Der heimliche König von Burgdorf

Willy Michel, Selfmade-Milliardär aus Burgdorf, wird 70 Jahre alt. Der Gründer und Präsident von Ypsomed hat sich ein kleines Familienimperium aufgebaut – aber auch das schöne Leben nicht vernachlässigt.

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Adrian Sulc@adriansulc

Vom Schlafzimmer aus gelangt man direkt aufs oberste Deck. Es ist mit einer Freiluftdusche und einem Whirlpool ausgestattet. Weitere Extravaganzen finden sich in den Stockwerken darunter: etwa ein Esstisch, der in die Decke gefahren werden kann, um den Raum in eine Disco zu verwandeln. Da gibt es auch ein Cheminée, einen Personenlift und, versteckt im Bug, eine Garage für zwei Motorräder.

Vive la Vie heisst die Jacht, die Willy Michel sein Eigen nennt. 60 Meter lang ist das Schiff. In den letzten Monaten war er damit in Seattle, auf Hawaii und auf den Philippinen. Derzeit ankert es vor Darwin, Australien. Auch wenn Willy Michel nicht an Bord ist, kümmert sich die Besatzung um die Riesenjacht. Doch nicht immer, wenn die Arbeit ruft, muss der Wirtschaftsmann in die Schweiz zurückfliegen: Auf der Vive la Vie hat er sein eigenes Büro. «Über Satellit bin ich immer mit der Firma verbunden», sagte Michel einmal dem «Bund». Im Dschungel des Amazonas habe er mehr Ruhe gehabt, um zu arbeiten, als am Hauptsitz seiner Ypsomed in Burgdorf.

Die Jacht soll rund 80 Millionen Franken gekostet haben. Eine deutsche Werft hat das Schiff so gebaut, dass es bis zu 13'000 Kilometer weit fahren kann, ohne einmal anzuhalten. Das entspricht der Strecke von Genua nach Buenos Aires. 43 Tonnen Frischwasser und 135 Tonnen Diesel finden gemäss dem Prospekt der Werft im Schiffsrumpf Platz. So verfügt die Jacht über maximale Autonomie – ganz nach dem Geschmack des Unternehmers, der sich weder von Banken noch von anderen Aktionären gerne reinreden lässt.

Vom Lehrling zum Schlossherr

Anders als bekannte Sparfüchse wie Ikea-Gründer Ingvar Kamprad oder der Schweizer Investor Martin Ebner, beides ebenfalls Selfmade-Milliardäre, schreckt Willy Michel nicht davor zurück, sein Vermögen auch in das schöne Leben zu investieren. So hat er im Jahr 2000 das Schloss Gümligen gekauft und zur modernen Residenz ausgebaut. In der Garage des stattlichen Anwesens stehen mehrere teure Sportwagen.

Heute vor 70 Jahren wurde Wilhelm Michel in Burgdorf geboren. Sein Vater war Rangiermeister bei der Bahn. Michel selbst machte eine Lehre als Chemielaborant bei Ciba-Geigy in Basel. Dann besuchte er in Bern die Handelsschule, in St. Gallen erwarb er später ein Managementdiplom. Er arbeitete sich in verschiedenen Pharmafirmen hoch, bis er 1981 Schweiz-Chef des Insulinherstellers Nordisk wurde. Insulin ist der Stoff, den der Körper von Diabetikern nicht selbst produzieren kann. Er muss deshalb gespritzt werden. Michel erkannte das Potenzial des Diabetesmarkts und gründete drei Jahre später mit seinem Bruder Peter Michel in der Heimatstadt Burgdorf die Disetronic AG.

Die Brüder Michel stellten nicht das Insulin selbst her, sondern tüftelten an Methoden, wie es einfacher verabreicht werden kann. Sie brachten einerseits elektronisch gesteuerte Insulinpumpen auf den Markt, das sind kleine Geräte, die am Körper getragen werden und die durch einen kleinen Schlauch automatisch die nötigen Dosen Insulin in den Körper spritzen. Andererseits entwickelten die Michels den Pen: eine einfach zu bedienende, feine Spritze in Form eines Kugelschreibers, mit welcher sich Zuckerkranke selbst stechen können.

Peter Michel verliess die Disetronic 1995, Willy Michel führte das Unternehmen alleine weiter, bis er es 2003 für mehrere Hundert Millionen Franken an Roche verkaufte. Gleichzeitig kaufte er die Rechte für die Pen-Spritzen zurück. Das Geschäft kam 2004 unter dem Namen Ypsomed an die Börse. Willy Michel und seine drei Kinder halten aber über 70 Prozent der Aktien. Ypsomed ist ein Glücksfall für Burgdorf. Denn jener Teil von Disetronic, den Roche übernahm, wurde zehn Jahre später nach Deutschland verlagert. Das Familienunternehmen Ypsomed ist hingegen noch da.

Nachdem die Ypsomed 2009 einen Grosskunden verloren hatte, sanken Umsatz und Gewinn jahrelang. Doch Michel liess sich nicht beirren und gab Jahr für Jahr zu Protokoll, dass der Talboden bald erreicht sei und neue Projekte in Sicht seien. Unternehmen, die von Finanzinvestoren geführt werden, hätten sich diese Durststrecke nicht leisten können. Doch Michel kannte den Markt so gut wie nur wenige und vertraute darauf, dass das Unternehmen auch ohne Kursänderung wieder prosperieren würde. Er sollte Recht behalten.

Zwei Herzen in der Brust

Das heisst nicht, dass Michel ein geduldiger Arbeitgeber ist. Als Verwaltungsratspräsident hat er bereits drei Chefs vor die Türe gestellt. Als die Geschäfte nicht gut liefen, hat er überzählige Mitarbeiter in Produktion und Kader entlassen. Der Emmentaler Wirtschaftsführer zeigt – zumindest im Geschäftsleben – kaum Emotionen. Michel rechnet knallhart und äussert sich auch entsprechend. «Die Löhne in Tschechien sind vier- bis fünfmal tiefer als hier», sagte er an der letztjährigen Ypsomed-Medienkonferenz. Es tönte nicht bedauernd, sondern wie eine Drohung. Die Botschaft: Wenn die Produktion in der Schweiz zu teuer wird, müssen wir dorthin, wo es sich lohnt. Tatsächlich hat Michel letztes Jahr entschieden, ein neues Werk im ostdeutschen Schwerin zu bauen. Und seine Vive la Vie fährt nicht unter Schweizer Flagge, sondern unter jener der Cayman Islands – wohl aus steuerlichen Gründen.

Doch in Willy Michels Brust schlagen zwei Herzen. Obwohl er sich gerne kompromisslos kapitalistisch und erzliberal gibt, liegt ihm viel am heimischen Werkplatz. So beschäftigt er gut zwei Drittel der 1300 Ypsomed-Angestellten in den Schweizer Fabriken in Burgdorf und Solothurn. Er beklagt sich immer wieder über die Nationalbank, die den starken Franken nicht mehr mit einem Euro-Mindestkurs bekämpft, was die heimische Industrie unterstützte. Anhänger der reinen Marktlehre haben die Aufhebung des Mindestkurses dagegen bejubelt.

Augenfällig wird Michels Heimatliebe in seiner Heimatstadt: Im Burgdorf hat er das Museum Franz Gertsch gestiftet, sich am Energieprojekt Solarstadt Burgdorf beteiligt und mehrere Hotels und Restaurants gekauft, die es sonst womöglich nicht mehr gäbe. In Burgdorf versuchte sich Michel einmal sogar als Politiker. 1998 wurde der FDP-nahe Parteilose auf Anhieb in die Stadtregierung gewählt. Sein Prestigeprojekt, die Privatisierung der Industriellen Betriebe Burgdorf, wurde vom Volk aber klar verworfen. Michel trat nach knapp drei Jahren nicht mehr zur Wiederwahl an. Der Berner Unternehmer Johann Schneider-Ammann, den Michel nur «Hannes» nennt und als «guten Freund» bezeichnet, war deutlich ausdauernder.

Die Söhne arbeiten mit

Willy Michels Sohn Simon ist politisch ambitionierter als der Vater: Im März wurde er für die FDP ins solothurnische Kantonsparlament gewählt, und es ist gut möglich, dass er sich in zwei Jahren um einen Nationalratssitz bewerben wird. Der 40-Jährige hat vor drei Jahren den Chefposten bei Ypsomed übernommen. Simon Michel hat einen deutlich weniger spröden Auftritt als sein Vater, er ist ein Marketingmann. Die beiden haben sich offenbar gut arrangiert, auch wenn im Zweifelsfall der Verwaltungsratspräsident und damit der Vater entscheidet.

Willy Michels zweiter Sohn Serge ist Chef der Bieler Uhrenmanufaktur Armin Strom – auch dieses Unternehmen, das auf einen Burgdorfer Uhrmacher zurückgeht, befindet sich in Familienbesitz. Gut möglich, dass auch Willy Michels drittes Kind, seine Tochter aus zweiter Ehe, dereinst in einen der Michel-Betreibe einsteigen wird. Möglichkeiten gäbe es viele: von der Medizinaltechnik über die Autozulieferer-Industrie (Willy Michel ist grösster Aktionär der Berner Adval Tech) bis zum Hotelmanagement. Gar eine Bierbrauerei gehört zum kleinen Imperium: Im Burgdorfer Restaurant Schützenhaus wurde früher das Burgdorfer Bier gebraut. Auf der alten Anlage der Brauerei stellt das Restaurant heute ein süffiges Amber-Bier mit 4,9 Prozent Alkohol her – es heisst Willy-Bier. Offiziell ist es nach dem Willybecher, einem Bierglastyp, benannt. Doch inoffiziell ist es natürlich eine Huldigung an den heimlichen König von Burgdorf.

Der Bund

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