SBB wollen Mitarbeitern Löhne kürzen

In den Verhandlungen für den neuen Gesamtarbeitsvertrag verlangt das Unternehmen Lohnsenkungen, eine Erhöhung der Arbeitszeit und vereinfachte Kündigungen.

SBB-Chef Andreas Meyer fürchtet schrumpfende Gewinne. Foto: Keystone

SBB-Chef Andreas Meyer fürchtet schrumpfende Gewinne. Foto: Keystone

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Die gut 27'000 Beschäftigten von SBB und SBB Cargo sind einem verhältnismässig grosszügigen Gesamtarbeitsvertrag unterstellt. Doch Ende Jahr läuft dieser aus – und die SBB haben in den ersten beiden Verhandlungsrunden vom 2. Februar und von vergangenen Freitag vier Forderungen auf den Tisch gelegt, die es in sich haben.

Erstens wollen sie die Regionalzulagen streichen, die in zwei Stufen ausbezahlt werden: Vollzeitbeschäftigte erhalten je nach Arbeitsort 3000 oder 4800 Franken pro Jahr, Teilzeitbeschäftigte entsprechend ihrem Pensum weniger. Von der Streichung wären Tausende Mitarbeiter betroffen, wahrscheinlich sogar die Mehrheit von ihnen. Denn die Regionalzulagen werden allen Mitarbeitern an mehr als 100 Arbeitsorten ausbezahlt, an denen die Lebenshaltungskosten über dem Schweizer Mittel liegen.

Zweitens wollen die SBB Lohngarantien für mehr als 3500 Mitarbeiter kündigen. Das hätte für die Betroffenen eine Lohneinbusse von 1000 bis 2000 Franken pro Jahr zur Folge, wie Manuel Avallone von der Eisenbahngewerkschaft SEV sagt. Von den Garantien profitieren heute vor allem ältere Mitarbeiter, die bei Sparübungen eine Funktionsabwertung hinnehmen mussten. Sie konnten jedoch ihren früheren Lohn behalten.

«Die SBB-Führung provoziert»

Drittens wollen die SBB nicht mehr, dass die Treueprämie, die sie allen Mitarbeitern nach 7, 15 und 20 Dienstjahren gewähren, in Form von Freizeit bezogen werden kann. Faktisch verlangen sie damit für Tausende Mitarbeiter eine höhere Arbeitszeit.

Und viertens will die Bahn den Kündigungsschutz aufweichen. Heute ist das Unternehmen vertraglich verpflichtet, allen Mitarbeitern, die unter 58 Jahre alt sind und mindestens vier Jahre bei den SBB tätig sind, einen neuen Job anzubieten, wenn ihre Stelle aufgrund einer Reorganisation gestrichen wird. Neu wollen die SBB diesen Kündigungsschutz nur noch bei den untersten Lohnklassen und ab zehn Dienstjahren gewähren.

Die SBB bestätigen die vier Forderungen nicht, dementieren sie aber auch nicht. «Wir kommentieren jetzt, in der Anfangsphase der Verhandlungen, unsere Forderungen nicht», sagt Sprecher Jürg Grob. Die vier Arbeitnehmerverbände, die mit den SBB um einen neuen Gesamtarbeitsvertrag verhandeln, sind empört. «Die SBB-Führung provoziert ihr Personal», schrieben gestern Abend der SEV, die Gewerkschaft Transfair, der Kaderverband des öffentlichen Verkehrs und der Verband Schweizer Lokomotivführer in einer gemeinsamen Medienmitteilung. Es sei unmöglich, ernsthaft über einen Gesamtarbeitsvertrag zu verhandeln, «solange die Gegenseite ausschliesslich das Ziel hat, die Arbeitsbedingungen massiv zu verschlechtern».

SBB unter Konkurrenzdruck

Die SBB, deren Personalchef Markus Jordi gestern höchstpersönlich am Verhandlungstisch sass, weisen die Kritik zurück. «Es geht nicht darum, generell die Löhne zu senken und die Arbeitszeit zu erhöhen, sondern darum, die Arbeitsbedingungen den heutigen und künftigen Anforderungen anzupassen», sagt Jürg Grob. «Wir wollen langfristig die Arbeitsplätze sichern und eine attraktive Arbeitgeberin sein.» Wie das geschehen soll, sagt Grob nicht. Laut Manuel Avallone haben die SBB nur Abbauforderungen auf den Tisch gelegt und keine Kompensationen für die höheren Arbeitszeiten und tieferen Löhne.

Kommt es bis Ende Juni zu keiner Einigung, können beide Seiten den Gesamtarbeitsvertrag auf Ende Jahr kündigen. Falls dies nicht geschieht, läuft der alte Vertrag automatisch ein Jahr weiter. «Die Gewerkschaften werden den Vertrag sicher nicht kündigen», sagt Avallone. Falls dies die SBB tun würden, seien die Gewerkschaften zu Kampfmassnahmen – also zu Arbeitsniederlegungen – bereit.

Reingewinn von 246 Millionen im Jahr 2015

Dass die SBB zum jetzigen Zeitpunkt bei den Löhnen sparen wollen, mag erstaunen. Denn in den vergangenen Jahren war es dem Unternehmen stets gelungen, einen hohen Reingewinn zu erwirtschaften. 2015 belief er sich auf 246 Millionen Franken, 2016 sogar auf 381 Millionen. Das Ergebnis des vergangenen Jahres geben die SBB am 20. März bekannt.

Doch offenbar befürchtet Unternehmenschef Andreas Meyer, dass die Gewinne künftig schrumpfen. Die SBB hätten ihre Abbauforderungen jedenfalls mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck begründet, sagt Gewerkschafter Manuel Avallone – namentlich mit dem möglichen Verlust eines Teils der Fernverkehrsstrecken an die BLS, mit der zunehmenden Konkurrenz durch Fernbusse und mit der möglichen Bedrohung durch selbstfahrende Autos. Wenn die SBB-Führung finde, man müsse sparen, könne sie bei sich selber beginnen, findet Manuel Avallone – «bei ihren überrissenen Löhnen».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2018, 22:34 Uhr

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