Wie die Piloten heimlich den Widerstand organisieren

Ein offener Brief liefert Hinweise über die Motive der bei Air Berlin krank gemeldeten Piloten.

Erneut Flugausfälle bei Air Berlin nach den massenhaften Krankmeldungen. (Video: Reuters)

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Rund 150 Piloten von Air Berlin traten am Dienstag in einen wilden Streik und meldeten sich kurzfristig krank. Über 160 Flüge mussten gestrichen werden, 12'000 Passagiere waren betroffen. Heute Mittwoch gab es erneut zahlreiche Krankmeldungen und Flugausfälle, wie Air Berlin bestätigt.

Die Aktion wurde sorgfältig organisiert, wie nun bekannt wurde. «Es wurde definitiv koordiniert», sagte ein Pilot der Süddeutschen Zeitung. Demnach führen Piloten der insolventen Airline schon seit längerem eine sogenannte «Sick-out-Datei».

In diese wurde bereits am Montag jeder Krankgemeldete eingetragen, um einen Überblick über die Teilnahme an der Aktion zu bekommen. Die Verabredung dazu sei über eine «vor kurzem» gegründete Chat-Gruppe eines Messenger-Dienstes erfolgt.

«Zu ihr haben nur Air-Berlin-Piloten Zugang und die Kommunikation dort ist absolut geschützt», hiess es aus Pilotenkreisen. Wer die Datei führt und wer Administrator der Chat-Gruppe ist, war nicht zu erfahren.

«Schüren von Existenzängsten»

Hinweise über die Motive der Piloten liefert ein offener Brief, den der Flugkapitän Hans Albrecht an die Geschäftsführung schrieb. Die Verkaufsverhandlungen mit möglichen Interessenten folgten «einem Plan», heisst es in dem Schreiben: Die Belegschaft, so der Vorwurf, werde im Unklaren gelassen, «um die Verunsicherung durch das Schüren von Existenzängsten auf ein Maximum zu treiben».

Ziel sei es, «sich vertraglicher ‹Altlasten› zu entledigen, um auf diese Weise die Bedingungen des gesamten tarifierten Cockpitpersonals in Deutschland in der Nach-Air-Berlin-Ära erheblich unter Druck zu bringen». Der psychische Druck, speziell auf die Piloten, sei immens, schreibt der Pilot weiter. «Wie kann unter solchen Umständen ein sicherer Flugbetrieb gewährleistet werden?»

Die Piloten trauen der Geschäftsführung derzeit so ziemlich alles zu. Das geht auch aus vertraulichen Mails von Piloten an die Süddeutsche Zeitung hervor. Einer argumentiert etwa, am Montag seien zahlreiche in Bereitschaft stehende Piloten nicht von Air Berlin in den Dienst berufen worden, ebenso wenig Piloten aus dem Management, oder solche, die frei hatten. «Wem nutzt das?», fragt einer, der an eine geheime Planung zugunsten des grossen Konkurrenten Lufthansa glaubt. «Bohren Sie mal nach!»

Air Berlin wies derweil alle Verdächtigungen zurück. Die Krankmeldungen seien am Montag äusserst kurzfristig gekommen, sagte ein Sprecher, zum Beispiel während der Crew Briefings (der Vorbereitungssitzung vor dem ersten Start) und während Piloten auf dem Weg zum Flugzeug waren. Da habe man nicht mehr reagieren können.

Kredit mit Forderung nach Erhalt der Arbeitsplätze verknüpfen

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hält die Krankmeldung vieler Piloten bei Air Berlin für «keinesfalls verwunderlich». Es sei nicht auszuschliessen, dass es auch bei anderen Beschäftigten dazu kommen könne, erklärte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle am Dienstag. «Angst und Wut der Air Berliner eskalieren, weil es hier um Existenzen ganzer Familien geht.»

Die Gewerkschafterin kritisierte, dass es in allen Gesprächen rund um die insolvente Fluggesellschaft um wirtschaftliche Interessen gehe, aber nicht um die Arbeitsplätze von mehr als 8000 Beschäftigten. Sie rief die Mitarbeiter dennoch auf, den Flugbetrieb weiter aufrecht zu erhalten, um die Arbeitsplätze nicht zu gefährden.

Verdi forderte, den Kredit über 150 Millionen Euro aus öffentlichen Geldern für Air Berlin «unabdingbar» mit der Forderung nach Erhalt der Arbeitsplätze zu fairen Konditionen zu verknüpfen. Das müsse die Politik den Investoren klar machen. «Schluss mit dem Pokern um die besten Blechstücke, dafür schnelles Handeln für eine Sicherung der Arbeitsplätze zu guten Bedingungen.»

Gescheiterte Gespräche

Am Montag waren Gespräche gescheitert, in denen die Arbeitnehmerseite einen Sozialplan erreichen wollte. Viele Piloten fürchten bei einer Übernahme durch Konkurrenten wie die Lufthansa oder Easyjet erhebliche Gehaltseinbussen. Sie fordern deshalb Verhandlungen mit Air Berlin darüber, nach welchen Massstäben sie übernommen werden könnten.

Winkelmann versprach den Piloten, nach Auswertung der Kaufangebote Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaften zu führen. «Unser Ziel ist eine geordnete Überleitung möglichst vieler Arbeitsplätze», schrieb der Air Berlin-Chef. «Die kurzfristige Stabilisierung des Flugbetriebs schon morgen ist die unabdingbare Voraussetzung dafür.»

Die Verkäufer wollen ein sogenanntes «Grounding» verhindern, also die Einstellung des Flugbetriebs. Für Interessenten könnte dies jedoch eine elegante Lösung sein, um nicht für Air Berlins attraktive Start- und Landerechte an Flughäfen zahlen zu müssen. Denn bei einer Einstellung des Flugbetriebs droht Air Berlin diese «Slots» an andere Airlines zu verlieren, die diese kostenlos übernehmen könnten.

Chinese ist interessiert

Derweil rückt Air Berlin in den Fokus eines chinesischen Investors. Die Betreiber-Gesellschaft des Flughafens Parchim in Mecklenburg Vorpommern, Link Global Logistics, erwägt eine Offerte für die insolvente Fluggesellschaft.

Der chinesische Unternehmer Jonathan Pang würde bei einer erfolgreichen Übernahme eine Kooperation seiner Logistikfirma mit der Fluggesellschaft ausloten. Verkehrsminister Alexander Dobrindt verwies mit Blick auf Pang auf das für Airlines geltende EU-Recht nach dem Prinzip «Ownership und Control». «Das heisst, dass die Mehrheit des Eigentums und die Kontrolle über eine europäische Fluggesellschaft auch von Europäern gehalten werden muss», sagte Dobrindt in Berlin. (Detlef Esslinger/Süddeutsche Zeitung/sda/afp)

Erstellt: 14.09.2017, 07:08 Uhr

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