Angestellte beraten statt Prügel beziehen

Arbeitskonflikte werden in Frankreich äusserst hart ausgetragen. Der Pneumulti Michelin will mit einer neuen Kultur den Graben zwischen Beschäftigten und Chefs schliessen.

Fehlendes Vertrauen zwischen Bossen und ihren Angestellten in Frankreich: Wegen drohender Stellenverluste reissen erboste Air-France-Beschäftigte im Oktober 2015 ihrem obersten Personalchef Xavier Broseta (r.) und dem Langstrecken-Chef Pierre Plissonier das Hemd herunter.

Fehlendes Vertrauen zwischen Bossen und ihren Angestellten in Frankreich: Wegen drohender Stellenverluste reissen erboste Air-France-Beschäftigte im Oktober 2015 ihrem obersten Personalchef Xavier Broseta (r.) und dem Langstrecken-Chef Pierre Plissonier das Hemd herunter. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frankreich ist in Aufbruchstimmung. Die Bevölkerung dort und die Welt ausserhalb erwartet vom neuen Präsidenten Emmanuel Macron fast schon Wunder. Er soll politische und wirtschaftliche Strukturen aufbrechen, die das Land behindern. Ein besonders grosses Problem, das ihm dabei im Weg steht, sind festgefahrene und konfliktreiche Verhältnisse zwischen den Beschäftigten und ihren Chefs.

Das jüngste Beispiel ist ein Konflikt bei GM&S in Guéret, einem Zulieferunternehmen der beiden grossen Autokonzerne PSA Peugeot Citroën und Renault. Weil ein Werk des Unternehmens vor der Schliessung steht, drohen Beschäftigte mit dessen Zerstörung. Bereits haben sie Maschinen zerstört, und laut Gewerkschaftern soll die Fabrik mit Gasflaschen und Benzinkanistern vermint worden sein, mit denen man das Gebäude je nach Reaktion auf ihre Forderungen in die Luft sprengen wolle.

Tradition der Gewalt

Ein solches Vorgehen ist in Frankreich nicht aussergewöhnlich. Schon 2009 haben Beschäftigte des Unternehmens New Fabris in Chatelleraut nach der Verminung ihrer Fabrik mit Gasflaschen damit gedroht, diese in die Luft zu jagen, sollte die Firma bereits entlassenen Beschäftigten nicht eine Abfindung von je 30’000 Euro bezahlen.

Ein weiteres Beispiel für scharfe Arbeitskonflikte in Frankreich ist das sogenannte Bossnapping. Damit ist die Entführung von Managern durch die Belegschaft gemeint. Vorgekommen ist das schon bei Caterpillar, Sony, 3M und kleineren Unternehmen. Juristisch verfolgt dafür werden die Beschäftigten in der Regel nicht. Für Aufsehen gesorgt hat im Oktober 2015 auch das Bild des Air-France-Personalchefs Xavier Broseta, als ihn Fernsehkameras mit zerrissenem Hemd halb nackt gezeigt haben, wie er einer aufgebrachten Menge zu entkommen versuchte, die ihn entsprechend hergerichtet hatte. Das Management hatte im Vorfeld einen Sparplan präsentiert, durch den 2900 Stellen gefährdet waren.

Dass angespannte Verhältnis zwischen den Chefs und den Mitarbeitern in Frankreich zeigt sich nicht nur dann, wenn Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Es hat auch mit der schon oft beschriebenen Unternehmenskultur zu tun, wie sie in Frankreich vorherrscht. Meist ist sie von einem ausgeprägten Paternalismus geprägt und vom gegenseitigen Misstrauen zwischen einem elitären Management und den Beschäftigten.

Eine neue Kultur bei Michelin

Vor diesem Hintergrund ist das Experiment besonders bemerkenswert, dem sich seit rund drei Jahren der Pneuhersteller Michelin unterzogen hat. Das Zauberwort heisst hier «Responsabilisation». Das britische Finanzblatt «Financial Times» hat den Besonderheiten des dort versuchten Kulturwandels eine längere Reportage gewidmet. Im Vordergrund steht, dass das Management gezielt Verantwortung für die täglichen Produktionsprozesse an die Beschäftigtenteams abgibt. Die Aufgabe der Chefs soll sich vor allem auf das Coaching beschränken, die Beratung und die Begleitung dieser Prozesse. Klar beim obersten Management sollen die strategischen Entscheide für das Unternehmen verbleiben.

Einst erhielten die Teams Befehle vom Chef und hatten diese jeden Tag zu erfüllen. Neu planen die Teams selbst die Woche im Voraus und regeln, wie sie sich organisieren sollen, um die gesteckten Ziele zu erreichen. In einer Präsentation wurde der Kulturwandel mit einer Dampflokomotive verglichen, die unter dem Kommando eines Lokomotivführers stand, hin zu einem Hochgeschwindigkeitszug, den ein ganzes Team lenkt, das eng zu diesem Zweck zusammenarbeitet.

Das Ziel des Wandels ist nicht in erster Linie das Verhindern von Arbeitskonflikten, sondern vielmehr eine grössere Agilität und Anpassungsfähigkeit. Der Graben zwischen Management und Beschäftigten soll verschwinden: Letztere sollen nicht nur deutlich mehr Einfluss erhalten und gestärkt werden, sondern auch mehr Verantwortung übernehmen. Die Beschäftigten sollen so auch mehr Verständnis für die Bedürfnisse des ganzen Unternehmens erhalten. Das Delegieren der Verantwortung auf das Team statt auf die einzelnen Beschäftigten sorgt zudem für einen gewissen Gruppendruck, aber auch dazu, dass es nicht zu einem Wettbewerb zwischen den Einzelnen kommt, der dem Teamgeist schadet. Um die neuen Rollen zu unterstreichen, hat das Unternehmen von einer Sie- auf eine Du-Kultur umgestellt.

Zu früh für ein Urteil

Wie erfolgreich der Wandel letztlich ist, hängt davon ab, ob alle mitspielen. Das grösste Risiko ist laut Michelin-Konzernchef Jean-Dominique Senard, dass das Management die neue Kultur nicht rasch genug umsetzt und mitträgt und die Beschäftigten nicht entsprechend schult und einführt. Ein Zurück zur alten Unternehmenskultur sei aber nicht mehr denkbar.

Beim unteren Management ist die Gefahr der Frustration tatsächlich am grössten. Denn dessen Rolle wird zunehmend infrage gestellt, wenn die Teams vieles auch ohne die einstigen Chefs tun können und Letztere nur noch als Coach tätig sind. Dazu kommt, dass viele im Management nicht vom Modell überzeugt sind und den Hauptzweck ihres Jobs darin sehen, mehr Geld für das Unternehmen zu verdienen, und in der neuen Struktur vor allem eine teure Erhöhung der Komplexität sehen.

Bisher jedenfalls war Michelin sowohl gemessen am Börsenkurs wie bei den Gewinnen gut unterwegs. Wie das allerdings mit der neuen Unternehmenskultur zusammenhängt, lässt sich nicht bestimmen. Zudem zeigt sich deren Erfolg oder Misserfolg ohnehin erst über eine längere Frist. Und vor allem dann, wenn das Unternehmen durch die Marktlage einmal gezwungen sein wird, harte Entscheide zu treffen – wie etwa die Schliessung von Fabriken – und es Entlassungen aussprechen muss.

Die Lehre von Michelin für die Politik des neuen Präsidenten Emmanuel Macron ist jedenfalls, dass er nur dann Erfolg hat, wenn er auf die Kultur in den Unternehmen und in der französischen Gesellschaft einwirken kann. Eine Voraussetzung dafür ist zumindest, mehr Vertrauen und Verständnis für die verschiedenen Rollen und Positionen in den Unternehmen zu schaffen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.05.2017, 17:45 Uhr

Artikel zum Thema

Frankreich und Deutschland planen Neustart

Kooperation der Streitkräfte, gemeinsame Botschaften – Paris und Berlin wollen eng zusammenarbeiten. Einen Tag nach seiner Amtseinführung reist Präsident Macron zu Kanzlerin Merkel. Mehr...

Gesucht: Retter der Nation

Leitartikel Wirtschaftskrise, Überdruss, ungewisse Mehrheiten: Wer morgen die französische Präsidentschaftswahl gewinnt, ist nicht zu beneiden. Mehr...

Revolution statt Reform

In Paris ist der Terror zurück, die Parteien stehen am Abgrund, die Extremisten sind im Aufwind: Frankreich schickt sich an, das System einzureissen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Das Potenzial von Megatrends nutzen

Thematisches Investieren setzt sich neben regionalem und sektoriellem Anlegen immer mehr durch.

Kommentare

Blogs

Der Poller Das Verschwinden aller Dinge
Tingler Bin ich fix?

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...