SBB verärgern Pendler mit knausrigen Entschädigungen

Die SBB zahlen Pendlern erstmals eine Entschädigung wegen Bauarbeiten. Der Aufwand für die Passagiere ist immens.

Die Entschädigung erfolge «ganz freiwillig», betonen die SBB: Gleisarbeiter beim Bahnhof von La Conversion. Bild: Keystone

Die Entschädigung erfolge «ganz freiwillig», betonen die SBB: Gleisarbeiter beim Bahnhof von La Conversion. Bild: Keystone

Andreas Valda@ValdaSui

Der Vater einer vierköpfigen Westschweizer Familie ist genervt. Er fährt selten Zug, doch für diesen Ferienausflug haben er und seine Frau die SBB dem Auto vorgezogen. Der Zug ist jedoch voll, nicht zuletzt wegen der Vollsperrung der Strecke zwischen Lausanne und Freiburg. Die Familie muss sich auf vier Abteile verteilen; nichts mit gemütlichem Zusammensitzen auf dem Weg nach Bern. Beim Umsteigen schimpft der Vater: «Wenn wir keinen Platz finden, verlange ich das Geld zurück.»

Wie diese Familie werden viele Bahnreisende derzeit auf die Probe gestellt. Die SBB zählen diesen Sommer Grossbau­stellen; auf so vielen Gleiskilometern wie noch nie wird gebaut. An mehreren Stellen dauern die Unterhaltsarbeiten bis gegen Herbst. Betroffen sind Hunderttausende Reisende, die Umwege und Verspätungen akzeptieren müssen.

Nur wenige profitieren

Während viele Bahnkunden für die Arbeiten Verständnis aufbringen, sorgt die Entschädigungspraxis der SBB jedoch oft für Ärger. Zwar erhalten erstmals von Bauarbeiten beeinträchtigte Pendler eine Entschädigung; sie besteht in einem Gutschein im Wert von 100 Franken. Doch profitieren kann nur eine kleine Zahl von Pendlern – jene, die von der Vollsperrung zwischen Freiburg und Lausanne betroffen sind. Hinzu kommt, dass es auch für die Berechtigten nicht gerade einfach ist, in den Genuss des Gutscheins zu kommen. Selbst von ihnen lassen viele deshalb kein gutes Haar am «Pilotprojekt zur Entschädigung der Kunden», wie es offiziell heisst.

DerBund.ch/Newsnet hat Passagiere an Perrons und im Zug befragt. Ein typischer Fall ist Lise Tran (35), Besitzerin eines Generalabonnements 2. Klasse. Dreimal die Woche pendelt sie von Genf nach Bern und zurück. Sie klagt: «Die verlängerte Reisezeit ist erheblich. Zusätzliches Umsteigen macht es sehr umständlich.» Über das Entschädigungsprojekt sei sie informiert, sagt Lise Tran. «Doch es ist so kompliziert, dass es mich abschreckte, daran teilzunehmen.» Ein Pendler auf der Strecke von Nyon nach Bern bezeichnet die Entschädigung als «Witz». Ähnlich äusserten sich die meisten befragten Kunden.

Kein Geld ohne Smartphone

In der Tat haben die SBB erhebliche Hürden eingebaut. Entschädigung gibt es nur für Passagiere, die die Umwege mindestens an 10 Tagen erdulden mussten. Sie müssen sich zudem mit einem Swiss Pass online registrieren und ein modernes Smartphone besitzen, die GPS-Ortung laufend eingeschaltet, die SBB-App Preview installiert, den Swiss Pass in der App eingeloggt und dort das Feld «Projekt Entschädigung» angeklickt haben. Nur Kunden, die alle Fahrten aufzeichnen, erhalten den Gutschein, eine manuelle Nacherfassung ist unmöglich.

Bei versuchsweisen Fahrten an drei Tagen erkannte die SBB-App wiederholt den Standort nicht, so etwa im Bahnhof Bern und zwischen Genf und Lausanne. Benutzt wurde ein neues Samsung mit GPS-Ortung.

Kundin Tran empfindet es «als Zumutung, dass wir uns zum Beweis von einer SBB-App orten lassen müssen». Auch empfindet sie es als nicht korrekt, dass nur Leute mit einem neueren Smartphone profitieren. Und schliesslich findet sie: «100 Franken Entschädigung sind wirklich sehr wenig für Kunden wie mich, die mehrmals pro Woche eine erhebliche Mehrbelastung hinnehmen müssen.» Sie nennt keine Zahl, sagt aber, dass der Betrag «sicher mehr als 100 Franken» betragen müsste. Sie glaubt, dass die SBB die Entschädigung «extra so tief angesetzt haben, um den Leuten die Teilnahme zu vergällen».

Grafik vergrössern

Die Vereinigung «Pro Bahn», die die Interessen von Bahnkunden vertritt, sagt, die Umstände für die Bahnpassagiere seien erheblich. Nicht nur die drei Grossbaustellen Westschweiz, Olten und St. Gallen, auch andere Regionen seien betroffen, so Präsidentin Karin Blättler. «Einfach in den Zug oder Bus sitzen und losfahren, ist diesen Sommer nicht möglich», bedauert sie. Die SBB müssten den Kreis der Entschädigten ausweiten. «Alle betroffenen Passagiere sollten unkompliziert entschädigt werden. Die beste Lösung wäre eine generelle Verbilligung der Bahntarife von zum Beispiel fünf Prozent auf alle Tarife, solange die Baustellen die Kunden in grossem Umfang aufhalten.»

Rechtlich sind die SBB nicht gezwungen, bei Verspätungen eine Entschädigung zu zahlen. Zwar hat sich im Parlament eine Mehrheit für eine neue gesetzliche Regelung ausgesprochen, doch spruchreif ist nichts.

Kritik aus der Politik

Angefragte Bahnpolitiker der führenden Parteien äussern sich differenziert. CVP-Nationalrat Martin Candinas (GR), Parteikollege von Bahnministerin Doris Leuthard, nimmt die SBB in Schutz. Ihn freut es, dass die SBB erstmals eine Entschädigung ausschütten. Ein Eingreifen der Politik lehnt er ab. Die SBB als bundesnahes Unternehmen sei ermächtigt, ein solches Projekt in eigener Kompetenz durchzuziehen. Es könne nicht sein, dass jedem Passagier «für jede einzelne Fahrt und Baustelle eine Entschädigung ausbezahlt» werde.

Anders sieht dies SP-Nationalrat Thomas Hardegger (ZH), Mitglied der Verkehrskommission. «Ich finde es sehr bedauerlich, dass die SBB es nicht geschafft haben, ein konsistentes Entschädigungssystem anzubieten.» Einmal mehr hätten die SBB mit Absicht die Nutzung einer Handy-App vorausgesetzt. «Dies widerspricht klar den Grundversorgungsgrundsätzen, wonach der ÖV allen gleich zugänglich sein soll.» Er bezeichnet die 100 Franken Entschädigung als Versuchsballon und fordert die SBB auf, «ein faires Entschädigungssystem zu entwickeln, das flächendeckend für alle Unterbrüche angeboten wird.»

Hart ins Gericht mit den SBB geht auch FDP-Verkehrspolitiker Thierry Burkart (AG). «Die Voraussetzungen, um eine Entschädigung zu erhalten, sind nicht benutzerfreundlich. Es dürfen nicht nur sogenannte digitale Kunden von Entschädigungen profitieren. Das widerspricht klar dem Service-public-Gedanken, den die SBB an vorderster Front verteidigen müsste.» Wenn die SBB schon die Kunden per App laufend orteten, dann müsse die Entschädigung nutzungsabhängig gestaltet sein. Auch Burkart findet, dass Passagiere in anderen Regionen «vergleichbare Entschädigungen» erhalten sollten, sofern sie ähnliche Verspätungen erdulden müssen. Dass es sich um ein Pilotprojekt handle, ändere daran nichts. Und schliesslich fordert Burkart die SBB auf, die Form der Entschädigung zu überdenken. Wenn, dann solle nicht eine Geschenkkarte abgegeben, sondern ein Geldbetrag erstattet werden.

«Das Tracking funktioniert nicht bei allen Smartphones zuverlässig.»Ottavia Masserini, SBB-Sprecherin

Die SBB betonen, die Entschädigung erfolge «ganz freiwillig». Es sei dies europaweit der erste Versuch eines Entschädigungssystems für Kunden, die von längeren Bauarbeiten betroffenen sind. Die Verwendung einer App sei «zum heutigen Zeitpunkt die effizienteste Möglichkeit, eine grösstmögliche Anzahl Kunden zu erreichen.» Die Forderung von Pro Bahn nach einer generellen Ermässigung auf den betroffenen Strecken lehnen sie ab.

Dass es bei der Ortung zu Problemen kommen kann, stellen die SBB nicht in Abrede. «Das Tracking funktioniert nicht bei allen Smartphones zuverlässig. Die SBB wird für alle betroffenen Kunden eine kulante Lösung finden», verspricht Sprecherin Ottavia Masserini. Dies gelte aber nur «für Kunden, die die erforderlichen 10 Fahrten mit einer um 20 Minuten verlängerten Reisezeit vorweisen können». Sie weist die Kritik am Pilotprojekt als zu voreilig zurück. «Es ist unserer Überzeugung unseriös, heute schon ein Fazit zu ziehen, bevor der Versuch nicht sauber zu Ende geführt wurde.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt