Wirtschaft

Vom belächelten Ökomobil 
zum Prestigeobjekt für Manager

Mit dem Tesla S ist das Elektroauto salonfähig geworden. Für Durchschnittsverdienende kommen zahlreiche Mittelklassewagen 
auf den Markt. Aber auch bei Erdgasfahrzeugen keimt neue Hoffnung auf. Eine wichtige Rolle beim Umstieg spielen die Staatsbetriebe.

Bild: Patrick B. Krämer (Symbolbild)/Keystone

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Einst kurvten Ökofreaks mit ihren zum Teil selber entwickelten Elektrofahrzeugen über die Schweizer Strassen. Heute sind es insgesamt 2500 Elektroautos. Das ist immer noch wenig im Vergleich zum Gesamtbestand von 4,4 Millionen Personenwagen. Doch Jörg Beckmann, Geschäftsführer des Verbands Swiss E-Mobility in Bern, zeigt sich zuversichtlich: Im vergangenen Jahr sind 1176 Elektroautos neu zugelassen worden – mehr als doppelt sie viele wie ein Jahr zuvor. Er hofft auf eine Aufwärtskurve wie bei den Elektrovelos: Im Jahr 2006 wurde mit 3181 erstmals eine nennenswerte Zahl E-Bikes verkauft. Dann hat sich die Zahl bis 2010 jedes Jahr verdoppelt und seither bei jährlich 50'000 Stück eingependelt. E-Bikes sind nicht mehr viel teurer als ein normales Velo, und es gibt sie neben Fachgeschäften auch im Supermarkt und in der Landi.

Teurer Kauf, günstiger Unterhalt

Elektroautos sind heute beim Kauf noch vergleichsweise teuer, im Unterhalt sind sie allerdings billiger als Benzin- und Dieselfahrzeuge. Potenzielle Käufer zögern aber vor allem noch, weil die Batterien zu wenig weit reichen und weil es zu wenig Elektrotankstellen gibt. Beides soll sich ändern: Noch vor kurzem reichte eine Batterieladung nur für etwa 50 Kilometer, neuere Fahrzeuge bringen es auf Reichweiten von 160 bis 190 Kilometern. Das genügt für eine Pendlerstrecke von 25 Kilometern, eine Fahrt von Bern nach Zürich retour ist aber ohne zusätzliche Batterieladung nicht möglich.

Das normale Aufladen eines Elektrofahrzeugs dauert Stunden. Der Verband Swiss e-Mobility strebt den Bau von schweizweit 150 Schnellladestationen an. Elektroautos werden an diesen in 20 bis 30 Minuten aufgeladen – während der Fahrer eine Tasse Kaffee trinkt. Der Autoimporteur Amag hat acht Ladestationen dieses Typs in Betrieb genommen, darunter eine im Berner Wankdorf. Der Energiekonzern BKW will im Herbst bei der Autobahnraststätte Grauholz eine Schnellladestation errichten – kombiniert mit einer Solarstromanlage auf dem Dach des Gebäudes.

Offener Brief an Doris Leuthard

Der Aufbau des Elektro-Tankstellennetzes geschieht aber nach Meinung der Branchenvertreter zu langsam. Der Verband E-Mobility fordert in einem ­offenen Brief an Verkehrsministerin Doris Leuthard ein Bekenntnis der Landesregierung zur Elektromobilität. Laut Geschäftsführer Jörg Beckmann geht es neben finanziellen Anreizen auch um eine Änderung der Konzession für Autobahnraststätten: Diese sollen verpflichtet werden, neben Zapfsäulen für Benzin und Diesel auch Schnellladestationen für Elektrofahrzeuge einzurichten. Der Bundesrat soll in dem Ende Jahr zu erwartenden Masterplan Elektromobilität eine klare Position zugunsten dieser Antriebstechnik beziehen.

Der Stromkonzern Alpiq und der Verband E-Mobility rechnen mit einem Bestand von 130 000 elektrisch betriebenen Personenwagen im Jahr 2020. ETH-Dozent Peter de Haan und Rainer Zah sagen in einer Studie des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung voraus, dass im Jahr 2025 jeder zehnte neu in Verkehr gesetzte Personenwagen einen elektrischen Antrieb haben werde – das wären jährlich rund 30 000; 2035 soll es dann schon jeder zweite Neuwagen sein – also rund 150 000 pro Jahr.

Tesla für Normalverdiener

Wer heute als Topmanager sein Image aufpolieren will, schafft sich die Elek­trolimousine Tesla S an – für Normalverdiener ist der Preis von 80 000 bis 150 000 Franken zu hoch. In diesem Jahr sind in der Schweiz bisher rund 150 Stück abgesetzt worden. Mit einer Batterieladung können je nach Streckenprofil und Fahrweise 400 bis 500 Kilometer zurückgelegt werden. Die Batterie besteht aus 8000 zusammengeschalteten Lithium-Ionen-Akkus, ähnlich wie sie in Laptop-Computern verwendet werden. Im Jahr 2016 soll der Tesla Model III auf den Markt kommen. Mit einer Reichweite von 320 Kilometern und einem Preis von umgerechnet gut 30 000 Franken wird er im Bereich der Mittelklassefahrzeuge angesiedelt sein. Auch etablierte Autohersteller wie Renault und VW bringen neue Elektrofahrzeuge auf den Markt. Ab 2016 soll ein E-Smart erhältlich sein.

Bei Erdgasfahrzeugen wird ein Wiederaufschwung erwartet. Nach dem Rekordjahr 2007 mit 1668 neu zugelassenen Personenwagen mit Erdgas-/Bio­gas­antrieb ist die Zahl gesunken bis auf nur noch 492 im Jahr 2012. Im vergangenen Jahr ging es dann mit 782 verkauften Personenwagen wieder aufwärts; unter Einbezug der Nutzfahrzeuge waren es 1048. Walter Lange von der Gasmobil AG zeigt sich zuversichtlich: «2014 werden nun Massenfahrzeuge mit Erdgasantrieb verfügbar. Der VW-Golf, Seat Leon und Skoda Octavia kamen auf den Markt. Wichtig ist auch, dass Audi mit dem A3 ins Geschäft mit Erdgas/Biogas einsteigt.» Im Jahr 2020 werden laut seiner Prognose 30 000 Erdgasfahrzeuge in Betrieb sein. Das ist nicht ganz eine Verdreifachung des heutigen Bestandes von 11 500 Personenwagen und Nutzfahrzeugen mit Erdgas-/Biogasantrieb.

Erdgas mit Benzinreserve

Mit der Reichweite haben Erdgas-/Biogasfahrzeuge kein Problem. So wird beispielsweise für den Opel Zafira Tourer im Erdgasbetrieb eine Reichweite von 530 Kilometern angegeben. Dazu kommen weitere 150 Kilometer im Benzinbetrieb: Jedes Erdgasauto verfügt neben dem Gastank zusätzlich über einen Benzintank – damit das Fahrzeug weiterbetrieben werden kann, wenn beim Erdgas Ebbe herrscht. Dem Erdgas müssen in der Schweiz mindestens 10 Prozent Biogas beigemischt werden, was die CO2-Bilanz verbessert.

Gesamtschweizerisch sind 140 Erdgastankstellen in Betrieb. «Bis 2020 wird ein flächendeckendes Netz von 300 Erdgastankstellen zur Verfügung stehen», prognostiziert Gasmobil-Geschäftsführer Lange. Sie sind ans öffentliche Gasnetz angeschlossen, das Erdgas wird an der Tankstelle unter Beimischung von mindestens 10 Prozent Biogas komprimiert in den Tank gefüllt.

Mit Sonne und Wind CO2-neutral

In der Schweiz muss der durchschnittliche CO2 der Neuwagen bis 2015 auf 130 Gramm pro Kilometer sinken. Im vergangenen Jahr lag er nach Angaben des Bundesamt für Energie (BFE) mit 145 Gramm noch deutlich höher. Elektro- und Erdgasautos könnten mithelfen, dem Ziel näherzukommen. Elektrofahrzeuge produzieren im Betrieb direkt kein CO2 und indirekt auch nicht, falls sie mit Strom aus erneuerbaren Energien fahren. Wenn sie den europäischen Strommix verwenden, entspricht der CO2 etwa einem Benzinauto mit einem Verbrach von 4 Litern je 100 Kilometer. Wenn alle Autos elektrisch fahren würden, beanspruchten sie laut Schätzungen 10 bis 15 Prozent des heutigen gesamtschweizerischen Stromverbrauchs.

Bei den neuen Erdgasfahrzeugen beträgt der Ausstoss laut BFE durchschnittlich noch 98,7 Gramm CO2 je Kilometer. Das ist bereits nahe an dem von der EU für 2020 angepeilten Ziel von 95 Gramm CO2 pro Kilometer. Mit Methan oder künstlichem Erdgas, das mittels Sonnen- und Windenergie produziert wird, fahren Erdgasfahrzeuge CO2-neutral. (Der Bund)

Erstellt: 29.07.2014, 10:54 Uhr

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