Axa-Umbau lässt KMU zittern

Der Versicherer bietet keine Vollversicherungen für Pensionskassen mehr an. Für die Firmenkunden sind das beunruhigende Aussichten – vor allem für kleinere.

Die berufliche Vorsorge ist ein schwieriger Markt: Arbeiter in einem kleinen Gemüsebetrieb Foto: Urs Jaudas

Die berufliche Vorsorge ist ein schwieriger Markt: Arbeiter in einem kleinen Gemüsebetrieb Foto: Urs Jaudas

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Gut möglich, dass der Industrieverband Swissmem die Bedeutung des gestrigen Entscheids der Axa-Gruppe noch etwas unterschätzt. Die frühere Axa-Winterthur will ihren Firmenkunden in der beruflichen Vorsorge (BVG) keine Vollversicherungen mehr anbieten. Diese Vollversicherungen sind so etwas wie Rundum-sorglos-Pakete für die Firmenkunden. Die BVG-Guthaben der Versicherten werden im Vollversicherungsmodell gänzlich garantiert – egal, wie es an den Finanzmärkten aussieht. Der Versicherer trägt die Anlagerisiken.

Was der Ausstieg von Axa aus der Vollversicherung für die Verbandsmitglieder bedeute, wollte diese Zeitung von Swissmem wissen. Die Antwort: «Diese Fragestellungen gehören nicht zu unseren Kernthemen.»

Einiges deutet indes darauf hin, dass das Thema viele Swissmem-Mitglieder beschäftigen dürfte. Vor allem kleinere und mittelgrosse Unternehmen könnten durch das schrumpfende Angebot an Vollversicherungen in Schwierigkeiten geraten. «Der Blick auf die KMU macht mir Sorgen», sagt Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands. «Viele haben nicht das nötige Know-how und die Ressourcen, um die Risiken im BVG zuverlässig einschätzen zu können.»

Potenziell teure Lücke

Doch immer mehr von ihnen dürften in Zukunft dazu gezwungen werden, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. Denn: Die berufliche Vorsorge ist für die Versicherer ein schwieriger Markt – und die angekündigte Neuausrichtung der Axa-Gruppe wirft ein grelles Schlaglicht darauf.

Für die betroffenen Firmenkunden von Axa bedeutet der Übergang von der Vollversicherung zu einem teilautonomen Vorsorgeangebot, dass sie neu das Anlagerisiko selber tragen müssen. Sollte es nach einem Börsencrash zu Unterdeckungen in der Sammelstiftung kommen, wären schlimmstenfalls diese Unternehmen gezwungen, mit eigenen Mitteln für einen entsprechenden Ausgleich zu sorgen.

Das kann teuer werden: Swiss Life als grösste Anbieterin von Vollversicherungen mit einem Marktanteil von 34 Prozent – vor der Axa mit rund 30 Prozent – musste 2008 als Folge der horrenden Börsenverluste rund eine Milliarde Franken einschiessen. Die teilautonomen Vorsorgeeinrichtungen übernehmen nur noch das Todesfall- und das Invaliditätsrisiko.

Für die Firmenkunden der Axa stellt sich jetzt die Frage, ob sie das Angebot der Versicherung zu einem Wechsel in eine teilautonome Lösung akzeptieren. Eine Alternative, so Gewerbeverbandsdirektor Bigler, seien auch Lösungen innerhalb von Verbänden. «Durch die Zusammenarbeit kann man teils die fehlenden Ressourcen ausgleichen.» Die Kunden können auch versuchen, bei einem Konkurrenten eine Vollversicherungspolice abzuschliessen. Letzteres erweist sich aber als zunehmend schwierig, weil auch andere Lebensversicherer beim Abschluss von Vollversicherungen bremsen.

Eingeschränkter Spielraum

Der Branche bläst der Wind gleich aus mehreren Richtungen entgegen: Die längere Lebenserwartung der Menschen führt zu steigenden Versicherungsleistungen, zugleich schränken Tiefzinsen und die für Vollversicherungen besonders restriktiven Anlagevorschriften die Ertragsspielräume ein.

«Für die Unternehmen und ihre Angestellten führen diese Einflüsse zu einem immer ungünstigeren Preis-Leistungs-Verhältnis», sagt Fabrizio Petrillo, Chef der Axa-Gruppe in der Schweiz, im Gespräch mit dieser Zeitung. Er ist denn auch zuversichtlich, durch die Entscheidung nur relativ wenige Kunden zu verlieren.

Zum einen verweist Petrillo auf die durchschnittlich rund 30 Prozent tieferen Risikoprämien für das Todesfall- und das Invaliditätsrisiko, welche die Kunden mit den neuen teilautonomen Stiftungen im Vergleich zur heutigen Vollversicherung zu bezahlen haben. Zum andern können die neuen Stiftungen im kommenden Jahr aus einer Position der Stärke starten. Im gebundenen Kapital der Axa-Vollversicherungen schlummerten per Ende 2017 Bewertungsreserven von rund 3,5 Milliarden Franken – diese überträgt der Versicherer als zusätzliche Polster auf die neuen teilautonomen Stiftungen.

Kurzfristige Einbussen

Alles in allem transferiert Axa Anlagen im Wert von etwa 31 Milliarden Franken an diese Stiftungen. Daraus ergibt sich (bei einem technischen Zins von 2 Prozent) ein Deckungsgrad von 111 Prozent. «Mit einem solchen Deckungsgrad gehören wir sicher zu den Besten im Land», ist Petrillo überzeugt. Hinzu kommt: Der bis Ende 2018 aufgelaufene Bestand an Altersrentnern verbleibt bei der Axa, sodass die neuen Sammelstiftungen ganz ohne Rentnerbestände – und die damit verbundenen Nachreservierungsrisiken für die laufenden Altersleistungen – in ihre teilautonome Zukunft aufbrechen können.

Mit diesen günstigen Voraussetzungen verspricht sich der Schweizer Axa-Chef eine Rückkehr auf den Wachstumspfad im BVG-Geschäft, «nachdem wir bis jetzt auf dem Bremspedal gestanden sind». Die gute Kapitalausstattung und die günstige Altersstruktur der teilautonomen Vehikel sollten es diesen ermöglichen, höhere Anlagerisiken in Kauf zu nehmen, die sich langfristig in höheren Renditen für die Kunden niederschlagen sollten.

Geringerer Gewinn

Kurzfristig jedoch muss die Axa aufgrund der Neuausrichtung im BVG-Geschäft ein um rund 5,5 Milliarden Franken schrumpfendes Prämienvolumen sowie einen um etwa 30 Millionen verringerten Gewinn hinnehmen. Dies deshalb, weil die Sparbeiträge der mehr als 260 000 Versicherten in der Vollversicherung künftig den teilautonomen Stiftungen gutgeschrieben werden. Ausserdem muss die Axa im Zuge der Umstellung eine einmalige Abschreibung in der Grössenordnung von 400 Millionen Franken vornehmen. Sie wird das Ergebnis des Konzerns im laufenden Jahr belasten.

Nach dem Ausstieg von Axa gibt es noch fünf Anbieter von Vollversicherungen: Swiss Life, Baloise, Helvetia, Allianz Suisse und Pax. Die Zurich hatte sich bereits 2003 auf das Angebot von teilautonomen Lösungen beschränkt. Martin Wechsler, ein profunder BVG-Kenner, äusserte die Vermutung, dass als Nächste wohl die Allianz Suisse – wie Axa mit einer ausländischen Konzernmutter – aus dem Geschäft mit Vollversicherungen aussteigen werde. Gemäss eigenen Aussagen wollen die verbliebenen Versicherer zumindest vorderhand an diesem Angebot festhalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2018, 21:48 Uhr

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