Bono bono

Apple wollte seinen Kunden das neue U2-Album schenken. Nach Protesten helfen sie nun, es zu entsorgen.

Was nichts kostet, ist nichts wert: Das Gratisalbum verkommt für U2 zum PR-Desaster. Foto: Stephen Lam (Reuters)

Was nichts kostet, ist nichts wert: Das Gratisalbum verkommt für U2 zum PR-Desaster. Foto: Stephen Lam (Reuters)

Michèle Binswanger@mbinswanger

Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach einem langen Arbeitstag nach Hause, schliessen die Wohnung auf und finden in Ihrem Wohnzimmer vier ältere Herren vor. Sie rauchen, saufen ihnen den Whiskey weg, brüllen bei ihrem Erscheinen «Überraschung!», setzen sich getönte Brillen auf die Nase und krächzen Lieder, die Ihnen akute Kopfschmerzen verursachen. Als sie endlich abgehauen sind, räumen Sie die Gläser ab, leeren die Aschenbecher und fragen sich, was das sollte.

Etwas Ähnliches haben die Band U2 und der Tech-Gigant Apple vergangene Woche gemacht. Ungefragt luden sie das neue Album der Band auf 500 Millionen iTunes-Konten. Als Geschenk an die treuen Fans, so hiess es. Mit dem Unterschied, dass man ein echtes Geschenk im Normalfall zurückweisen kann. Vor allem wenn es Übelkeit und Kopfschmerzen verursacht.

Und sowieso – woher diese plötzliche Freigebigkeit? Bono ist bekannt als vehementer Gegner jeglicher Form von Gratiskultur. Sie mache die Musik gewöhnlich, während sie für ihn etwas Heiliges sei, sagt er. Nachdem der Deal mit Apple über die Bühne gegangen war, stellte Band­manager Guy Oseary gegenüber «Time Magazine» klar: Nicht die Band selber habe das Album verschenkt, sondern Apple. Und Bono ergänzte: «Wir machen nicht mit bei diesem ‹Free-Music-Zeugs›.Wir wurden bezahlt.»

Er wäscht seine Hände also in Unschuld. Kein Wunder, heisst das Album ausgerechnet «Songs of Innocence», Lieder der Schuldlosigkeit. Was natürlich reiner Hohn ist. Vielmehr ist dieser Albumdeal eine weitere Bestätigung des Bonmots: «Ist ein Produkt gratis, bist du wahrscheinlich selbst das Produkt.»

Junk als Geschenk

Die Antwort auf die Frage nach dem «Cui bono» – «Wem zum Vorteil» – lautet denn auch «Bono bono». Nicht zu verwechseln mit «Bunga Bunga». Aber sicherlich könnte Bono sich Bunga Bunga à gogo leisten mit den 100 Millionen Dollar, die Apple ihm und seiner Band bezahlt haben soll.

Dafür weiss nun eine halbe Milliarde iTunes-Benutzer, dass U2 in den vergangenen zwanzig Jahren nicht wirklich frischer geworden sind. Der ranzige Beigeschmack des Deals führte denn auch weltweit zu Protesten, worauf Apple gestern eilig eine Website aufschaltete, einzig und allein zum Zweck, das Album mit einem Klick aus der Bibliothek und dem eigenen musikalischen Universum entsorgen zu können. Besten Dank.

«Free» ist ein wertvolles Gut – sei es die Freiheit, Inhalte tauschen zu können, oder sei es die Freiheit, Geschenke nicht annehmen zu müssen. Die durch die Digitalisierung geförderte Gratis­kultur mag für Kreative ein Fluch sein und für Vermarkter ein bislang ­u­ngelöstes Problem. Aber immerhin wird sie beflügelt von der Leidenschaft für Musik. Und mit dem richtigen Businessmodell lässt sich die auch zu Geld machen. Bonos famoser Deal hingegen macht aus seiner Musik etwas, das man möglichst schnell wieder loswerden will. Man nennt das Junk. Vielleicht sollte er beim nächsten Whiskey mal darüber nachdenken.

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