«Von Clowns entworfen ... von Affen überwacht»

Boeing-Mitarbeiter verspotteten intern den Konzern und die Aufsichtsbehörde – und sie wussten, dass die «737 Max» Probleme machte.

Hart in der Kritik: Das Flugzeug 737 Max 8 von Boeing. Bild: Ted S. Warren, AP/Keystone

Hart in der Kritik: Das Flugzeug 737 Max 8 von Boeing. Bild: Ted S. Warren, AP/Keystone

Boeing übermittelte am Donnerstag eine Flut von Dokumenten an den amerikanischen Kongress. Der Inhalt sei «provokativ» und «inakzeptabel», sagte der Flugzeughersteller in einer Medienmitteilung und erklärte, wieso er sich dennoch dazu entschied, diese zu veröffentlichen. Man wolle Transparenz schaffen und mit den Behörden kooperieren, heisst es. Die mehreren Hundert Dokumente belasten das Image des bereits stark angeschlagenen Unternehmens weiter.

Aus vielen der Mails und anderen Kurznachrichten, die Boeing in der Nacht zum Freitag veröffentlichte, spricht Verachtung für das Boeing-Management, aber auch für die US-Luftfahrtaufsicht FAA und andere Genehmigungsbehörden. «Würdest du deine Familie in ein Flugzeug stecken, dessen Piloten an einem MAX-Simulator geschult wurden? Also ich nicht», so der Austausch zwischen zwei Angestellten. «Nein», die Antwort des anderen.

Kritik wurde auch am Design des Flugzeugs und denjenigen, die es entworfen haben, laut: «Dieses Flugzeug wird von Clowns entworfen, die ihrerseits von Affen beaufsichtigt werden», heisst es in der Nachricht eines Mitarbeitenden. Weiter fiel es einigen Angestellten offenbar schwer, eine Zulassung des Flugsimulators zu befürworten: «Gott hat mir noch nicht vergeben, was ich vergangenes Jahr verschleiert habe», schreibt einer.

Kurz vor Weihnachten trat Dennis Muilenburg nach heftiger Kritik als amtierender Präsident von Boeing zurück. Sein Nachfolger, der bisherige Verwaltungsratschef David Calhoun, präsidiert das Unternehmen ab Montag.

«Zutiefst verstörend»

Sowohl Boeing als auch die US-Luftfahrtaufsicht FAA wiesen am Donnerstag darauf hin, dass die veröffentlichten Dokumente keine weiteren Sicherheitsbedenken nach sich ziehen würden. «Seither haben sowohl interne als auch externe Experten die fraglichen Simulatoren immer wieder getestet und qualifiziert», heisst es vonseiten des amerikanischen Flugzeugherstellers.

Lynn Lunsford, Sprecher der US-Luftfahrtaufsicht, bestätigt dies gegenüber der «New York Times»: «Nach Prüfung der Unterlagen für den in den Dokumenten genannten spezifischen Simulator hat die Agentur festgestellt, dass das Gerät in den letzten sechs Monaten dreimal bewertet und qualifiziert worden ist. Alle in den Dokumenten festgestellten potenziellen Sicherheitsmängel wurden behoben.»

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im US-Repräsentantenhaus, Peter DeFazio, sagte, die Mitteilungen zeichneten ein «zutiefst verstörendes Bild davon, wie weit Boeing zu gehen bereit war, um einer Überprüfung durch Regulierungsbehörden, Flugzeugbesatzungen und der Öffentlichkeit zu entgehen, obwohl eigene Mitarbeiter die Alarmglocken schrillen liessen». DeFazio leitet die Untersuchung der beiden Abstürze im Parlament.

Wiederinbetriebnahme unklar

Die 737 Max wurde so konzipiert, dass Piloten relativ einfach vom alten Modell, der 737 NG, auf das neue umsteigen konnten. Als kostensparende Massnahme verzichtete Boeing ursprünglich auf den Flugsimulator-Zwang für Piloten. «Du kannst 30 Jahre keine NG mehr geflogen sein und trotzdem in eine Max springen? Ich liebe es!!!», schrieb ein Pilot im schriftlichen Verkehr mit einem Kollegen.

Boeing beharrte auch nach den beiden fatalen Abstürzen Ende 2018 und Anfang 2019 nicht auf einen Zwang zur Absolvierung eines Trainings am Flugsimulator. Am Dienstag erst verkündete der Hersteller, man empfehle allen Max-Piloten vor der Wiederinbetriebnahme der 737 Max neben einem Training am Computer auch eines am Simulator. Wann eine Wiederinbetriebnahme jedoch erfolgt, ist nach aktuellem Stand noch unklar. Erst kürzlich wurden weitere Mängel am Maschinentyp festgestellt, wie die «New York Times» vor wenigen Tagen publik machte.

Nach zwei Flugzeugabstürzen mit insgesamt 346 Todesopfern erklärte sich Boeing im März 2019 bereit, alle Flugzeuge des betroffenen Modells zu grounden, was das Unternehmen bereits mehrere Milliarden Dollar gekostet hat. Ursächlich für die beiden Abstürze war unter anderem ein Fehler beim neu eingeführten automatischen Steuerungssystem, welcher dazu führte, dass die beiden Maschinen autonom den Sinkflug einleiteten.

sho/sda

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