So will Raiffeisen die Krise meistern

Raiffeisen Schweiz bekommt neues Spitzenpersonal, die Regionalbanken mehr Macht und Mitsprache. Das sind die Eckpunkte des Reformplans «Fokus 21».  

Über 400 Bewerbungen: Trotz der Affäre Pierin Vincenz ist die Bank für Kaderleute attraktiv geblieben. Bild: Keystone

Über 400 Bewerbungen: Trotz der Affäre Pierin Vincenz ist die Bank für Kaderleute attraktiv geblieben. Bild: Keystone

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Seit Monaten schüttelt die Affäre Pierin Vincenz die Raiffeisen-Gruppe durch. Es ist die grösste Krise in der Geschichte der über 100 Jahre alten Bankengruppe. Das scheint aber ihre Attrakti­vität bei Kandidaten für Topjobs nicht geschmälert zu haben. Über 400 Bewerbungen für die fünf vakanten Posten im Verwaltungsrat inklusive des Jobs des neuen Verwaltungsratspräsidenten sind eingegangen, hat DerBund.ch/Newsnet erfahren.

Suche auf Zielgeraden

Wegen der Affäre will sich Raiffeisen grundlegend erneuern. Zum einen soll die Bankspitze neu besetzt werden. Parallel laufen die Arbeiten an einer Strukturreform auf Hochtouren. Das Reformprojekt hat den Namen «Fokus 21» bekommen. Details sind noch offen, doch klar ist, dass die Mitgliedsbanken mehr Mitsprache bekommen sollen, die Zentrale Raiffeisen Schweiz wird möglicherweise Aufgaben abgeben.

Am weitesten ist die Suche nach einem neuen Verwaltungsratspräsidenten gediehen. Laut den vorliegenden Informationen soll der Name des Kandidaten oder der Kandidatin Mitte nächsten Monat publik gemacht werden. Das finale Okay der Finanzaufsicht Finma zum desig­nierten Präsidenten steht indes aber noch aus.

Bisher ist nicht nach aussen gedrungen, wer in der Endausscheidung steht. Genannt wird des Öfteren Urs Rüegsegger, der Ex-Chef der Schweizer Börse. Er selbst äussert sich nicht zu einer möglichen Kandidatur. Auch Stefan Loacker, Ex-Chef des Versicherers Helvetia, wird als möglicher Kandidat genannt.

Finaler Entscheid obliegt Verwaltungsrat

Nach dem neuen Präsidenten sollen dann im Laufe des Septembers die vier weiteren neuen Verwaltungsratsmitglieder nominiert werden, die dann bei der ausserordentlichen Delegiertenversammlung im November in Brugg AG gewählt werden sollen. Wie es heisst, gebe es pro vakanten Sitz je eine Shortlist mit vier bis sechs Namen.

Parallel läuft die Suche nach einem neuen CEO, denn Patrik Gisel hat auf Ende Jahr seinen Rücktritt erklärt. Der Personalvermittler Guido Schilling berät auch hierbei Raiffeisen. Der Headhunter hat bereits das Mandat zur Suche nach einem neuen Präsidenten. Um den Suchprozess zu beschleunigen, werden aussichtsreiche Kandidaten für den Verwaltungsrat bereits informell in die CEO-Suche einbezogen. Der finale Entscheid über den neuen Chef obliegt dem Verwaltungsrat in seiner neuen Zusammensetzung.

Der Zeitplan ist ambitioniert, bis Ende Jahr schon soll ein neuer Chef gefunden sein. Doch wird auch erwägt, die Gruppe im nächsten Jahr zunächst von einem Interimschef führen zu lassen, bis ein neuer CEO gefunden ist. Noch-CEO Patrik Gisel hatte sich bereits angeboten, dass er etwas Zeit dranhängt. Laut Quellen sei diese Option denkbar.

Leistungskatalog wird überprüft

Parallel wird an einer Reform der Strukturen gearbeitet. In ihrem Abschlussbericht über die Affäre Vincenz hatte die Finanzaufsicht Finma gefordert, dass Raiffeisen prüft, ob das Spitzenorgan Raiffeisen Schweiz zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt wird. Im Laufe des ersten Quartals will hierzu die Raiffeisenspitze eine Meinung gebildet haben.

Abseits der Frage der Rechtsform von Raiffeisen Schweiz soll das Verhältnis zwischen der Zentrale und den Mitgliedsbanken neu austariert werden. Dafür wurde das Projekt «Fokus 21» angestossen. Dabei wird auch der Leistungskatalog überprüft, den Raiffeisen Schweiz den Genossenschaftsbanken bietet.

«Hier hat es eine Eigendynamik gegeben, der Bereich könnte zurückgestuft werden.»Hochrangiger Raiffeisen-Banker

Derzeit dient Raiffeisen Schweiz als Zentralbank, ist für die strategische Entwicklung und die IT zuständig und übernimmt das Risikomanagement und ist daher auch Ansprechstation für die Finma. Raiffeisen Schweiz hat indes auch Aufgaben im Marketing und der Marktbearbeitung. So hat die Zentrale Marktmanager angestellt, welche den Mitgliedsbanken bei der Marktbearbeitung helfen. «Hier hat es eine Eigendynamik gegeben, der Bereich könnte zurückgestuft werden», meint ein hochrangiger Raiffeisen-Banker.

Laut den Überlegungen könnten die Regionalbanken künftig wieder ihr Marketing selbst verantworten und müssten dann die Zentrale für solche Dienste nicht mehr bezahlen. Auch die Art und Weise, wie die Mitgliedsbanken Raiffeisen Schweiz für ihre anderen Dienste wie die Refinanzierung bezahlt, soll transparenter und klarer werden. Raiffeisen Schweiz ist zudem operativ aktiv und betreibt sechs eigene Niederlassungen. Diese Aktivitäten stehen auf dem Prüfstand.

Stärkung der Mitsprache

Um die Mitgliedsbanken stärker in strategische Entscheide wie Zukäufe einzubinden, soll ein neues Gremium ins Leben gerufen werden. Wie eine Quelle sagt, könnte ein Vorbild der Genossenschaftsrat sein, wie ihn die Migros kennt. Auch die Mobiliar wird als Vorbild genannt. Das neue Organ bei Raiffeisen soll nur beratend tätig sein, der Verwaltungsrat behält das letzte Wort.

Vermutlich Anfang kommenden Jahres dürfte der Strafprozess gegen Pierin Vincenz eröffnet werden. Läuft alles nach Plan, hat die Raiffeisen-Gruppe dann bereits die wichtigsten Lehren aus dem Debakel gezogen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2018, 21:35 Uhr

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