So finden Patienten das beste Spital

Vier Websites helfen beim Qualitätsvergleich der Behandlungsorte – ein Ärzte-Rating soll bald folgen.

Seit sechs Jahren können Patienten wählen, in welchem Spital sie sich behandeln lassen wollen. Foto: Reto Oeschger

Seit sechs Jahren können Patienten wählen, in welchem Spital sie sich behandeln lassen wollen. Foto: Reto Oeschger

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Sie haben es in der Hand: Bei einem geplanten Eingriff haben Patienten seit sechs Jahren die Wahl, in welchem Spital sie behandelt werden wollen, auch ausserhalb ihres Wohnkantons. In den meisten Fällen vertrauen Patienten immer noch ihrem Arzt und folgen dessen Empfehlung bei der Spitalwahl. Das hat eine Befragung des Spitalverbandes H+ ergeben.

Allerdings lassen sich Spitäler und ihre Qualität auch im Internet vergleichen. So liesse sich ebenfalls der richtige Anbieter finden. Es gibt mehrere Angebote mit unterschiedlichen Messmethoden.

«Wenn man Wettbewerb im Gesundheitswesen will, und das heutige System sieht das vor, dann müssen die Konsumenten die Leistungen vergleichen können», sagt Gesundheitsökonom Robert Leu. Dazu gehöre im Gesundheitswesen unbedingt auch die Qualität. Die Schweiz stecke allerdings noch in den Kinderschuhen, findet Leu. Im Ausland werde die Qualität viel detaillierter gemessen. «Die deutsche Helios-Gruppe mit mehr als 200 Kliniken und Versorgungszentren misst insgesamt 460 Indikatoren und stellt die Resultate online», sagt Leu.

Daten im Netz

In der Schweiz ist es vor allem der Nationale Verein für Qualitätsmessung in Spitälern und Kliniken (ANQ), der die Daten erhebt und die Messverfahren Jahr für Jahr verfeinert. Nach anfänglichen Bedenken seitens der Spitäler stellt er die Resultate mittlerweile ebenfalls ins Netz.

Zuletzt sorgte eine Berechnung der vermeidbaren Wiedereintritte in Spitäler für Aufsehen.

Zuletzt sorgte eine Berechnung der vermeidbaren Wiedereintritte ins Spital für Aufsehen, weil ein Viertel der Spitäler in der Schweiz 2016 deutlich zu viele solche Wiedereintritte zu verzeichnen hatte. Daneben misst ANQ zum Beispiel auch die Patientenzufriedenheit und die Anzahl Wundinfektionen nach Operationen.

Der Verein, bei dem die Kantone und die Spitäler mitmachen, legt Wert darauf, dass aus seinen Daten keine Ranglisten erstellt werden. Die Resultate der Untersuchungen sollen vielmehr dazu führen, dass die Spitäler ihre Prozesse unter die Lupe nehmen und wo nötig verbessern. Doch Ranglisten und Direktvergleiche wären attraktiv für die Patienten.

50'000 Personen haben Angebot genutzt

Dies machen andere Portale, die in den letzten Jahren entstanden sind. Die Daten von ANQ werden dabei einbezogen. Zum Beispiel beim Spitalfinder des Krankenkassenverbandes Santésuisse.

Die Website wurde vor drei Jahren zusammen mit dem Konsumentenforum gestartet und verzeichnet zunehmende Nutzerzahlen. Ungenügende Werte werden mit einem roten, gute Resultate mit einem grünen Punkt gekennzeichnet. So lassen sich Spitäler einfach vergleichen. Mathias Müller von Santésuisse sagt allerdings: «Wir wollen die Benutzerfreundlichkeit noch verbessern.» Es sei wichtig, dass die Patienten einfach und schnell Informationen erhalten.

Weiter als der Spitalfinder geht der Qualicheck der Krankenkasse CSS. Dort fliessen neben den Fallzahlen und den ANQ-Erhebungen auch Beurteilungen der Versicherten der CSS in die Bewertung ein. Seit dem Start haben 50'000 Personen das Angebot genutzt. Neben den Zugriffen steige auch die Zeit, welche die Patienten auf dem Portal verbringen, heisst es bei der CSS.

«Wir wollen einen Tripadvisor für das Gesundheitswesen aufbauen.»Christina Wettstein, CSS

Ziel der Kasse ist es, bald nicht nur die Spitäler, sondern auch andere Leistungserbringer, insbesondere auch die Ärzte, zu beurteilen. Die Kasse befragt dazu ihre Versicherten. Der Aufenthalt im Spital darf nicht länger als drei Monate zurückliegen. «Versicherte sollen Orientierung erhalten, um den für sie ‹richtigen› Leistungserbringer zu finden», sagt Christina Wettstein von der CSS. Die Kasse habe ein Interesse, dass sich ihre Patienten für gute Spitäler entscheiden würden. «Jedoch sind Patienten oft ratlos, wo der beste Behandlungsort denn sein könnte.» Darum plant die CSS den Ausbau des Portals auf andere Leistungserbringer wie Rehakliniken und Ärzte.

Ziel ist ein umfassendes Bewertungsportal. «Wir wollen einen Tripadvisor für das Gesundheitswesen aufbauen», sagt Wettstein. Diskutiert wird, dass Zusatzversicherte dereinst profitieren könnten, wenn sie sich zum Beispiel für eines der Spitäler mit dem besten Preis-Qualitäts-Verhältnis entscheiden. Bei der Grundversicherung wäre so ein Bonus nicht zulässig. Doch auch der Kasse nutzt die Qualitätsmessung. «Qualitätsergebnisse nützen uns in Verhandlungen mit Spitälern», so Wettstein.

Der vierte grosse Anbieter ist Comparis. Das Vergleichsportal wird pro Monat rund 6000-mal besucht. Es stellt die Spitäler mit ihren Angeboten und den jeweiligen Fallzahlen dar und erhebt ebenfalls Bewertungen bei Patienten, prüft diese jedoch nachträglich auf ihre Echtheit. Pro Monat kommen rund 150 Bewertungen hinzu. Sie werden erst dann veröffentlicht, wenn mehr als zehn echte Bewertungen pro Disziplin und Spital vorliegen. «Wichtig ist uns, dass man nicht einfach eine Gesamtbewertung eines Spitals sieht, sondern die Bewertung einzelner Leistungsbereiche wie Geburt oder Orthopädie», sagt Felix Schneuwly von Comparis.

Qualitätsmessung müsse wissenschaftlichen Kriterien genügen

Ganz zufrieden ist man allerdings noch nicht und will einerseits mehr Bewertungen sammeln, aber auch wie die CSS die Dienstleistung auf andere Leistungserbringer ausdehnen. «Wir haben eine Bewertung der Spitexdienste aufgeschaltet, und noch in diesem Quartal wollen wir einen Vergleich unter Ärzten zugänglich machen», sagt Schneuwly.

Die Qualitätsmessung müsse wissenschaftlichen Kriterien genügen, betont der Gesundheitsökonom Robert Leu. Dorit Djelid vom Spitalverband H+ pflichtet ihm bei: «Es ist ein Bedürfnis der Patienten da, aber die Messung von Qualität ist komplexer, als man sich das gemeinhin vorstellt.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.01.2019, 07:37 Uhr

Die vier wichtigsten Spitalvergleichsportale

ANQ.ch
Der nationale Vergleich zur Qualitätsmessung erhebt selbst umfangreiche Datensätze oder nutzt Daten von Spitälern, welche die Kantone für den Bund erheben. Dazu gehören auch Patientenbefragungen. Ein Vergleich von einzelnen Spitälern ist aber für den Nutzer nur umständlich möglich.

Spitalfinder.ch
Der Krankenkassenverband Santésuisse betreibt zusammen mit dem Konsumentenforum die Internetseite, welche vor allem die Daten von ANQ verwendet und benutzerfreundlich darstellt. Direkte Vergleiche in einer Region oder einer Spitalart sind für den Nutzer einfach und ohne Probleme möglich.

Comparis.ch/Spitalvergleich
Das Vergleichsportal Comparis setzt vor allem auf die Fallzahlen pro Spital und Bewertungen von Patienten, welche zusammen mit den Spitälern erhoben und verifiziert werden. Der Vergleich von Spitälern und ihren Disziplinen ist einfach möglich. Eine Erweiterung auf die Ärzte ist für dieses Quartal geplant.

Qualicheck.ch
Das Portal der Krankenkasse CSS verwendet zusätzlich zu ANQ-Daten die Fallzahlen pro Spital und Bewertungen der eigenen Versicherten. Vergleiche von mehreren Spitälern einer Region oder Art sind einfach möglich. Die Erweiterung auf andere Leistungserbringer ist geplant. (fi)

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