auf der Strecke Zürich–Bern zeigt.

Der Carparkplatz hinter dem Hauptbahnhof Zürich: Von hier fahren die täglichen Inlandfernbusse. Foto: Samuel Schalch

Der Carparkplatz hinter dem Hauptbahnhof Zürich: Von hier fahren die täglichen Inlandfernbusse. Foto: Samuel Schalch

Ernst Meier@tagesanzeiger

«Bitte finde dich 15 Minuten vor der Abfahrt an der Haltestelle ein», steht auf dem Ticket. Dies sei wichtig, weil der Gepäckverlad bei vielen Fahrgästen Zeit in Anspruch nehme, heisst es bei Eurobus. Doch von einem Passagieransturm ist der Fernfahrtenanbieter weit entfernt.

Seit dem 10. Juni verkehrt die überblickbare Alternative zur Bahn auf drei Strecken: St. Gallen–Genf, Chur–Sitten und Zürich Flughafen–Basel–Lugano. Erste Reisende berichten von fast leeren Bussen. Offizielle Zahlen zum Start gibt Eurobus nicht bekannt. Laut Roger Müri, Geschäftsführer Eurobus Swiss-Express, sei man aber mit dem bisherigen Start zufrieden.

Ganz ohne Dichtestress

Gestern Morgen, 8.10 Uhr, am Zürcher Carparkplatz hinter dem Hauptbahnhof. Zur vorgesehenen Abfahrtszeit ist der erwartete Fernbus nach Bern noch nicht auf dem Platz. Emsiges Treiben herrscht auf dem Parking am Sihlquai, vier giftgrüne Flixbusse stehen bereit, daneben unauffällig beschriftete Cars, die Touristen in den Süden fahren, dazwischen Dutzende Reisende mit Rollkoffern und Rucksäcken. Mit 10-minütiger Verspätung trifft der Fernbus ein. Er ist am Morgen um 6 Uhr in Chur gestartet.

21 Personen sind bei der Fahrt von Zürich nach Bern dabei. Alle sitzen im oberen Stock, von Dichtestress keine Spur, es hätte Platz für 55 Reisende. Wer sich nicht zurücklehnt und die Augen schliesst, tippt auf sein Smartphone. Zu neuen Begegnungen und einem lebhaften Gespräch kommt es in der ersten Reihe. Mit freier Sicht in Fahrtrichtung sitzt Roger (69) aus Gränichen AG. Der Pensionär hat den Platz im Eurobus aus reiner Neugier gebucht. Als Besitzer eines Generalabonnements bezahlt er nur 5 Franken Platzreservation. So fuhr er am Morgen mit dem Zug von seinem Wohnort nach Zürich, um den Fernbus nach Bern auszuprobieren.

Im Abteil neben Roger nehmen Tatjana (44) und ihre Nichte Katarina (16) Platz. Sie haben ein Ticket bis nach Montreux gekauft. Weshalb im Fernbus? «Mir sind lange Zugreisen zu anstrengend», sagt die gebürtige Russin, die in Zürich lebt. Sie habe einen tiefen Blutdruck, «und wenn der Zug durch lange Tunnels fährt, wird mir schwindlig», sagt sie. Die Aussicht auf die Landschaft sei im Bus traumhaft, schwärmt sie.

Katarina und Tatjana reisen gern im Bus. Bild: PD

Einige leere Reihen hinter Tatjana sitzen René (33) und Jorge (25) aus Miami, USA. Eigentlich kommen sie aus Havanna, Kuba. Doch vor zehn Jahren verliessen sie die Karibikinsel und fanden in den USA Arbeit als Softwareingenieure. Nun reisen sie mit dem Rucksack durch Europa – in Ibiza und Valencia waren sie, das Wochenende verbrachten sie in Zürich. Von Eurobus haben sie noch nie gehört. Dafür kennen sie Flixbus, mit dessen App sie die Fahrt via Bern nach Montreux ans Jazzfestival gebucht haben. «Wenn wir nicht den Flieger nehmen, reisen wir im Flixbus», sagt René.

Das Münchner Unternehmen Flixbus hat sich innert fünf Jahren zum grössten europäischen Fernbussystem entwickelt. Die Busse halten in 1400 Orten in 28 Ländern. Von der Schweiz aus fährt Flixbus 200 europäische Ziele an. Als der Bund signalisierte, dass man den Markt öffnen will, rechneten einige damit, dass auch hierzulande Flixbus loslegen würde. Doch es kam anders. Flixbus bewarb sich nicht für eine Konzession. Die auf Ferienfahrten spezialisierte Domo Reisen ging in die Offensive und erhielt als erstes Carunternehmen im Februar die Bewilligung für drei Fernbuslinien. Beim Pionier merkte man jedoch, dass das Projekt in der Umsetzung schwieriger werden würde. Die Konzession kam mit kostspieligen Auflagen: Anschluss ins Tarifsystem mit Halbtax und GA, rollstuhlgängige Cars mit entsprechenden Toiletten, elektronisches Reservationssystem. Zudem dürfen lukrative Strecken nicht bedient werden – beispielsweise von Winterthur nach Zürich oder an den Flughafen Kloten.

Zusammenarbeit mit Flixbus

Im April übernahm die zur Knecht-Gruppe gehörende Eurobus den Domo Swiss Express, noch ehe er an den Start ging. Wie viel Eurobus die Einigung mit Domo wert war, ist nicht bekannt. Es zirkuliert eine Schätzung auf gegen 2 Millionen Franken. Anfang Juni gab Eurobus die Zusammenarbeit mit Flixbus beim Buchungssystem bekannt. Alle Fernfahrten im Inland können über dessen Website und App gebucht werden – Eurobus entspricht so nach aussen Flixbus.

Mit dem Fernbus zahlen die Exil­kubaner Jorge und René für die vierstündige Fahrt von Zürich nach Montreux 18.50 Franken pro Person. Die entsprechende Reise im Zug dauert nur zwei Stunden und 40 Minuten, das Ticket kostet aber 80 Franken (ohne Halbtax).

Auch der Musiker Philippe (29) aus Zürich hat sich aus Budgetgründen in den Fernbus gesetzt. Er freut sich über den Besuch seiner Freundin Luciana (28) aus Argentinien. An diesem Montag will er ihr Bern zeigen. Da Eurobus letzte Woche während zweier Tage die Möglichkeit bot, eine Reise im Juli für nur 5 Franken zu buchen, schlugen sie zu.

«Wir haben bisher praktisch keine Werbung gemacht.»Roger Müri

Kurz vor 10 Uhr erreicht der Fernbus Bern. Er fährt aber nicht in die Innenstadt, sondern hält gleich nach der Autobahnausfahrt Bern-Neufeld – mit einem öffentlichen Bus sind es nochmals 10 Minuten bis in die Innenstadt.

Weshalb sind die Eurobusse trotz Reisezeit und Rabattaktionen nicht besser ausgebucht? «Wir haben bisher praktisch keine Werbung gemacht», sagt Roger Müri. Eurobus sei es wichtig, dass erst das Buchungssystem und alle Abläufe reibungslos funktionierten. Eine erste Bilanz werde man im Herbst ziehen, sagt Müri. Es sei auch möglich, dass das Streckennetz dann noch angepasst werde. Von einer Verbesserung des Angebots geht Müri im November aus. Dann werden die neuen Cars mit Rollstuhlplätzen und behindertengerechten Toiletten sowie Verpflegungsangebot eingesetzt.

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