Britische Börse steckt Brexit-Schock weg

An der Londoner Aktienbörse stehen trotz schlechter Wirtschaftsprognosen die Aktienkurse schon wieder höher als vor dem Ja zum EU-Austritt. Was ist passiert?

Börseneinsturz: Händler an der Börse von London, während im Fernsehen David Cameron seinen Rücktritt ankündigt. (24.06.2016)

Börseneinsturz: Händler an der Börse von London, während im Fernsehen David Cameron seinen Rücktritt ankündigt. (24.06.2016)

(Bild: Reuters Russell Boyce)

Stefan Eiselin@tagesanzeiger

Nach dem Ja der Briten zum EU-Austritt gab es vergangenen Freitag an der Londoner Börse kein Halten mehr. Die Anleger warfen ihre Aktien en masse auf den Markt. Kein Wunder: Der Brexit beschert der Insel zumindest vorübergehend ein langsameres Wirtschaftswachstum und ihren Unternehmen tiefere Gewinne. Darin sind sich die Experten einig. Do-it-Yourself-Rezession war das Wort, das umgehend die Runde machte. Und so so sackten die Kurse in den Keller. Der britische Leitindex FTSE 100 startete am Morgen nach dem Volksentscheid mit minus 9 Prozent – der jäheste Fall seit dem Schwarzen Montag am 19. Oktober 1987. Am Ende verblieb ein Minus von 3,2 Prozent. Milliarden an Buchwerten wurden vernichtet.

Eine Woche später scheint der Schock schon wieder verarbeitet zu sein. Nachdem am Montag der Ausverkauf weiter ging, kletterten die Aktienkurse in London Tag für Tag höher. Inzwischen stehen sie wieder auf Vor-Abstimmungsniveau. Der Leitindex FTSE 100 steht wieder über 6500 Punkten. Dabei hat sich an der fundamentalen Ausgangslage nichts verändert. EZB-Ratsmitglied Peter Braet prognostizierte heute, dass das Abstimmungsresultat wohl auf die Stimmungslage der Wirtschaftsakteure drücken werde und das Investitionen und Konsum bremse. Der britische Finanzminister George Obsorne sprach gleichentags auf Twitter von «klaren Anzeichen eines wirtschaftlichen Schockes nach dem Leave-Votum».

Wie ein Pawlowscher Hund

Handeln die Anleger also irrational? Überhaupt nicht. Denn sie sind inzwischen wie ein Pawlowscher Hund darauf konditioniert, dass bei Problemen die Notenbanken zur Hilfe eilen und Liqudität in den Markt pumpen. Genau das haben sie auch seit dem Brexit-Votum getan. Das billige Geld fliesst mitunter an die Börse, wo sich Anleger Gewinne erhoffen. Das Spiel funktioniert seit Jahren so. Seit der Finanzkrise und verstärkt während der Eurokrise sowie nach dem Franken-Schock versorgen die amerikanische Fed, die europäische EZB, die britische Bank of England oder auch die Schweizerische Nationalbank die Märkte mit Milliarden und Abermilliarden an Liquidität.

Das treibt die Kurse. Die Bank of England hat seit dem Brexit-Votum die Schleusen besonders weit geöffnet. Und sie ist bereit mehr zu tun. Bank-of-England-Gouverneur Mark Carney erklärte am Donnerstag in einer Rede, man sei bereit, in den kommenden Monaten noch mehr zur Ankurbelung der Wirtschaft zu tun. Analysten erwarten deshalb eine Zinssenkung in Grossbritannein um 0,25 Prozentpunkte. Tiefe Zinsen sind Musik im Gehör von Investoren, weil sie Aktein relativ attraktiver machen und die künftigen Gewinne der Unternehmen wertvoller werden.

Auch SMI wieder höher

Nicht nur in London ist dank Schützenhilfe von Bank of England, EZB und SNB der Brexit-Schock verflogen. Auch der Schweizer Leitindex SMI steht wie auch der deutsche Dax und der New Yorker Dow Jones Industrial wieder über 8000 Punkte und damit über dem Niveau vor dem Brexit-Ja. Analysten warnen jedoch. Die Lage sei fragil, schreibt die Investmentbank HSBC. Die Stimulierungsmassnahmen der Notenbanken würden die rasche Erholung erklären. «Wir glauben aber nicht, dass diese Rally nachhaltig ist».

DerBund.ch/Newsnet

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