Super-Firmen greifen an

Die Macht der Konzerne wächst. Ökonomen sehen darin eine wichtige Ursache für die sich verschärfende Ungleichheit.

Blick auf die Top-Konzerne von oben: die Zentralen von Apple, Facebook und Google in Kalifornien (Foto: Getty/Reuters/Imago)

Blick auf die Top-Konzerne von oben: die Zentralen von Apple, Facebook und Google in Kalifornien (Foto: Getty/Reuters/Imago)

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Dass der Teufel gemeinhin auf den grössten Haufen scheisst, ist ebenso ein altes Sprichwort wie auch wahr: In diesem Jahr zählte das US-Magazin Forbes erstmals mehr als 2000 Milliardäre weltweit. Ihr Vermögen wuchs im vergangenen Jahr um 18 Prozent auf 7,67 Billionen Dollar, ein Rekord. Besonders freigiebig wurde Microsoft-Gründer Bill Gates bedacht, sein Reichtum wird auf 85,3 Milliarden Dollar geschätzt. Platz zwei gehört Amazon-Erfinder Jeff Bezos mit 83,5 Milliarden Dollar. Ihm folgt der Spanier Amancio Ortega, dessen Textilkette Inditex (unter anderem Zara) so gut lief, dass er 81,6 Milliarden Dollar sein Eigen nennt.

Alle drei verdanken ihren immensen Reichtum dem überragenden Erfolg der Firmen, die sie aufgebaut haben. So wie Gates mit dem Betriebssystem Microsoft Windows einst die Welt der Computer verändert hat, so revolutionierte Bezos das Einkaufen. Erst wurde seine Firma Amazon zur grössten Verkäuferin von Büchern, mittlerweile kann man bei Amazon einfach alles finden, auch Mangos, Unterhosen und Kaffeemaschinen. Ortega machte dagegen allein mit Kleidern Furore.

Diese grossen Konzerne faszinieren einige der besten Ökonomen. So wurden in den vergangenen Monaten einige Studien veröffentlicht, die zeigen, dass die Marktkonzentration in allen Branchen stark zugenommen hat. Die Macht der Konzerne wächst. Die Wissenschaftler sehen darin eine wichtige Ursache für die sich verschärfende Ungleichheit in vielen Industrieländern. Denn die Super-Firmen erzielen dank hervorragender Produkte oder dank ihrer marktbeherrschenden Stellung - oder beidem - hohe Gewinne und ermöglichen ihren Besitzern unerhörte Vermögenszuwächse.

Zürcher Professor untersuchte die Superreichen

«Wir wollten wissen, warum sich die Verteilung des volkswirtschaftlichen Einkommens deutlich zugunsten der Kapitalbesitzer wie Gates und Bezos und zulasten der Arbeitnehmer verschoben hat», sagt David Dorn, Professor für internationalen Handel und Arbeitsmärkte an der Universität Zürich. Die Tatsache, dass die Lohnquote in den USA, den meisten europäischen Ländern und sogar in China seit Langem rückläufig ist, hat die Ökonomen überrascht. Also untersuchte Dorn das Phänomen gemeinsam mit einem prominenten Forscherteam aus den USA. Für ihre empirische Studie («The Fall of the Labor Share and the Rise of Superstar Firms») konnten sie auf einen gewaltigen Datenschatz des US-Zensusbüros zugreifen, der die wirtschaftliche Entwicklung bis in die Filialen der Firmen hinein aufschlüsselt.

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So entdeckten die Forscher, dass in den USA die Marktkonzentration in allen grossen Wirtschaftszweigen deutlich zugenommen hat. Das bedeutet, dass die grössten Firmen einer Branche ihren Marktanteil, gemessen an den Umsätzen dieser Branche, ausdehnen. Dabei zeigte sich, dass grosse Unternehmen schneller wachsen. Und weil Grossunternehmen in der Regel kleine Lohnquoten haben, ist klar, dass der Anteil, den die Arbeitnehmer am Volkseinkommen haben, im Lauf der Jahrzehnte sinkt, während der Gewinnanteil der Unternehmen steigt. «Vom Erstarken der Super-Firmen profitieren in erster Linie die Aktionäre und nicht die Arbeitnehmer», sagt Dorn.

Konsens: Die Konzentration schwächt den Wettbewerb

Mit seiner Einschätzung ist er nicht allein. Es entwickelt sich gerade ein neuer Konsens unter Ökonomen, der für alle Industrieländer gilt: Die Konzentration ist mittlerweile so weit vorangeschritten, dass sie den Wettbewerb schwächt, der Wirtschaft schadet und die Gesellschaft in eine ernsthafte Schieflage bringt. Wenn der Konkurrenzdruck schwindet, müssen dominante Firmen nicht mehr so innovativ sein wie früher. Sie können Gewinne horten, statt sie gleich wieder zu investieren, und schaffen deshalb auch weniger Arbeitsplätze als möglich. «Monopolistische Macht könnte für Ökonomen das werden, was Steuern und Gewerkschaften in den 70er Jahren waren - ein Feind, den es zu bekämpfen gilt», glaubt der Ökonom und Blogger Noah Smith.

Das Phänomen der Super-Firmen reicht weit über den amerikanischen Technologiesektor hinaus. Es ist in vielen Branchen der USA anzutreffen, in der Industrie, dem Einzel- und Grosshandel, bei Dienstleistungen und Finanzen, Versorgern und Transportunternehmen. Überall haben die vier grössten Unternehmen eines Wirtschaftszweigs heute einen deutlich grösseren Marktanteil als vor 30 Jahren. So verdoppelte sich etwa im US-Einzelhandel der Marktanteil der grössten vier Anbieter in den vergangenen drei Jahrzehnten von 15 auf 30 Prozent, zeigen Dorn und Kollegen. In der Industrie, bei Energie-, Transport- und Finanzunternehmen vereinigen die grössten Firmen sogar noch höhere Marktanteile auf sich. Eine ähnliche Entwicklung gibt es in vielen europäischen Ländern.

Das monopolartige Gefüge geht zu Lasten von Verbrauchern und Beschäftigten

Offen ist, ob die starke Konzentration entsteht, weil in einem harten Wettbewerb nur die Besten übeleben, also jene Unternehmen, die besonders gut darin sind, die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen. Oder - weit weniger erfreulich - ob sie entsteht, weil grössere Unternehmen den Marktzugang für Wettbewerber erschweren und monopolartige Strukturen etablieren, so dass sie besonders hohe Preise verlangen können, obwohl ihre Produkte nicht einmal besonders gut sind.

Die Ökonomen Jan De Loecker und Jan Eeckhout neigen eher zur pessimistischen Einschätzung. In ihrer gerade erschienenen Studie «The Rise of Market Power» rechnen sie vor, dass es US-Unternehmen zunehmend gelingt, ihre Waren und Dienstleistungen zu Preisen zu verkaufen, die weit über den Herstellungskosten liegen. Sie kassieren also einen Preisaufschlag, im Englischen heisst er «markup». Der war über viele Jahrzehnte der Nachkriegsgeschichte einigermassen konstant. Doch seit 1980 stieg er stetig von 18 Prozent auf zuletzt 67 Prozent.

Das Entstehen von übermächtigen Konzernen geht Hand in Hand mit einer schrumpfenden Lohnquote

Diese Zunahme beweise, glauben die beiden Autoren, wie sehr viele Unternehmen ihre Macht ausgedehnt haben. Denn in einem heiss umkämpften Markt mit vielen Wettbewerbern dürften es einzelne Unternehmen nicht schaffen, ihren Kunden unerhört hohe Preisaufschläge abzuknöpfen.

De Loecker und Eeckhout sind ebenso wie das Forscherteam um Dorn überzeugt, dass das Entstehen von übermächtigen Konzernen Hand in Hand geht mit einer schrumpfenden Lohnquote. Ihren Berechnungen zufolge lag der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen in den USA 1980 noch bei 62 Prozent, heute sind es nur noch 56 Prozent - und die USA sind da keine Ausnahme. Diese Entwicklung ist in den meisten Industrieländern zu beobachten - ebenso wie der Trend zum Super-Konzern. Nur ist die Datenlage für viele Industrieländer nicht ganz so gut wie für die USA, weshalb Ökonomen lieber mit amerikanischen Daten arbeiten.

Andere Wissenschaftler kritisieren die Studien

Unumstritten sind diese Thesen nicht. So hat der US-Wirtschaftswissenschaftler Tyler Cowen, der sich als Kolumnist und Blogger einen Namen gemacht hat, die Arbeit von De Loecker und Eeckhout heftig angegriffen. Wichtigster Kritikpunkt: Für ihre Berechnungen zur Marktkonzentration haben die beiden sich nur Unternehmen angesehen, die an der Börse notiert sind, das verzerrt das Bild.

Nun lässt sich über wissenschaftliche Arbeiten, auch über empirische, gut streiten. Es ist eine offene Frage, wie weit sich die Wirklichkeit in nüchternen Formeln und Zahlenkolonnen einfangen lässt und wie gut die Qualität der verwendeten Daten ist. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt ein grosses Stück Wahrheit in solchen Berechnungen, zumal dann, wenn viele Wissenschaftler mit unterschiedlichen Ansätzen zu ähnlichen Ergebnissen kommen.

Kartellwächter müssen dem Wettbewerb wieder zu seinem Recht verhelfen

«Es gibt keinen Zweifel daran, dass die wachsende Marktmacht von Unternehmen mit einer sinkenden Lohnquote einhergeht», sagt der Züricher Forscher Dorn. Dabei ist es nicht so, dass die Googles und Microsofts ihre Mitarbeiter schlecht bezahlen würden - im Gegenteil. Die Super-Firmen erzielen so hohe Erlöse, dass nach Abzug der Lohnsumme noch immer ein enormer Ertrag für die Unternehmensbesitzer verbleibt. Der Rückgang der Lohnquote ist dort am grössten, wo die Unternehmen am mächtigsten sind. Während die Firmengründer und die Topmanager mit ihren Aktienpakten immer reicher werden, macht der Teufel um die breite Masse der Beschäftigten einen grossen Bogen.

Das zeigen auch Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman («Distributional National Accounts»): Das durchschnittliche reale Einkommen vor Steuern ist in den USA seit 1980 um 60 Prozent gestiegen. Es stagnierte aber für die unteren 50 Prozent der Einkommen bei rund 16 000 Dollar im Jahr. Die Mittelklasse konnte ihr Einkommen um 40 Prozent steigern. Gewaltige Zuwächse gab es dagegen für die Spitzenverdiener. Das eine Prozent der Erwachsenen, die an der Spitze der amerikanischen Einkommenspyramide stehen, konnten ihr Einkommen von 420 000 Dollar im Jahr 1980 auf 1,3 Millionen Dollar 2014 verdreifachen.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es grundsätzlich zu begrüssen, wenn die besten Unternehmen im globalen Wettbewerb grösser werden: Die Konsumenten dürfen sich dann über hochwertige Produkte und günstige Preise freuen. Ein gutes Beispiel ist Microsoft: Das Unternehmen war zu Beginn seiner Erfolgsgeschichte ausserordentlich innovativ und stiftete seinen Kunden einen grossen Nutzen. Als der IT-Konzern dann gross und grösser wurde, missbrauchte er allerdings seine Macht, um kleinere Unternehmen auszusperren, und wurde in kartellrechtlichen Prozessen verurteilt.

Provokante These: Konzerne kaufen Aktien zurück, statt zu investieren

Das Erstarken der Super-Firmen birgt also auch Gefahren: Kartellabsprachen auf Kosten der Verbraucher, mangelnder Wettbewerb, Druck auf die Arbeitnehmer und rückläufige Investitionsquoten. Germán Gutiérrez und Thomas Philippon stellen die provokante These auf, dass potente Unternehmen unter dem Druck der Investoren ihre Gewinne zunehmend für den Rückkauf von Aktien verwenden, statt das Geld ins Unternehmen zu investieren - zum Schaden der Volkswirtschaft.

Grösse ist automatisch anziehend und schafft mehr Grösse

Über die Ursachen der zunehmenden Konzentration gibt es bislang viele Vermutungen, aber erst wenige gefestigte Erkenntnisse. Digitalisierung und Globalisierung dürften den Trend zum Grossunternehmen beschleunigt haben. Eine bedeutende Rolle spielen auch Netzwerkeffekte. In Reinkultur sind sie bei den Internetunternehmen zu sehen. Nutzer gehen dahin, wo schon viele Nutzer sind - und verbessern dadurch das Angebot. Googles Suchmaschine lernt mit jeder gestellten Frage dazu, und Facebooks Gemeinschaft wird mit jedem Mitglied wertvoller. Grösse ist also automatisch anziehend und schafft mehr Grösse.

Die Wettbewerbspolitik konnte dem bisher wenig entgegensetzen. Das ist ein Problem: Je mehr Marktmacht die Super-Konzerne entfalten, desto grösser wird die Gefahr, dass sie diese ausnutzen auf Kosten von Konsumenten und Arbeitnehmern. Genau hier wäre auch der Hebel anzusetzen. Die Staaten müssen dem Wettbewerb wieder zu seinem Recht verhelfen und sich allzu machtvollen Konzernen entgegenstellen. Mutige Kartellwächter können den Trend zu Riesen-Unternehmen stoppen. Es wäre im Interesse der Arbeitnehmer und Verbraucher. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 02.09.2017, 17:47 Uhr

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