Wenn der Direktor des 5-Stern-Hotels mit seinen Gästen Würste grilliert

Jan Stiller, Direktor des Lenkerhofs, verstösst gegen einige Gesetze der Luxushotellerie – mit Erfolg.

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Wenn Jan Stiller in der Lounge des noblen Lenkerhofs sitzt und den Blick auf den Schneehang gegenüber richtet, dann schaut er zurück in die Vergangenheit. Dort drüben auf dem Bühlberg haben seine Eltern in den Achtziger- und Neunzigerjahren gewirtet.

Jan Stiller trug als Schüler die Teller in die Küche und erhielt zwei Franken Stundenlohn – nicht bar auf die Hand, sondern auf ein Konto, von dem später ein Sprachaufenthalt in Frankreich bezahlt wurde. Schon damals wusste er, dass auch er ins Gastgewerbe einsteigen wollte – nicht in einem Bergrestaurant, sondern in einem richtigen Hotel.

Lenk–Schönried–Zürich–Lenk

Der Rest ist schnell erzählt. Stiller besuchte die Hotelfachschule in Thun, verdiente sich im Ermitage in Schönried und im Storchen in Zürich die Sporen ab, und eines Abends kam er am Rand des Nachdiplomstudiums beim Bier mit dem Dozenten Roland Berger ins Gespräch. An diesem Abend Anfang August 2010 wurden in Zürich die Weichen gestellt für die Zukunft des Luxushotels an der Lenk. Roland Berger, Verwaltungsrat des Lenkerhofs, fragte Jan Stiller, ob er nicht das beste Haus in seiner Heimat führen möchte – und dieser musste sich die Sache nicht lange überlegen. Er übernahm im Dezember 2010 mit seiner Partnerin Heike Schmidt, die im Zürcher Baur au Lac fürs Reservationsmanagement verantwortlich gewesen war, die Direktion im Lenkerhof.

Zwei Jahre später empfängt der 34-Jährige den Gast gut gelaunt zum Gespräch. Stiller hat an diesem Donnerstag gleich zwei Dinge zu feiern: Erstens hat er schon am 13. Dezember die für den ganzen Monat budgetierten Logiernächte erreicht, zweitens steigt am Abend eine grosse Party zum 10-jährigen Bestehen des 5-Stern-Hauses, das laut Experten zu den besten Adressen des Landes gehört. «Es ist schon verrückt, was hier in kurzer Zeit entstanden ist», sagt Stiller. «Ohne unseren Besitzer wären wir alle nicht hier.»

Ein 40-Millionen-Projekt

Der Besitzer, das ist Jürg Opprecht, ein Berner Unternehmer, der durch den Verkauf der väterlichen Maschinenbaufirma zu Wohlstand gekommen ist und diesen in Immobilien und in humanitäre Projekte investiert. Opprecht hat im Herbst 2000 das 350-jährige marode Kurhaus mit Schwefelquelle der Dezennium-Finanz AG abgekauft und gegen 35 Millionen Franken in die Realisierung des Hotelprojekts gesteckt. «Eigentlich planten wir ein schönes 4-Stern-Haus, weil wir dachten: Richtiger Luxus funktioniert nicht an der Lenk», sagt Opprecht. Dann habe sein Berater während der Realisierung zu ihm gesagt: «Was du hier machst, hat 5-Stern-Niveau.»

So eröffnete Opprecht mit seinem Team vor 10 Jahren zuhinterst im Simmental das «jugendlichste 5-Stern-Hotel der Schweiz» und war in der Folge «selber überrascht, wie gut das Angebot von drei Generationen angenommen wurde». Inzwischen beläuft sich Opprechts Investitionsvolumen auf 40 Millionen Franken, aber der 62-Jährige hat sein Engagement «noch keinen Moment bereut». «Wir haben der Luxushotellerie in der Schweiz neue Impulse verliehen und unsere eigenen Erwartungen übertroffen», sagt er.

Jan Stiller ist nach Philippe Frutiger und Daniel und Daniela Borter der dritte Direktor. Dass es kein ganz gewöhnliches Hotel ist, das er hier führen sollte, erfuhr er schon an einem der ersten Arbeitstage. Als er eine Stammkundin, die jeweils für 14 Tage eine Suite bewohnte, mit Handschlag begrüssen wollte, umarmte ihn diese wie einen alten Bekannten. Später sah er, wie sie den Kellner auf die Wange küsste und sich herzlich mit anderen Angestellten austauschte. «In diesem Moment begriff ich: Der Lenkerhof hat eine Seele», sagt Stiller. Das Haus sei auch deshalb nicht mit einem anonymen Stadthotel zu vergleichen.

Der Direktor empfängt in Jeans

Tatsächlich springen einige Unterschiede ins Auge. So ist Stiller vermutlich der einzige Direktor eines Luxushauses, der Jeans trägt – zumindest untertags. «Am Abend Anzug ohne Krawatte, am 24. Dezember mit Krawatte, einer Stammkundin zuliebe», ergänzt der jugendliche Direktor. In der Garage stehen nebst Bentleys, Aston Martins und Jaguars auch Kombiwagen mit Kindersitzen und ein Smart. Im Lenkerhof sind Kinder ausdrücklich willkommen und professionell umsorgt. Auch die enge Beziehung der Gäste zu den Mitarbeitern ist kein Zufall. Jan Stiller hat dafür gesorgt, dass der Gast vom Moment des Eintreffens bis zum Zimmerbezug nur eine Bezugsperson hat – «in anderen Häusern teilen sich Dorman, Bellman, Chasseur, Portier, Butler, Concierge und Receptionist in diese Aufgabe», sagt Stiller.

Was vor allem auffällt: Angestellte und Gäste verhalten sich so unverkrampft, wie man es selten erlebt in Luxushäusern. Stiller kann viele Details nennen, die dazu beitragen: das jugendliche Personal, die Gestaltung der Réception, der Verzicht auf Namensschilder und so weiter. Am liebsten ist ihm aber doch die Geschichte vom 1. August vergangenen Jahres, als ihn einige Gäste zu weit vorgerückter Stunde fragten, ob er nicht noch etwas zu essen auftreiben könnte. Stiller organisierte Bratwürste, schnitt ein paar Äste und bot Hand zur Grillade an der Feuerschale um 2 Uhr in der Früh. Bloss der Schaumwein, der dazu gereicht wurde, hatte 5-Stern-Niveau: ein Dom Pérignon. In diesem Jahr fanden sich laut Stiller 30 Gäste an der Feuerschale zum 1.-August-Grill ein.

88 Prozent Schweizer Gäste

Vielleicht sind es solche Details, die dafür sorgen, dass der Lenkerhof trotz Wirtschaftskrise gut besucht ist. Bis am 10. Januar ist keines der 83 Zimmer mehr frei, der Buchungsstand bis Ende Februar liegt klar über dem Vorjahr. Neun von zehn Gästen im Lenkerhof sind Schweizer, der Grossteil davon Stammgäste. Das reduziert die Abhängigkeit vom Eurokurs auf ein Minimum.

Der Anteil deutscher Gäste hat sich in zwei Jahren von zehn auf fünf Prozent halbiert. Der Rest sind Engländer, Amerikaner «und ein paar Russen, die eigentlich nach Gstaad wollten und dann Gefallen fanden an der Lenk», wie Stiller sagt. Überhaupt sei die Abgeschiedenheit kein Nachteil, sondern ein Profilierungsmerkmal: «Wir haben hier keine Shoppingmeile wie Interlaken oder St. Moritz, aber viele Gäste sehen in Naturnähe und freier Zeit heute den wahren Luxus.» Zudem werde dem Gast viel geboten fürs Geld. Inbegriffen in den Preisen, die zwischen 280 und 380 Franken pro Nacht und Person im Doppelzimmer liegen, ist zum Beispiel das Abendessen in einem der drei Restaurants.

Investor Opprecht zeigt Geduld

Zum Betrieb gehört seit diesem Sommer auch das Restaurant Bühlberg, wo Jan Stiller als Kind erstmals mit Gästen zu tun hatte. Für den jungen Hotelier schliesst sich damit der Kreis. Zurücklehnen wird er sich deshalb nicht. «Wir investieren laufend in die Vermarktung und in die Verbesserung der Infrastruktur», sagt Stiller. In der Westschweiz und im benachbarten Ausland sieht er noch «viel Potenzial», das unter anderem durch die kürzlich besiegelte Mitgliedschaft im weltweiten Netzwerk Relais & Châteaux ausgeschöpft werden soll. Laut Besitzer Jürg Opprecht werden während der Betriebsferien im Frühling für einen siebenstelligen Betrag Zimmer und Badezimmer erneuert, mittelfristig steht der Bau von Appartements zur Diskussion, der eine Vergrösserung aller anderen Bereiche nach sich ziehen würde.

«Der 5-Stern-Gast ist anspruchsvoll und erwartet jährlich Verbesserungen», resümiert Jan Stiller. Der erwirtschaftete Gewinn werde deshalb mehrheitlich reinvestiert. «Im Zweifelsfall hat die Firma immer den Vorrang vor den privaten Interessen», sagt Besitzer Jürg Opprecht. (Der Bund)

Erstellt: 19.12.2012, 15:06 Uhr

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