So machen Junge Karriere

In der Schweiz sind Chefs jünger als jene im Ausland und gelangen schneller an die Spitze. Die Voraussetzungen dafür sind: ein abgeschlossenes Studium und viel Ehrgeiz.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Sitzungszimmer im Erdgeschoss, draussen Zürich-West, drinnen, zwischen Wassergläsern, ein Schild auf dem Konferenztisch: «Willkommen bei der Halter AG». Markus Mettler, CEO der Immobilienentwicklerin, hat sich viel Zeit für das Gespräch eingeplant, 90 Minuten. Er trägt Jackett und Hemd, die kurzen Haare sind, spitzbübisch, leicht hochgegelt. Thurgauer Dialekt. Eineinhalb Stunden redet Mettler praktisch durch, ohne Komma, ohne Punkt. Ohne Fragezeichen. Einmal springt ihm der Kugelschreiber aus der Hand. «Ich lebe immer in der Zukunft!», sagt er. An diesem Tag hat die Mall of Switzerland eröffnet, deren Realisierung die Halter AG verantwortet hat. Aber gedanklich ist Mettler bereits weiter, bei den nächsten Projekten. Da ist viel Ehrgeiz.

«Obwohl ich angeeckt bin, habe ich meine Linie durchgezogen.»

Markus Mettler

Er hat es ja auch weit gebracht. Der Bauernsohn besuchte das Wirtschaftsgymnasium in Frauenfeld und wechselte danach, als fast Einziger aus seiner Klasse, nicht an die Hochschule St. Gallen. Sondern an die ETH in Zürich: Studium Bauingenieurwesen. Nach Jahren als Berater und Projektleiter kam er 2006 zu Halter AG, nach vier Jahren wurde er CEO und führt seither rund 240 Angestellte. Damals war Mettler 41 Jahre alt. Sehr jung für einen Geschäftsführer.

Jünger und schneller

Er ist nicht der Einzige. Der neue Novartis-Chef Vasant Narasimhan, der ab Januar eine der grössten Pharmafirmen führt, ist 41. Als Christian Mumenthaler letztes Jahr CEO von Swiss Re wurde, war er 46. Und Patrick Frost übernahm 2014 die Swiss Life, ebenfalls 46-jährig.

Es gibt in der Schweiz eine neue Generation von jungen Chefs. Laut einer aktuellen Studie der Headhunterfirma Heidrick & Struggles sind die Schweizer CEOs noch jünger als jene im Ausland: durchschnittlich 53-jährig. In Grossbritannien: 54. In Deutschland: 55. In Frankreich: 57. In den USA: 59. Auch geht es hier insgesamt schneller, bis es jemand innerhalb eines Unternehmens an die Spitze schafft: rund 12 Jahre. In Deutschland: 14. Und in den USA: 20.

«Schweizer Unternehmen lassen leichter einen Wechsel zu. Sie sind flexibler», sagt Michael Oberwegner, Managing Partner von Heidrick & Struggles in Zürich. 60 Prozent der CEOs wurden intern gefördert. Anders etwa in den USA, wo ältere Chefs sitzen, die lange mit dem Unternehmen verbunden sind und seltener Junge von aussen holen oder befördern. Mancher amerikanische CEO bleibt, bis er 80-jährig ist.

Paradies für Spitzenmanager

Weil sich die Schweiz mitten in Europa befindet, liegt sie für viele Ausländer günstig. Als hoch entwickeltes und reiches Land ist sie zudem ein attraktiver Arbeitsort. Fast die Hälfte der hiesigen CEOs kommt aus dem Ausland – so viele wie sonst nirgends.

Und gemessen an der Grösse des Landes, gibt es hier überdurchschnittlich viele grosse Unternehmen und überdurchschnittlich gut bezahlte Jobs, vor allem im Bereich der Dienstleistung. Entsprechend gross sei der Talentbedarf im Topmanagement, sagt Oberwegner.

Die Schweizer Unternehmen brauchen talentierte Leute und müssen sich beweglich zeigen. Aber sie können eben auch aus vielen die Besten auswählen.

Auf der anderen Seite müssen die, die aufsteigen wollen, genauso flexibel sein. Flexibilität – ein Wort, das in der Arbeitswelt schon lange existiert. Man kennt es von Stellenanzeigen, die nach flexiblen Mitarbeitern suchen, gefolgt von «kommunikativ» und «teamfähig».

Die Bedeutungen von «flexibel»

Wenn man im oberen Kader jemanden befördert, versteht man unter «flexibel» Folgendes: Hat er etwas Neues ­gewagt? Eine Krise gemeistert? Die Komfortzone verlassen? Mut gezeigt?

Mut haben, die Lust, sich von anderen zu unterscheiden: Es ist das, was Mettler antreibt, schon immer angetrieben hat. Er gebraucht den typischen Wirtschaftsbegriff «sich differenzieren» – das Verkaufsargument für ein Produkt, eine Dienstleistung, die eigene Person. Er selbst wollte ja Bauingenieur werden statt den üblichen Weg der Wirtschaftswissenschaft einschlagen. In den 90er-Jahren herrschte eine Immobilienkrise; die Studentenzahlen brachen ein – jeder fürchtete, später keinen Job in der Immobilienbranche zu bekommen.

Als Mettler im Jahr 2000 in eine neue Firma eintrat, wurde ihm ein Teilprojekt des Megaprojekts Eurogate zugewiesen, der Überbauung beim Hauptbahnhof Zürich. Nach zwei Wochen stieg er aus. Er sagte dem Chef, er wolle etwas Eigenes, wo er nicht nur ein Rädchen in einem grossen Getriebe sei, sondern Alleinverantwortlicher. Jener, der entscheidet. Eurogate scheiterte später, Mettlers Projekt ist realisiert: das Einkaufszentrum Sihlcity, das es nun seit zehn Jahren gibt.

Auffallen kann helfen

Auch äusserlich habe er sich differenziert, sagt Mettler. Im «traditionell geprägten» Unternehmen damals trug er manchmal «extrem klobige» Schuhe zum Anzug, weil die ihm einfach gefielen, und einen kleinen Ohrstecker. «Das war ein Thema. Obwohl ich angeeckt bin, habe ich meine Linie durchgezogen.»

Sogar seinen Thurgauer Dialekt deutet Mettler positiv. Der komme ausserhalb von Zürich viel besser an als der Zürcher Dialekt. Bei den Kunden von Halter AG, in der ganzen Schweiz verteilt, ein Pluspunkt.

«Erfolg ist nie ein Zufall», sagt Headhunter Guido Schilling. Die meisten wüssten schon beim Studium genau, ob sie eine ambitionierte Laufbahn machen oder sich fachlich vertiefen wollten.

Eine gute Grundausbildung ist einer der Karrieretreiber in der Schweiz, sie ist das Eintrittsticket. Laut der Studie von Heidrick & Struggles haben 91 Prozent der Schweizer CEOs mindestens einen Master- oder vergleichbaren ­Abschluss. In den USA: 69. In Deutschland: 68. Neben der so erworbenen Fachkompetenz gibt es noch einen anderen Karrieretreiber, das zweite Standbein, das eine Führungsperson haben muss: die betriebswirtschaftliche Kompetenz. Wissen, wie ein Unternehmen funktioniert, wie die Bereiche organisiert sind. Wie man Leute führt.

Glück allein reicht nicht

Es gebe glückliche Umstände, die ein Vorankommen begünstigen können, sagt Headhunter Schilling. Dann verläuft eine Laufbahn etwas schneller als eine andere, bei der jemand erst noch einen kleinen Umweg, einen internen oder ­externen Stellenwechsel einlegen muss. Später wird aber auch diese Person an die Spitze gelangen – am neuen Ort.

Einen solchen – winzigen – Umweg hat Doris Seltenhofer gemacht. Die 45-jährige Biologin ist seit knapp zwei Monaten CEO von Synlab Suisse, einem Unternehmen, das für Kliniken und Ärzte Labordienstleistungen erbringt.

«Ich wollte immer selbst auf dem Driver’s Seat Platz nehmen.»

Doris Seltenhofer

Ihr neues Büro befindet sich im dritten Stock eines weitläufigen Industriegebäudes in Kriens LU. Draussen Baulärm, drinnen dämpfender Spannteppich. Das Einzige, das Seltenhofer – blauer Blazer, blaue Bluse, blaue Ohrringe und blauer Fingerring – in ihrem Büro verändert hat, ist ein Bücherregal. Es steht nun an der Wand, nicht mehr mitten im Raum. Die Räumlichkeiten sind ein Provisorium, wohl kommendes Frühjahr werden alle am Synlab-Standort Kriens in die zweite Etage ziehen – auch die 100 Mitarbeiter, die jetzt noch zwei Stockwerke tiefer untergebracht sind.

Seltenhofer ist es wichtig, dass sie sich dann auf der gleichen Ebene wie ihre Angestellten befinden wird. Sie duzen einander auch. «Respekt ist keine Frage des Siezens», sagt sie. Es sei un­nötig, die Hierarchie durch diese höfliche Ansprache herauszustreichen.

Nur 2 Prozent aller Schweizer CEOs sind weiblich

Bis vor kurzem hat sie noch beim Pharmamulti Merck gearbeitet und ist dort während 16 Jahren sukzessive aufgestiegen. Die letzten sieben Jahre war sie Geschäftsleiterin. Der nächste Karriereschritt hätte bedeutet, für Merck ins Ausland zu gehen und mit ihrem Ehemann eine Wochenendbeziehung zu führen. «Das wollte ich nicht», sagt Seltenhofer. Diese fehlende Flexibilität hat ihr nicht geschadet – sie nahm das An­gebot von Synlab an. Jetzt ist sie Chefin von 650 Angestellten, verteilt auf fast 30 Standorte in der Schweiz.

Gerade mal 2 Prozent aller Schweizer CEOs sind weiblich. In Deutschland: 1 Prozent. In den USA sieht es besser aus, aber immer noch mager: 8 Prozent. Das hat damit zu tun, dass Unternehmen diesbezüglich europaweit ziemlich konservativ sind. Wer den Nachwuchs fördert, fördert seinesgleichen. Also solche, die einen vergleichbaren Leistungsausweis haben, ähnlich denken, einen an sich selbst erinnern. Und das heisst, weil überwiegend Männer CEOs sind: Es sind Männer, die nachkommen.

Seltenhofer sieht das entspannt. Auch wenn sie fast prototypisch die Attribute erfüllt, die man gemeinhin mehr mit Frauen in Verbindung bringt als mit Männern: still, leistungsorientiert, darauf hoffend, dass jemand das Talent und die Fähigkeiten erkennt.

Tatsächlich musste sie sich während ihrer gesamten Laufbahn nie für die nächsthöhere Stelle bewerben. «Das ist vielleicht schon aussergewöhnlich», sagt Seltenhofer. Aber sie habe stets einen guten Job gemacht, den Willen gezeigt, für das Unternehmen ihr Bestes zu geben. Sie sei jemand, der nicht schnell aufgebe. Und: «Ich will selbst auf dem Driver’s Seat sitzen.» Am Steuer.

Der Wunsch, etwas zu bewegen

Eine Karriere geplant habe sie nie, sagt Seltenhofer. Aber gemacht – das schon. Markus Mettler von der Halter AG hingegen ist der Ausdruck «Karriere» nicht geheuer. «Reines Karrieredenken ist eine Bankrotterklärung», sagt er. Es sei funktionsgetrieben und eine Ego-Betrachtung. Lieber will er dereinst sagen können, er habe etwas bewegt.

So kann man es auch nennen. Beim Aufsteigen geht es – wie fast überall – um die persönliche Perspektive.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2017, 21:52 Uhr

Artikel zum Thema

Wenn die Chefs per E-Mail führen

Dank Digitalisierung wird die Arbeit zwar leichter, nicht aber befriedigender. Trotzdem erlebt laut einer Studie die Mehrheit der Arbeitnehmenden die Digitalisierung als positiv. Mehr...

Wo ist das Jungblut der Schweizer Wirtschaft?

Der Tech-Boom macht die Wirtschaftswelt immer jünger – die Verwaltungsräte bleiben grau. Warum das gefährlich ist. Mehr...

Das denkt Ihr Chef

SonntagsZeitung Über wenig wird so gerne und häufig geschimpft wie über Vorgesetzte. Hier reden für einmal vier von ihnen – zwei Frauen und zwei Männer – darüber, wie sie ihre Mitarbeitenden sehen. Mehr...

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...