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Das Elixier der Schönen macht satt

Kate Winslet schluckt sie, Gwyneth Paltrow nimmt davon, und Oprah Winfrey setzt sie als Diätmittel ein: Die Alge Spirulina. Nun soll sie gegen Mangelernährung zum Einsatz kommen – mit Schweizer Hilfe.

Die Mikroalge Spirulina gilt nicht nur als Schönheits- und Energiespender, sondern auch als das eiweissreichste Lebensmittel der Welt. Foto: Charlie (Laif)
Die Mikroalge Spirulina gilt nicht nur als Schönheits- und Energiespender, sondern auch als das eiweissreichste Lebensmittel der Welt. Foto: Charlie (Laif)

Kate Winslet schluckt sie, Gwyneth Paltrow nimmt davon, und Oprah Winfrey setzt sie als Diätmittel ein. Die drei ­US-Berühmtheiten schwören auf die ­Mikroalge Spirulina. Diese ist als Schönheits- und Energiespender bekannt. Spirulina soll gut sein für die Haut, die Ausdauer, die Abwehr und die Verdauung. Sie gilt mit einem Anteil von 70 Prozent als das eiweissreichste Lebensmittel der Welt. Die Alge enthält essenzielle Aminosäuren, viele Nährstoffe, Spurenelemente, grosse Menge Vitamine und Antioxidantien.

Das Elixier der Schönen soll jetzt auch als Nährstoffspender für Arme zum Einsatz kommen. Die Genfer Non-Profit-Organisation Antenna Technologies Foundation will mit Produkten, die auf Spirulina basieren, Mangelernährung in Indien bekämpfen. «Studien belegen, dass ein Gramm getrocknete Spirulina pro Tag Symptome von Mangelernährung bei zwei- bis fünfjährigen Kindern innerhalb einiger Wochen lindert und oft behebt», sagt Selina Haeny, Projektleiterin bei ­Antenna und zuständig für Indien. Mit 42 Prozent habe das Land laut der Weltbank einen der höchsten Anteile an Mangelernährten weltweit. Spirulina sei quasi ein Treiber, der die bessere Aufnahme von Nährstoffen aus der Nahrung ermögliche.

Arme sollen kaufen

Die nach Fisch riechende Alge ist für die vielen Vegetarier in Indien kein Leckerbissen. Es ist eine Herausforderung, dass sie dennoch eingenommen wird – ins­besondere bei der Zielgruppe von ­Antenna. Die Organisation, die bereits seit 20 Jahren in Indien tätig ist, will vor allem Kinder, Schwangere und stillende Mütter damit erreichen. Die Lust der Kleinen auf das grüne Mittel soll mit ­einem Gummibärchen geweckt werden. «Das Bonbon hat zwar noch die grüne Farbe, aber einen süsslichen Geschmack», sagt Haeny. Prototypen seien gut angekommen.

Doch die Herausforderungen sind noch gross. Nicht nur, dass der Geschmack stimmt. Jetzt muss das Gummibonbon in Serienproduktion. Ein Hersteller ist noch nicht bestimmt. Künftig kommt eine Holcim-Tochter in Indien, die Ambuja Cement, als Produzentin für Spirulina infrage, mit dem aus der Zementproduktion entstandenen CO2. Klar ist, die Kosten für Produktion, Verpackung und Vertrieb müssen tief gehalten werden. Denn die Gummibärchen sollen nicht einfach gratis ­abgegeben, sondern verkauft werden. Einen hohen Preis dürfen sie nicht ­haben. «Wir wollen es für eine bis zwei Rupien verkaufen», sagt Haeny. Das entspricht einem Prozent des Durchschnitts­einkommens eines unter der Armutsgrenze lebenden Inders.

Symbolischer Preis

«Ein Verkauf ist nachhaltiger, als die Produkte einfach gratis abzugeben, da wir so auch mehr Menschen erreichen ­können», begründet Haeny. Die Leute müssten sich bewusst für das Produkt entscheiden und ein Verlangen danach haben. Einen Gewinn damit zu realisieren, sei nicht das Ziel, sagt Haeny. «Spirulina wird zudem nicht von Antenna Technologies Foundation selber verkauft, sondern über Partner vor Ort», so Haeny weiter. Deren allfällige Gewinne würden wieder in Spirulina-Projekte investiert.

Experten stufen die Abgabe gegen einen Preis als sinnvoll ein. «Ein bis zwei Rupien sind auch für indische Verhältnisse definitiv nur ein symbolischer Preis», sagt Katharina Michaelowa, Professorin am Institut für Politikwissenschaften der Universität Zürich, die als profunde Indienkennerin gilt. Einen symbolischen Preis zu verlangen, sei nützlich, wenn nicht sicher sei, ob die Ware bei der Zielgruppe wirklich anerkannt sei, sagt die Professorin mit Forschungsschwerpunkt Effizienz von Entwicklungshilfe. «Denn wenn sie kostenlos abgegeben wird, landet sie vielfach im Müll.» Ein minimaler Preis hingegen stelle sicher, dass nur diejenigen das Produkt erhielten, die es auch wirklich nutzen wollten. «Damit beugt man einerseits Verschwendung vor, anderseits kann man besser überwachen, ob und in welchem Mass man die Zielgruppe erreicht hat», sagt Michaelowa.

Um den Erfolg des Bonbonverkaufs zu messen, arbeitet Antenna mit der Berner Firma Pessoss zusammen, die auf Kommunikationssysteme in der Entwicklungshilfe spezialisiert ist.

Doch den Entscheidungsprozess zu beeinflussen, ist nicht einfach, gerade wenn es um Ernährung geht. Einige Organisationen und Firmen haben schon versucht, angereicherte Lebensmittel zu vermarkten – ohne grossen Erfolg. Ein Beispiel ist der Nutririce. Ein mit Mikronährstoffen angereicherter Reis, der vom Schweizer Industrieunternehmen Bühler und der niederländischen Life-Sciences-Firma DSM entwickelt wurde. Gut möglich, dass lokal verankerte Vorhaben wie das Spirulina-Projekt von Antenna, das keinen Gewinn abwerfen muss, bessere Chancen haben.

Bescheidene Ziele

Ob das grüne Gummibärchen ankommt, soll Anfang nächsten Jahres getestet werden. Dann wird ein gross angelegtes Pilotprojekt starten, an dem 2000 mangelernährte Kinder und Erwachsene teilnehmen. Neben den Bonbons sollen sie gleichzeitig Informationen über Mangelernährung erhalten. «Wir sind dabei, eine Kampagne zu erarbeiten», sagt Haeny. 92 Prozent der Mütter in Indien seien sich den schwerwiegenden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Mangelernährung nicht bewusst.

Die Ziele scheinen dennoch recht bescheiden. «Wir planen, in den nächsten fünf Jahren eine Million Kinder, Teen­ager, Schwangere und stillende Mütter aus der Mangelernährung zu holen», sagt Haeny. An den 1,2 Milliarden Einwohnern von Indien gemessen, ist das nichts, gibt die Antenna-Projektleiterin selber zu. Wenn man aber die grossen Herausforderungen bei Produkt und Vertrieb beachte, sei das Ziel hoch gesteckt. «Wir möchten sicherstellen, dass die Produktion, klinische Studien und Marketingstrategie auch auf grosser Stufe funktionieren, um so möglichst viele Menschen zu erreichen», sagt Haeny.

Denn bei einem Erfolg will die Organisation das Gummibärchen auch in anderen Ländern vertreiben. Dazu laufen bereits Studien, welche anderen Lebensmittel geeignet sind, Spirulina beizufügen.

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