Unternehmen schaffen Weihnachten ab

Bei Spotify können Mitarbeiter Feiertage so beziehen, wie es ihnen passt. Wie Schweizer Unternehmen das handhaben.

Feiertage dann nehmen, wenn man will: In Schweden darf auch an Weihnachten gearbeitet werden. Foto: Adrian Moser

Feiertage dann nehmen, wenn man will: In Schweden darf auch an Weihnachten gearbeitet werden. Foto: Adrian Moser

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Pendeln die einen an den Weihnachtstagen zwischen Gänsebraten, Glühwein und Guetsli hin und her, sind die freien Tage für andere ein Grund für Langeweile. Auch, weil nicht alle Menschen in der Schweiz das christliche Fest feiern. Anhängern anderer Konfessionen bringen die freien Tage deshalb auch nicht viel. Ähnlich ergeht es ihnen an den Feiertagen Ostern oder Auffahrt.

In Schweden haben erste Unternehmen aus diesem Grund die offiziellen Feiertage abgeschafft. Der schwedische Streamingdienst Spotify gehört dazu. Er hat stattdessen das Konzept der «flexiblen Feiertage» eingeführt. Mitarbeiter können also beispielsweise an Weihnachten arbeiten und die Freitage zu einem anderen Zeitpunkt beziehen.

Yom Kippur, Diwali

Sei dies nun Yom Kippur, Diwali, der internationale Tag gegen Homophobie oder Transphobie: «Jeder Mitarbeiter soll die Möglichkeit haben, das zu feiern, was ihr oder ihm wichtig ist», sagt Katarina Berg, Personalchefin bei Spotify. Das Konzept stammt daher, dass bei Spotify Menschen aus 90 Ländern arbeiten. Nicht allen sind dieselben Feiertage wichtig. Mit einer solchen flexiblen Regelung könnten Unternehmen gleich auch das Problem der Unterbesetzung über die Feiertage beheben. Sind Weihnachten und Ostern für alle zwingend frei, fahren viele Mitarbeiter gleichzeitig in die Ferien.

«Jeder Mitarbeiter soll die Möglichkeit haben, das zu feiern, was ihr oder ihm wichtig ist.»Katarina Berg, Personalchefin Spotify

Spotify hat mit der Feiertagsregelung das Konzept des schwedischen Telekom-Anbieters 3 kopiert. Dieser führte bereits 2014 flexible Feiertage für seine Mitarbeiter ein. Hier kann jeder Mitarbeiter bis zu fünf traditionelle Feiertage für andere Tage eintauschen. «Das können Tage sein, die der Person aus religiösen Gründen wichtig sind oder Tage, die dem Angestellten wegen seiner Einstellung etwas bedeuten», erklärt 3-Sprecher Kamran Alemdar. 3 werde seine Mitarbeiter nie fragen, warum sie einen bestimmten Tag anfordern, solange die Person ihre Arbeit anständig abliefere, so Alemdar.

Erster August gilt für alle

In der Schweiz ist eine entsprechende flexible Regelung schwierig. «Arbeit an gesetzlichen Feiertagen ist grundsätzlich verboten», erklärt Anwalt Martin Steiger. Als einziger eidgenössischer Feiertag gilt der erste August. Sonst dürfen die Kantone maximal acht weitere Feiertage bestimmen, die als Sonntage gelten (Arbeitsgesetz Art. 20a Abs. 1) . In Zürich sind das etwa der Neujahrstag, Karfreitag, Ostermontag, der Weihnachts- und Stephanstag. «Ein Arbeitgeber darf also nicht erlauben, dass eine Arbeitnehmerin beispielsweise am ersten August arbeitet und dafür an einem gewöhnlichen Werktag frei nimmt», so Steiger.

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Laut Gesetz ist ein Arbeitnehmer berechtigt, an Tagen, die nicht als kantonaler Feiertag gelten, die Arbeit auszusetzen. Er muss sein Vorhaben dem Arbeitgeber aber spätestens drei Tage im Voraus anzeigen. Für den Besuch von religiösen Feiern muss der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer auf dessen Wunsch die erforderliche Zeit nach Möglichkeit freigeben, so das Gesetz (Art. 20a Abs. 3 ArG).

Extra-Tag bei der CS

Kommen Firmen ihren Mitarbeitern anderer Glaubensrichtungen oder jenen, denen christliche Feiertage nicht wichtig sind, noch weiter entgegen? Eine Umfrage bei grossen Schweizer Konzernen ergibt, dass Mitarbeiter bei vielen Firmen an nicht offiziellen Feiertagen Freitage eingeben müssen. Ausnahmeregeln gibt es kaum. Einzelne Firmen gewähren Mitarbeitern allerdings zusätzliche Flexibilität.

Bei der Credit Suisse etwa erhalten Mitarbeiter anderer Glaubensrichtungen zusätzlich am höchsten Feiertag der Glaubensrichtung einen bezahlten Feiertag. Bei der UBS müssen die Mitarbeiter im Gegensatz an diesen Tagen einen Ferien- oder Kompensationstag eingeben.

Bei der Post und Postfinance können Feiertage, wenn sie auf einen Sonntag fallen, nachgeholt werden. Das ist sonst in der Schweiz nicht gängig. Je nach Lage der Feiertage könnten so bis zu drei zusätzliche freie Tage bezogen werden, sagt Sprecherin Jacqueline Bühlmann.

«Situation ist nicht ideal»

Ist das den Vertretern anderer Religionsgruppen genug? Abduselam Halilovic, Sprecher der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) erklärt, dass die meisten Muslime an den beiden Festtagen Id al-Fitr und Id al-Adha einen Freitag eingeben. Solange es keine Änderung der gesetzlichen Feiertage gebe, werde diese Lösung fortbestehen. «Die aktuelle Situation ist zwar nicht ideal. Dennoch können sich die meisten Arbeitnehmer mit ihren Vorgesetzten arrangieren», so Halilovic.

«Eine Regelung wie bei Spotify fände ich gut.»Saida Keller-Messahli

Saida Keller-Messahli, Präsidentin vom Forum für einen fortschrittlichen Islam, fügt hinzu, dass es einige Muslime gebe, die ihre Feiertage gerne flexibel nehmen würden. «Eine Regelung wie bei Spotify fände ich gut», sagt sie.

Jonathan Kreutner, Generalsekretär vom Schweizerisch Israelitischen Gemeindebund berichtet, dass gewisse Firmen Hand für pragmatische Lösungen böten. «Manchmal ist es möglich, dass ein jüdischer Angestellter zum Beispiel an Weihnachten arbeitet, dafür an einem jüdischen Feiertag kompensiert. Solche individuellen Lösungen funktionieren meist sehr gut.» Entsprechende Konzepte seien aber primär in Betrieben möglich, in denen ohnehin auch an Sonntagen gearbeitet wird, etwa in Spitälern, Restaurants oder Hotels.

Gesetzesänderung nötig

Um flexible Feiertage einzuführen, müsste in der Schweiz zuerst das Gesetz geändert werden. Druck dafür gibt es bereits vonseiten der Freidenker-Vereinigung Schweiz: Präsident Andreas Kyriacou forderte etwa zuletzt in der «Aargauer Zeitung», dass Feiertage wie Auffahrt oder Pfingsten, bei denen die meisten die religiöse Bedeutung kaum mehr kennen, geschweige denn ihre Tagesplanung danach ausrichten, in Gesetzestexten nicht mehr als spezifisch religiöse Feiertage gelten. Sie sollen abgeschafft werden. «Will man die Zahl der Feiertage, die Arbeitstätigen zustehen, erhalten, wäre ein Ansatz im Stil der Englischen Bank Holidays eine gute Möglichkeit», sagte er. Bank Holidays sind Tage, die von den gesetzlichen Feiertagsregelungen abweichen und an denen Banken keine Geschäfte abwickeln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2017, 17:55 Uhr

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