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Chinas Wirtschaftselite ist nervös

Noch höhnen Chinesen über die Krise im Westen. Doch haben viele nicht realisiert, was das für die eigene Exportwirtschaft heisst.

Endlich sei der amerikanische Cowboy dabei, von seinem hohen Ross zu fallen, glaubt die Zeitung «China Daily». Sie druckte diese Woche einen schadenfrohen Artikel mit dem Titel «Fäulnis in der US-Version des Finanzkapitalismus». In einer Karikatur unter dem Text war ein schwitzender Cowboy zu sehen, dessen Pferd gerade zusammengebrochen ist. Genüsslich zählte der Autor die Schwächen des amerikanischen Systems auf und konnte sich auch einen Seitenhieb auf das Hegemonialstreben der Amerikaner nicht verklemmen, das sie damit finanziert hätten.

«Das Ende des Kapitalismus» wähnt so mancher Linke in China nun bereits in Reichweite, beispielsweise ein Blogger namens Shunfeng. Politisch haben seit Beginn der Krise die linken Hardliner Aufwind, und die Befürworter der Reform- und Öffnungspolitik sehen sich in die Defensive gedrängt.

400 Spielzeugfabriken schon dicht

Was die Ideologen übersehen, und was die zensierten Staatsmedien kaum erörtern dürfen, ist die tiefe Verunsicherung in den eigenen Wirtschaftskreisen. Die Krise hat das Potenzial, auch China empfindlich zu treffen. Exporte und Investitionen machen zusammen 60 Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts aus. Die sinkende Nachfrage in den USA lässt Chinas Exportsektor schon seit Monaten empfindlich schrumpfen. 10 Prozent der rund 4000 Spielzeugfabriken im Perlfluss-Delta haben schon zugemacht, schätzt der Verband der Spielzeughersteller in Hongkong. Allein seit Beginn dieses Jahres haben 1500 taiwanesische Produzenten in der Boomstadt Dongguan ihre Manufakturen in China geschlossen. Dieser Trend dürfte sich nun beschleunigen.

Seit exakt dreissig Jahren, seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik, kennen die Chinesen nur wirtschaftliches Wachstum, nur scheinbar immerwährenden Aufschwung. Jetzt aber machen Millionen von ihnen erstmals bittere Bekanntschaft mit einem zumindest einzelne Sektoren treffenden Abschwung. Zwar hat die Schweizer UBS für Festlandchina die Gesamt-wachstumsprognose für dieses Jahr nur ganz leicht von zehn auf 9,6 Prozent heruntergestuft. In Zeiten, wo der Rest der Welt vor einer Rezession zittert, klingt das zwar noch immer wie ein Traum. Doch jedes Prozent Wirtschaftswachstum ist in China für zehn Millionen Jobs verantwortlich. Die Schmerzgrenze für die Volkswirtschaft wäre daher nicht erst bei Nullwachstum, sondern viel eher erreicht, argumentieren einzelne Experten. «Ich glaube nicht, dass sich China ein BIP-Wachstum von weniger als fünf Prozent leisten kann», sagt der chinesische Ökonom Sun Fei.

Vor allem wegen der grossen Abhängigkeit der Wirtschaft von ihren Exportmärkten in Übersee ist die Wirtschaftselite des Landes derzeit sehr nervös. «Eine harte Zeit hat begonnen. Die meisten Chinesen haben es nur noch nicht mitbekommen», sagt ein chinesischer Investmentbanker in Shanghai, der nicht namentlich zitiert werden will. Ein Indiz für die schlechte Stimmung ist der chinesische Aktienindex, der seit dem vergangenen Oktober um 66 Prozent gesunken ist. Zwar ist das relative Gewicht des Börsenkapitals in Chinas noch immer halbstaatlichem Wirtschaftssystem verhältnismässig gering, doch der Trend ist unverkennbar.

Keine gut regulierten Banken

Auch was Chinas eigenes Finanzsys-tem betrifft, wäre eigentlich alles andere als Schadenfreude über strauchelnde Cowboys angebracht. Die Banken sind nicht gut reguliert, und ihre Widerstandskraft gegen eine globale Krise ist alles andere als sicher. «Chinas Finanzsektor hinkt dem relativ soliden System in den USA weit hinterher», schrieb der Wirtschaftswissenschaftler Wu Xiaoling diese Woche in dem angesehenen Wirtschaftsblatt «Caijing». Das sind mutige Worte in einer Zeit des Chaos an der Wallstreet. Doch Wu warnt seine Landsleute trotzdem vor Überheblichkeit. «Obwohl die USA derzeit von einer nie dagewesenen Finanzkrise geplagt werden, spielen sie noch immer eine führende Rolle in der Welt, und der Dollar hält eine dominante Position», schreibt Wu Xiaoling. Von all dem sei China noch immer weit entfernt. Die weitere Deregulierung des Finanzsystems, nicht etwa eine noch strengere Regulierung, sei daher die dringlichste Reformaufgabe in China, so der Experte.

Die unmittelbare Zukunft sieht für solch mutige Reformforderungen jedoch eher düster aus. Chinas Wirtschaftspolitik ist unter Präsident und Parteichef Hu Jintao ohnehin vorsichtiger geworden. Angesichts Millionen neuer Arbeitsloser wird die Experimentierfreudigkeit der Führung zweifellos weiter abnehmen.

Millionen machen zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Abschwung.

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