Sawiris setzt alles auf eine Karte

Reportage

Bis Ende Jahr sollen im Andermatter Tourismusresort 345 Millionen Franken verbaut sein. Im Jahr 2011 wurde das Verkaufsziel von 120 Millionen Franken deutlich verpasst.

Die raue Bergwelt Andermatts abbilden: Samih Sawiris im eigens hergerichteten Musterzimmer des Chedi-Hotels.

Die raue Bergwelt Andermatts abbilden: Samih Sawiris im eigens hergerichteten Musterzimmer des Chedi-Hotels.

(Bild: Reuters)

René Staubli

Ein Standard-Doppelzimmer im Luxus-Hotel The Chedi ist 52 Quadratmeter gross. Gestern zeigte der ägyptische Städtebauer Samih Sawiris den Medien das Interieur eines Musterzimmers. Es soll die raue Bergwelt Andermatts abbilden: Blockhüttenchic, massives Holz, Fell auf dem Bett, Cheminéefeuer und schwere Kerzenständer. Wer ab Dezember 2013 im Chedi absteigt, muss tief in die Tasche greifen: 500 bis 800 Franken wird eine Nacht laut Projektleiter Gérard Jenni kosten, «vergleichbar mit dem Dolder Grand in Zürich oder dem Victoria-Jungfrau in Interlaken».

Das Musterzimmer im Rohbau des voluminösen Chedi symbolisiert den unbedingten Willen Sawiris’, das Resort am Ausgang der Schöllenenschlucht zu realisieren. In diesem Jahr will er über die Orascom-Tochtergesellschaft Andermatt Swiss Alps (ASA) weitere 115 Millionen Franken investieren. Im Frühling gehen die Arbeiten am 46'000 Quadratmeter grossen Podium weiter, auf das Neu-Andermatt mit seinen 42 Häusern zu stehen kommen soll. Im Sommer wird der Golfplatz fertig, weitere Rohbauten sollen folgen (Golfklubhaus, erstes Mehrfamilienhaus, die erste Villa). Das Chedi wird innen ausgebaut und bekommt eine hölzerne Fassade.

«Man muss daran glauben»

Die Bevölkerung von Andermatt scheint Sawiris und seinem Projekt mit Goodwill zu begegnen. Diesen Eindruck bekam, wer am Montag am Informationsabend im Bodenschulhaus teilnahm, dessen Aula fast aus den Nähten platzte. Jenni und Sawiris kamen bei den 250 Anwesenden mit ihrer Offenheit, Bodenständigkeit und ihrem Humor gut an. Zum Gesamtprojekt wurden praktisch keine kritischen Fragen gestellt. Es ging den Leuten mehr um Details: Wie lange wird der Grundwasserspiegel wegen der Bauarbeiten noch abgesenkt? Erhält das Chedi Fernwärme? Wird auch eine Langlaufloipe gebaut? Ist der Baugrund unter dem Hotel Radisson genug stabil?

Ein älterer Herr sagte auf dem Nachhauseweg zu seiner Frau: «Man muss einfach daran glauben.» Was die Verkaufszahlen angeht, verweist die ASA auf den starken Franken, die unsichere Wirtschaftslage und die Diskussionen über die Entwicklung des Skigebiets. All das habe bei den Kunden «zu einer gewissen Zurückhaltung» geführt. Unter diesen Umständen dürfe man mit den Verkäufen zufrieden sein.

Das kann man auch kritischer sehen. Vor einem Jahr hatte Sawiris das Ziel formuliert, 2011 für 120 Millionen Franken Appartements, Wohnungen und Villen zu verkaufen. Dieses Ziel haben seine Marketingleute mit 72 Millionen Franken Verkäufen plus unverbindlichen Reservationen in Höhe von 31 Millionen Franken klar verfehlt. Per 14. Februar sind für insgesamt 134 Millionen Franken Verkaufsverträge abgeschlossen worden. Dazu liegen Reservationen im Wert von 53 Millionen Franken vor.

Bescheidene Prozentzahlen

Bezogen auf das Gesamtprojekt sind das bescheidene Zahlen. Im Vollausbau stehen 490 Appartements in Mehrfamilienhäusern, 120 Appartements im Chedi und 25 Villen zum Verkauf, insgesamt 635 Einheiten. Davon sind seit dem Verkaufsstart vor bald zwei Jahren allerdings erst 36 Einheiten oder 5,7 Prozent verkauft worden. Oder anders herum: Im Vollausbau soll das Resort – verteilt auf die Hotels, Eigentumswohnungen, Appartements und Villen – 4300 neue Betten anbieten. Mit den verkauften 36 Einheiten und den 50 Chedi-Hotelzimmern sind aber erst 350 Betten «im Markt platziert», wie Jenni bestätigt. Das sind rund 8 Prozent.

Sawiris lässt sich vom harzigen Geschäftsgang nicht beeindrucken: «Wir haben solche Entwicklungen auch bei den anderen Orascom-Resorts in aller Welt gesehen», sagte er zu den Andermattern. «Zuerst kaufen jene Leute, die viel Geld haben, die anderen warten ab. Erst wenn das Resort Gestalt annimmt, kaufen auch sie.»

Ein weiterer kritischer Punkt neben den Verkaufszahlen betrifft die neuen Liftanlagen für 130 bis 220 Millionen Franken. Diese sollen Andermatt und Sedrun zu einer grossen Skiarena verbinden. Sawiris wartet sehnlichst auf Fortschritte, weil viele Interessenten mit dem Kauf einer Wohnung oder eines Appartements zuwarten, bis klar ist, was mit dem Liftprojekt geschieht.

Regierung will Sicherheiten einbauen

Der Dorfbevölkerung schilderte der Urner Regierungs- und Ständerat Isidor Baumann die Schwierigkeiten, die vier involvierten Parteien zusammenzubringen. Sawiris beansprucht zusammen mit der schwedischen Investorin Skistar 51 Prozent der zu gründenden Betreiberfirma. Die Sedrun Bergbahnen AG und die Andermatt Gotthard Sportbahnen AG befänden sich in der Minderheit. Ihre schwache Position rühre vor allem daher, dass die Bahnen nicht in der Lage seien, genug Geld für die dringend nötigen Investitionen aufzutreiben; sie sind auf Sawiris und Skistar angewiesen.

Die Urner Regierung wiederum möchte Sicherheiten einbauen, um zu verhindern, dass dereinst die Steuerzahler für eventuelle Betriebsdefizite der Bahnen aufkommen müssen. In den zähen Verhandlungen gehe es nicht zuletzt um Macht und Profilierung, sagen Beobachter.

Wenn nötig noch einmal mit Sawiris Vermögen

Insgesamt 345 Millionen Franken will Sawiris bis Ende Jahr in Andermatt verbaut haben. Dabei öffnet sich die Schere zwischen Investitionen und Einnahmen immer weiter. Denn die Käufer zahlen bei Vertragsabschluss in der Regel nur 25 Prozent des Wohnungspreises, der Rest ist erst bei der Schlüsselübergabe fällig. Die Zwischenfinanzierung muss die Orascom übernehmen. Doch die ist wegen der Wirren in Ägypten wenig solvent. Sawiris hat deshalb 125 Millionen Franken eigenes Vermögen eingeschossen. Er erwägt zudem, die noch nicht verkauften 70 Chedi-Appartements in einen Fonds einzubringen. Damit käme Geld für Appartements in die Kasse, die erst zu einem späteren Zeitpunkt verkauft werden können.

Sawiris setzt in Andermatt alles auf eine Karte. In der Aula sagte er am Montag, er wolle das Resort unbedingt bauen. Wenn es sein müsse, eile er auch noch ein weiteres Mal mit seinem persönlichen Vermögen zu Hilfe.

Tages-Anzeiger

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