Das leidvolle Auf und Ab von Tamiflu

Das Roche-Grippemittel verliert den Patentschutz. Nun kommen die ersten Generika. Die Geschichte eines lukrativen wie umstrittenen Medikaments.

War eine Weile enorm begehrt: Das Grippemittel Tamiflu aufgenommen in einer Apotheke in Effretikon.

War eine Weile enorm begehrt: Das Grippemittel Tamiflu aufgenommen in einer Apotheke in Effretikon.

(Bild: Keystone Steffen Schmidt)

Andreas Möckli@AndreasMoeckli

Zunächst galt es als Wundermittel, später wurde es im übertragenen Sinn als Beruhigungspille für die Bevölkerung bezeichnet. Und zuletzt hagelte es von aussen fast nur noch scharfe Kritik. Die Rede ist vom Grippemittel Tamiflu aus dem Hause Roche. Kaum ein Medikament hat vermutlich derart viel zu reden gegeben, sieht man mal von Viagra oder dem Antidepressivum Prozac ab.

Nun hat die US-Gesundheitsbehörde FDA grünes Licht für das erste Generikum gegeben, da der Patentschutz in den USA ausläuft. Der indische Generikahersteller Natco Pharma hat zusammen mit dem US-Partner Alvogen die Exklusivrechte erhalten, um sechs Monate lang exklusiv Generika von Tamiflu zu vertreiben. Danach dürfen auch die anderen Hersteller Nachahmerprodukte des Grippemittels lancieren.

Vogelgrippe 2003 brachte Wende

Tamiflu wird als einer der grossen Kassenschlager in die Roche-Annalen eingehen, auch wenn das Präparat nicht mit den umsatzstarken Krebsmedikamenten des Basler Pharmakonzerns mithalten kann. Seit der Lancierung von Tamiflu 1999 setzte Roche rund 15,7 Milliarden Franken um. Zunächst brachte das Präparat kaum Geld ein. Dies änderte sich, als Ende 2003 in Hongkong erstmals das Vogelgrippevirus entdeckt wurde. Die Angst vor einer Pandemie machte aus dem Ladenhüter einen Umsatzbringer.

Auf Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) deckten sich über 50 Länder vorsorglich mit dem Grippemittel ein. Selbst einzelne Privatpersonen legten zu Hause einen Notvorrat an. Aufgrund der Hamsterkäufe waren Apotheken zeitweise gar mit einem Lieferengpass konfrontiert.

Erster Höhepunkt 2006

In der Folge stieg der Druck, Tamiflu in möglichst grossen Mengen zu möglichst tiefen Preisen zu liefern. Auch aus Sorge vor einem erheblichen Rufschaden erhöhte der Pharmakonzern die Kapazitäten innert dreier Jahre um das Acht- bis Zehnfache. Gleichzeitig beschlossen alleine die USA, mehr als 4 Milliarden Dollar in die Pandemievorsorge zu investieren. Ein Teil davon wurde für ein Tamiflu-Lager eingesetzt. Neben zahlreichen Ländern bauten auch Unternehmen Notvorräte auf, um für den Ernstfall gewappnet zu sein. Im Jahr 2006 erreichte der Umsatz mit Tamiflu einen ersten Höhepunkt.

Im selben Jahr kamen Zweifel an der Wirksamkeit des Medikaments auf. Das renommierte Forschernetzwerk Cochrane Collaboration zog die Potenz des Wirkstoffs infrage, sehr zum Ärger von Roche. Zudem mehrten sich Meldungen, wonach Tamiflu bei immer mehr Virenstämmen versagte.

Die Angst vor einer neuerlichen Pandemie liess diese Bedenken und Mängel in den Hintergrund treten. Denn 2009 wurde in Mexiko erstmals das Schweinegrippevirus entdeckt. Die Zahl der anfänglich beobachteten Todesfälle und die rasche Ausbreitung auf andere Länder liessen schlimmste Befürchtungen aufkommen. Da die WHO die Schweinegrippe zur Pandemie erklärte, wiederholte sich die Geschichte wie damals mit der Vogelgrippe. Regierungen, Unternehmen und Private füllten ihre Lager und Notvorräte von neuem auf. Das ­Resultat: Tamiflu spülte im Jahr 2009 bei Roche 3,2 Milliarden Franken in die Kasse.

Trotz der weltweit 18'000 Todesfälle trafen die noch weit schlimmeren Befürchtungen der WHO nicht ein. So schnell sich die Aufregung um das Virus legte, so markant sank der Tamiflu-Umsatz.

2009 folgt der grosse Streit

Noch 2009 begannen die Forscher von Cochrane, sich mit dem Basler Pharmakonzern anzulegen. Sie forderten den Zugang zu sämtlichen klinischen Studien zum Grippemittel. Roche weigerte sich jedoch während Jahren, sämtliche von den Cochrane-Forschern gewünschten Daten offenzulegen. Der Streit führte so weit, dass das «British Medical Journal» eine Kampagne startete, um mit offenen Briefen Roche zum Einlenken zu bewegen. Vereinzelt ertönte gar der Ruf nach Boykotten oder Gerichtsklagen, was jedoch nicht in die Tat umgesetzt wurde.

2014 lieferte Roche dann sämtliche gewünschte Daten. Cochrane fasste diese zu einer sogenannten Meta-Analyse zusammen, die sämtliche verfügbaren Studien berücksichtigte. Das Resultat war verheerend: Verglichen mit einem Placebo verkürze das Grippe­medikament die Dauer der Symptome im Schnitt lediglich um einen halben Tag. Zudem existierten keine brauchbaren Belege dafür, dass Tamiflu die Zahl von Spitaleinlieferungen und Komplikationen bei Grippeerkrankungen verringern könne. Unbewiesen sei auch die Behauptung, wonach die präventive Behandlung mit Tamiflu verhindern könne, dass sich jemand mit dem Grippevirus anstecke und es weiterverbreite. Hämische Kommentare folgerten, dass Tamiflu nicht viel besser wirke als ein Kamillentee.

Nur 20 der 77 Studien berücksichtigt

Roche wehrte sich mit Kräften gegen die Schlussfolgerungen der Cochrane-Forscher. Letzteren waren lediglich 20 der insgesamt 77 klinischen Studien gut genug, um sie für die Meta-Analyse zu berücksichtigen. Die restlichen Studien hätten den minimalen Qualitätsanforderungen der Cochrane-Forscher nicht genügt. Roche dagegen warf ihnen vor, eine selektive Auswahl getroffen zu haben, die nur schwer nachvollziehbar sei. Der Pharmakonzern wies darauf hin, dass das Medikament in allen wichtigen Märkten von den Behörden zugelassen ist.

Mit dem Patentablauf dürfte die leidige Geschichte nun endgültig ad acta gelegt werden. Auch in Europa ist der Patentschutz im ersten Halbjahr abgelaufen. Generika sind laut Roche zwar noch nicht erhältlich, doch das dürfte eine Frage der Zeit sein.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt