Spendensammeln im Spannungsfeld von Wohltätigkeit und Geschäft

Hilfswerke

Helvetas arbeitet wie viele andere Hilfswerke mit der privaten Firma Corris zusammen.

Ein Corris-Mitarbeiter sucht in Bern Spenden für Helvetas.

Ein Corris-Mitarbeiter sucht in Bern Spenden für Helvetas.

(Bild: Adrian Moser)

Hans Galli

Der Wettbewerb um Spendengelder ist hart. Neben Werbebriefen und Telefonanrufen versuchen die Hilfswerke auch mit Standaktionen, die Spender für sich zu gewinnen. Die jungen Männer und Frauen, welche die Passanten auf der Strasse ansprechen, sind meist nicht beim Hilfswerk angestellt, sondern bei einer auf Fundraising spezialisierten Firma; die grösste ist die Corris AG mit Hauptsitz in Zürich.

Helvetas, das grösste schweizerische Entwicklungshilfswerk, führt regelmässig mit Corris Standaktionen durch – diese Woche auf dem Bahnhofplatz in Bern. Die Spendensammler haben keine leichte Aufgabe. Die meisten Passanten sagen höflich «Nein, danke, ich habe leider keine Zeit» und gehen weiter. Falls doch eine potenzielle Spenderin oder ein potenzieller Spender anbeisst, werden sie zum Stand gebeten. Dort tippt der Dialoger, wie die Sammler genannt werden, die Personalien und die Kontoverbindung ins iPad. Festgehalten wird auch die Summe, welche regelmässig gespendet wird – pro Jahr sind es mindestens 120 Franken. Da das Geld per Lastschriftverfahren (LSV) vom Bankkonto abgebucht wird, muss das Formular am Stand ausgedruckt und vom Kontoinhaber unterschrieben werden. Die iPads sind seit zwei Monaten im Einsatz, vorher wurden die Formulare von Hand ausgefüllt.

Erste Spende für die Standaktion

Die Sammler tragen ausser der Jacke und dem T-Shirt mit der Helvetas-Aufschrift einen Bändel und ein Namensschild mit der Aufschrift Corris. «Damit schaffen wir Transparenz, dass wir im Auftrag von Helvetas Spenden sammeln», sagt Bernhard Bircher-Suits, Kommunikationschef von Corris. Die Arbeit ist für die Hilfswerke nicht billig: Sie bezahlen für jeden Corris-Mitarbeiter pro Tag 850 Franken. Am Anfang erzielt ein neuer Mitarbeiter laut Bircher vielleicht zwei bis drei Abschlüsse pro Tag, an den Folgetagen dann eventuell sieben bis acht. Die Kosten der Standaktionen sind somit tendenziell höher als die ersten Jahresbeiträge. Die meisten, welche einen Lastschriftvertrag unterschreiben, bleiben aber längerfristig dabei. Helvetas kann seine Spenden deshalb in den Folgejahren ohne Abzug von Werbekosten für Projekte und die Verwaltung einsetzen. «Langfristig wird ein Vielfaches der Kosten in Form von Spenden reingeholt», heisst es bei Corris.

«Es ist für uns viel, viel günstiger, mit Corris zusammenzuarbeiten, als die Standaktionen selber durchzuführen», sagt Stefan Stolle, Leiter Kommunikation und Fundraising bei Helvetas. Die Kosten für die Anstellung der Mitarbeitenden und das Einholen der Bewilligungen für die Standplätze wären wesentlich höher. «Corris macht diese Arbeiten für viele Kunden und kann deshalb die Kosten aufteilen, sodass das ­einzelne Hilfswerk weniger bezahlen muss», erklärt Stolle.

Bei Helvetas stammen 12 Prozent der gesamten Spendeneinnahmen aus Standaktionen – vor allem jüngere Spenderinnen und Spender würden so erreicht. Durch Mailings und langjährige Mitgliedschaften werden weitere 30 Prozent gewonnen. Die andere Hälfte sind grosse Beiträge von Firmen und Stiftungen oder aus Nachlässen. Insgesamt erhielt Helvetas 2013 Spenden von 28,6 Millionen Franken. «Es ist wichtig, dass wir Gelder aus unterschiedlichen Quellen erhalten, damit wir nicht abhängig werden», sagt Stolle. Von den Einnahmen fliessen 91,8 Prozent direkt in die Projekte, 3,6 Prozent werden für die Geschäftsstelle aufgewendet, und 4,6 Prozent dienen der Mittelbeschaffung – beispielsweise durch Mailings und Stand­aktionen.

Corris geriet im vergangenen Jahr in die Kritik: Mitarbeitende beklagten sich in der Fernsehsendung «Kassensturz» unter anderem, sie würden von den Teamleitern massiv unter Druck gesetzt, ihre Ziele zu erfüllen, der angepeilte Monatslohn werde nur in Ausnahme­fällen erreicht, sie müssten unbezahlte Überstunden leisten, und auf drei Monate befristete Arbeitsverträge würden verlängert, was nicht erlaubt sei. «In den Verträgen von Corris hat es einen Graubereich gegeben», räumt Christine Bill ein, zuständig für das Public Fundraising bei Helvetas.

Das sei nun aber korrigiert: Die Vertreter von drei Hilfswerken, darunter Helvetas, jene von Corris und ein Arbeitsrechtsspezialist hätten aufgrund der Kritik alle Verträge überarbeitet. Der Grundlohn wurde laut Corris von 135 Franken auf 165 Franken pro Tag erhöht, Spesen werden entschädigt. Dazu kommt ein Bonus von maximal 20 Prozent des Grundlohns. «Ein durchschnittlicher Mitarbeiter verdient mit Bonus im Monat rund 4200 Franken», sagt Corris-Kommunikationschef Bernhard Bircher-Suits. Die Arbeitszeit werde jetzt mit einem neuen System erfasst und streng kontrolliert. Überstunden könnten kompensiert werden oder sie würden entschädigt. Mitarbeitende könnten sich an die neue Ombudsstelle wenden.

«Ein Verkaufs- und Leistungsjob»

«Der Job ist für eine Tätigkeit ohne vertiefte Ausbildung gut bezahlt», sagt Christine Bill. «Aber es ist klar ein Verkaufs- und Leistungsjob», fügt sie bei. Sie habe es selber versucht und müsse eingestehen, dass sie diese Arbeit nicht längere Zeit ausüben könnte. Es brauche eine hohe Frustrationstoleranz, manchmal während einer oder zweier Stunden Passanten anzusprechen und keinen ­Abschluss tätigen zu können.

Corris beschäftigt nach eigenen Angaben pro Jahr 800 bis 1000 Dialoger. «Die meisten sind temporäre Mitarbeiter, die während dreier bis vier Wochen für uns arbeiten – beispielsweise Studenten in den Semesterferien», sagt Bircher-Suits. «Nicht erfolgreiche Mitarbeiter geben schnell auf und verlassen uns häufig schon in der ersten Woche», erklärt er.

Corris schult neue Mitarbeitende einen halben Tag lang für das Verkaufsgespräch und das Auftreten am Stand. Sie sollen zielstrebig, aber höflich auf die Passanten zugehen. «Wichtig ist aber auch, dass sie sich mit der Organisation identifizieren können, für welche sie Spenden sammeln», sagt Bircher. Zu diesem Zweck werden sie direkt von Helvetas geschult. Christine Bill zeigt ihnen, wer Helvetas ist, welche Werte das Hilfswerk vertritt und wofür die Spendengelder eingesetzt werden. Bill sagt: «Sie ­sollen mit den Spenderinnen und Spendern einen Dialog führen – deshalb ­heissen sie Dialoger.»

Der Bund

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