«Too Big to Fail» für Dummies

Der heute von der Expertenkommission des Bundes präsentierte Bericht zur Vermeidung einer künftigen Bankenpleite ist komplex. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie nie mehr eine Bank mit Steuergeldern gerettet werden soll: Patrick Raaflaub (links), Peter Siegenthaler (Mitte) und Thomas Jordan (rechts) präsentieren den Bericht der Expertenkommission.

Wie nie mehr eine Bank mit Steuergeldern gerettet werden soll: Patrick Raaflaub (links), Peter Siegenthaler (Mitte) und Thomas Jordan (rechts) präsentieren den Bericht der Expertenkommission.

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Was ist die Hauptstossrichtung der Expertenkommission? Die Expertenkommission des Bundes fordert von den Grossbanken einerseits ein deutlich dickeres Eigenkapitalpolster als bisher, sowie andererseits einen grossen Anteil an bedingtem Kapital (siehe Cocos). Schliesslich legt die Kommission ein Verfahren fest, wie sie im Krisenfall reagieren müssen und im schlimmsten Fall in den Konkurs geschickt werden können. Die Forderungen der Kommission beinhalten ausserdem Massnahmen zu einer besseren Risikostreuung der Bankanlagen, um die Verflechtung innerhalb des Bankensektors zu verringern und bekräftigt bereits eingeführte Liquiditätsforderungen.

Welche neuen Eigenkapitalforderungen stellt die Kommission? Wie bisher steht der Eigenkapitalanteil in Prozent des risikogewichteten Anlagekapitals einer Bank im Zentrum. Doch beides wird strenger gefasst. Die Risikogewichte beim Anlagekapital der Banken steigen, was bei beiden Schweizer Grossbanken praktisch zu einer Verdoppelung der risikogewichteten Anlagen führt. Als Eigenkapital steht neu jenes nach der engsten Definition im Mittelpunkt: Dazu zählt das Aktienkapital, die einbehaltenen Gewinne und offene Reserven. Das Eigenkapital nach dieser Definition wird als «Common Equity» oder zuweilen auch als hartes Kernkapital bezeichnet. Der Gesamtanteil dieses Eigenkapitals an den risikogewichteten Anlagen sollen von akutell 2 Prozent auf 10 Prozent steigen. Dabei muss allerdings noch zwischen einer Basisanforderung von 4,5 Prozent und einem Puffer von 5,5 Prozent unterschieden werden. Auch die Anforderungen für breiter gefasste Eigenkapitaldefinitionen («Tier 1» und «Tier 2») werden deutlich verschärft.

Worin liegen die wichtigsten Unterschiede zu Basel III? In folgenden wichtigen Punkten entsprechen die Forderungen der Expertenkommission denen des neuen Regelwerks von Basel III: Bei den Übergangsfristen, bei den neuen Risikogewichten der Bankanlagen, bei der neuen Bedeutung des enger gefassten Eigenkapitals («Common Equity») und beim Erfordernis, dass hier die Basisanforderung bei 4,5 Prozent der risikogewichteten Anlagen liegen muss. Basel III sieht bisher allerdings andere Puffer über diese Basisanforderung hinaus vor. Als «Conservation Buffer» wird zusätzlich noch 2,5 Prozent «Common Equity» gefordert, wodurch der minimale Anteil des risikogewichteten Eigenkapitals bei 7 Prozent liegt. Dazu soll noch ein konjunkturabhängiger Puffer von 0 bis 2,5 Prozent kommen. Der Puffer für die Schweizer Grossbanken soll mit 5,5 Prozent also 3 Prozent höher sein als der «Conservation Buffer» von Basel III. Von einem konjunkturabhängigen Puffer ist nicht die Rede. Der grösste Unterschied betrifft allerdings das bedingte Kapital (die «Cocos»), die im Schweizer Regelwerk eine zentrale Rolle spielen sollen. Hier bleibt Basel III noch unkonkret. Dennoch ist auch dort geplant, für systemrelevante Banken schärfere Anforderungen zu definieren. Bedingtes Kapital soll dabei explizit eine Rolle spielen. Daher ist wahrscheinlich, dass die Basler Regeln sich denen der Expertenkommission angleichen werden.

Welche Bedeutung hat das bedingte Kapital («Cocos»)? Die «Cocos» spielen bei den Vorschlägen der Expertenkommission eine zentrale Rolle. «Coco» steht für «Contingent Convertible». Damit sind Wandelanleihen gemeint, die bei einem vordefinierten Ereignis automatisch in Aktienkapital gewandelt werden müssen. Als Wandelanleihen stellen «Cocos» für die Bank Fremdkapital dar, das sie verzinsen muss. Im Krisenfall, wenn sie gewandelt werden müssen, werden sie automatisch zu Eigenkapital. Damit sinkt automatisch der Verschuldungsgrad der Bank, beziehungsweise ihr Eigenkapitalanteil steigt. Weil die «Cocos» zum im Krisenfall gültigen Aktienkurs gewandelt werden müssen, erleiden dann sowohl die Inhaber dieser Wandelanleihen, wie auch die Aktionäre einen Wertverlust (letztere durch die Verwässerung des Aktienwerts). Damit haben beide ein grosses Interesse daran, dass die Banken keine übermässigen Risiken eingehen. Der grösste Mangel des neuen Instruments: Es ist vorerst vor allem ein theoretisches Konstrukt, da es in der Praxis noch kaum erprobt ist.

Wie viel Kapital müssen die Banken in «Cocos»halten? Der Puffer, den die Grossbanken über den eng gefassten, risikogewichteten Eigenkapitalanteil von 4,5 Prozent hinaus halten müssen, besteht einerseits im erwähnten weiteren Kapitalanteil von 5,5 Prozent, aber auch aus 3 Prozent, die sie in Cocos halten müssen. Damit wird der erwähnte Eigenkapitalpuffer ergänzt, der damit auf 8,5 Prozent steigt («Common Equity von 5,5 Prozent plus Cocos von 3 Prozent»). Gesamthaft («Cocos» und «Common Equity») müssen die Banken daher inklusive Puffer 13 Prozent risikogewichtetes Kapital halten. Dabei bleibt aber eine weitere wichtige neue Komponente noch unberücksichtigt: Die so genannte «progressive Komponente». Bezieht man diese mit ein (Details siehe unten) müssten die beiden Grossbanken Cocos im Umfang von rund 9 Prozent gemessen am risikogewichteten Eigenkapital halten, zusammen mit dem «Common Equity»-Eigenkapital wären das 19 Prozent. Überschreiten allerdings die Banken die Mindestanforderungen des Kern-Eigenkapitals («Common Equity»), müssen sie weniger «Cocos» halten.

Was ist die «progressive Komponente»? Die «progressive Komponente geht über das minimale Eigenkapital und den Puffer hinaus. Je nach Grösse ihrer Bilanzsumme und je nach Marktanteil an den inländischen Märkten müssen die Grossbanken weitere «Cocos» halten. Bei ihrer aktuellen Grösse würde das für die Credit Suisse und die UBS einem nötigen Anteil an solchen Anleihen von 6 Prozent entsprechen. Das führt zu den erwähnten 9 Prozent an notwendigen «Cocos» (3 Prozent für den Puffer plus 6 Prozent progressive Komponente). Die progressive Komponente ist als Lenkungsmassnahme gedacht. Je bedeutender Banken werden, desto mehr Kapital müssen sie automatisch halten und umgekehrt.

Was passiert, wenn eine Grossbank dennoch strauchelt? Die vorgeschlagenen Massnahmen setzen nicht nur bei den Kapitalerfordernissen an, sie setzen auch auf einen Prozess, wie mit den Grossbanken in einer Krise umzugehen ist. Sie müssen sich schon vorweg so organisieren, dass die Weiterführung systemrelevanter Funktionen (Zahlungsverkehr, Einlagen- und Kreditgeschäft) im Krisenfall aufrechterhalten bleibt, während der Rest in Konkurs gehen kann. Leistet eine Grossbank diese Vorarbeiten nicht, ordnen die Behörden solche an. Wenn vorgegebene Anteile des eng gefassten Kernkapitals («Common Equity») am Risikokapital unterschritten werden, treten automatisch Massnahmen in Kraft. Unterschreitet dieses Kernkapital den Anteil von 7 Prozent, müssen automatisch die 3 Prozent «Cocos» in Aktien gewandelt werden, die zum Puffer zählen. Unterschreitet es den Anteil an 5 Prozent, müssen auch die übrigen Cocos gewandelt werden. Ausserdem tritt dann zwingend eine Notfallplanung in Kraft, bei der die systemrelevanten Funktionen in eine Trägergesellschaft übertragen werden und die übrige Bank saniert oder abgewickelt wird.

Ab wann sind die Regeln gültig? Die neuen Regeln sollen nach dem Willen der Expertenkommission denselben Übergangsfristen unterliegen, wie die Basel-III-Regeln. Das heisst, die neuen Bedingungen müssten auf Ende 2018 erfüllt werden. Die Expertenkommission begründet die lange Dauer mit möglichen volkswirtschaftlichen Kosten bei kürzeren Fristen, da sich das Kapital und damit auch die Kreditvergabe der Banken deutlich verteuern könnten. Mit den Übergangsfristen seien solche Nachteile unwesentlich, während der langfristige Nutzen der neuen Massnahmen eindeutig überwiege.

Sind die Regeln bereits in Stein gegossen? Nein. Genau genommen handelt es sich nur um Vorschläge, die zuerst in Gesetze überführt werden müssen. Die Expertenkommission hat dazu bereits konkrete Gesetzestexte vorgeschlagen. Damit sie aber Gültigkeit erlangen, muss ihnen erst das Parlament zustimmen.

DerBund.ch/Newsnet

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