Wie Schweizer Firmen um bis zu 70 Prozent zulegen

Es nennt sich das Kaizen-Prinzip: In der Schweizer Industrie steht dieser Management-Ansatz aus Japan gerade hoch im Kurs.

Arbeitsabläufe optimieren: Mitarbeiter einer Textilfabrik (Archiv).

Arbeitsabläufe optimieren: Mitarbeiter einer Textilfabrik (Archiv).

(Bild: Keystone)

Matthias Pfander@MatthiasPfander

Es klingt wie eine Fantasiezahl: Die Firma Franke Coffee Systems hat ihren Ausstoss an Kaffeemaschinen im letzten Jahr um 70 Prozent erhöhen können. Statt 115 Maschinen verlassen nun 200 Maschinen pro Woche die wichtigste Montagelinie – und dies bei gleich hohem Personaleinsatz. Die imposante Produktivitätssteigerung erzielte das Unternehmen laut Franke-Chef Alexander Zschokke dank der Kaizen-Methode. Die Zuwendung zu diesem aus Japan stammenden Managementansatz scheint in der Schweizer Industrie gerade hoch im Kurs zu stehen. So ist etwa auch der Wäschehersteller Zimmerli auf dem Kaizen-Trip, genauso wie der Klebebandhersteller Siga oder das Autozulieferunternehmen Autoneum.

Kaizen heisst frei übersetzt: Veränderung zum Guten und meint, dass ein Unternehmen seine Prozesse und Abläufe ständig zu verbessern versucht. Im Fall der Kaffeemaschinen bei Franke bedeutete dies, dass zuerst einmal der ganze Warenfluss analysiert werden musste. Dann folgte der nächste Schritt: «Wir haben sämtliche Prozesse in der Montage auf Qualität, Präzision und Geschwindigkeit optimiert», erzählt der Franke-Chef. Auch der Einkauf wurde von den Massnahmen erfasst, ebenso die Abläufe bei den Lieferanten. Franke setzte sich mit seiner Einkaufsmacht zudem dafür ein, dass Zulieferer ihre Rohstoffe zu besseren Konditionen erhalten.

Dennoch sei der Preis beim Einkauf nicht das einzige Kriterium, sagt Franke-Chef Zschokke: «Wir nehmen in Kauf, dass wir teurer einkaufen, wenn uns der Lieferant dafür beispielsweise schnellere und flexiblere Lieferzeiten bieten kann.» Ein weiterer Optimierungsschritt bestand darin, die Lieferanten einen Teil des Zusammenbaus erledigen zu lassen: «Statt vieler Einzelteile verbauen wir heute mehr Module. Das heisst, unsere Fertigungstiefe ist heute kleiner», erklärt Zschokke.

«Es kommt zu einem Blutbad»

Auch KWC, Hersteller von Armaturen für Küchen und Badezimmer, wurde einer solchen Kaizen-Kur unterzogen. Resultat: Die Produktivität steigerte sich dort um 30 Prozent.

Stellt sich die Frage, wie es vor diesen Optimierungsschritten um die Franke-Gruppe stand. «Zu meinen, dass zuvor vieles im Argen lag, ist naheliegend, aber ein Fehlschluss. Franke hat noch nie Verlust geschrieben», entgegnet Alexander Zschokke.

Die Firma Franke Coffee Systems beliefert unter anderem die Fast-Food-Kette McDonald's. Foto: Emile Warmsteker (Bloomberg)

Nach der Aufhebung der Euro-Untergrenze rechnete der Aargauer Industrielle Michael Pieper, zu dessen Artemis-Holding die Franke-Gruppe gehört, mit dem Schlimmsten. «Bleibt der Eurokurs so wie jetzt, kommt es in der gesamten Schweizer Exportwirtschaft zu einem Blutbad», sagte er vor einem Jahr gegenüber der «Aargauer Zeitung». Das sei keine Angstmacherei gewesen, nahm Pieper gestern zu seinen damaligen Äusserungen Stellung. Der Abbau in der Basisindustrie sei massiv, nur die Firmen im Hightechbereich hätten schnell reagieren und die Effekte durch den starken Franken überkompensieren können.

Mit McDonald’s durch die Krise

«Die Aufhebung des Mindestkurses beim Euro zwang uns, den Fokus voll auf die Produktivität zu legen», sagt Franke-Chef Alexander Zschokke. Mit Kaizen und sogenannten Lean-Methoden, aber ohne Arbeitszeitverlängerungen im grossen Stil, wie er beteuert. Lediglich ein Team von rund 20 Mitarbeitenden habe für einen Auftrag während kurzer Zeit länger gearbeitet. Einen Teil der erzielten Produktivitätsverbesserungen gibt die Franke-Gruppe den Kunden in Form von tieferen Preisen weiter. Das verbesserte die Position insbesondere auch im Geschäft mit McDonald’s.

Laut Zschokke liefert Franke weltweit mehr als die Hälfte der Kücheneinrichtungen von McDonald’s. Die Krise beim Fastfood-Riesen und dessen Ausbaustopp in Asien und den USA bekam Franke direkt zu spüren und erlitt letztes Jahr allein deswegen eine Umsatzeinbusse von 92 Millionen Franken. Nun hat sich das Geschäft mit Franke Foodservice Systems – wie die Küchen für die Systemgastronomie heissen – im ersten Quartal dieses Jahres aber bereits wieder besser entwickelt. Der Umsatz hat gegenüber der Vorjahresperiode um knapp 19 Prozent zugelegt. Franke-Chef Alexander Zschokke ist die Erleichterung darüber anzumerken: «McDonald’s hat eine unglaubliche Erneuerungskraft. Sonst wäre ein solcher Kunde mit so viel Umsatzanteil bei uns tatsächlich ein Klumpenrisiko.»

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