Roaming bleibt ein lukratives Geschäft

Die Kosten fürs Telefonieren im Ausland verschwinden zwar immer mehr in Pauschalen und Bündelabos. Doch die Roaminggebühren bleiben ein Faktor.

In den Ferien unbeschwert telefonieren? Camper im Canyonlands National Park in Utah. Foto: Alamy

In den Ferien unbeschwert telefonieren? Camper im Canyonlands National Park in Utah. Foto: Alamy

Matthias Pfander@MatthiasPfander

Es war jeweils das untrügliche Zeichen, dass der Sommer begonnen hatte: In den letzten Jahren sanken pünktlich auf den 1. Juli die Roamingtarife in der EU. Brüssel sorgte per Regulierung dafür, dass das Telefonieren für die EU-Bürger im Ausland einfacher wird. Dieses Jahr ist es anders.

Wie es mit den Gebühren weitergeht, ist nicht klar. Der Grund: ­Eigentlich hätte Schluss sein sollen mit den Sondertarifen für die Handynutzung im Binnenmarkt. Gemäss dem ursprünglichen Ziel der EU-Kommission, auf Ende 2015 die Roaminggebühren für EU-Bürger auf Reisen ins EU-Ausland komplett abzuschaffen. Von dieser radikalen Lösung ist Brüssel vorläufig ­wieder abgerückt. Wie es weitergeht, ist offen: Sollen die Roamingaufschläge ganz verschwinden, wie sich das EU-Parlament dafür ausspricht? Oder sollen die Roamingtarife in engen Grenzen für ein bestimmtes Volumen erlassen werden? Darüber wird am EU-Hauptsitz weiter gestritten.

Würden die Roamingtarife in der EU abgeschafft, hätte dies auch Folgen für die Schweiz. Bereits in den letzten Jahren sind im Sog der Preissenkungen in der EU die Tarife hierzulande unter Druck geraten. Das ist aus Kundensicht die gute Seite der EU-Regulierung. Die Kehrseite: Dass nun die weiteren Schritte unklar sind, hat die Entwicklung von neuen Angeboten, auch von Drittfirmen, gelähmt. «Das Vorgehen hat die Branche verunsichert», sagt Scott Marcus vom deutschen Beratungsunternehmen WIK. Er erstellt Vergleichs­studien zu den Telecomtarifen. Unter anderem für Berec, den Verbund der verschiedenen EU-Aufsichtsbehörden.

Über die letzten Jahre sind die Roamingtarife zwar kontinuierlich gesunken. «Es bleibt aber ein lukratives Geschäft für die Telecomkonzerne, für die Schweizer Netzbetreiber besonders», sagt Marcus, «den Endkunden ­Tarife anzubieten mit Aufschlägen von 20 bis 30 Prozent auf die Einkaufspreise, ist durchaus üblich.»

Roaming findet für die Telecomkonzerne seit Jahren im Spannungsfeld zwischen Kundengunst, Preisdruck und neuen Gegenspielern statt. Zu hohe Tarife können die Nutzung bremsen. Der englische Begriff «bill shock» bringt dies zum Ausdruck. Er beschreibt den ­Moment, den der Kunde erlebt, wenn er nach den Ferien zu Hause die Handyrechnung öffnet. Wer diese Erfahrung gemacht hat, passt beim nächsten Auslandsaufenthalt auf.

Dieser Entwicklung versuchten die Anbieter mit speziellen Reiseoptionen entgegenzuwirken. Sie vermitteln dem Kunden das Gefühl, er könne die Kosten besser kontrollieren. Der neueste Trend geht nun in die Richtung, die Roaminggebühren als Tages- oder Wochenpauschale anzubieten. Oder zum Verschwinden zu bringen. Indem die Handynutzung im Ausland zu einem Teil bereits im Monatsabo enthalten ist. Die Zahlen zur Preisentwicklung von Berec zeigen: Die Kunden sind bereit, für solche Pakete mehr auszugeben, als sie in der EU dank Regulierung bezahlen müssten.

Druck auf den Umsatz

Swisscom machte den ersten Schritt in Richtung Bündelung mit der Einführung der Infinity-Abonnemente Mitte 2012 bei den drei teureren Abos. Für 99 Franken pro Monat waren zum Beispiel 30 Minuten Telefonieren, 30 SMS und 30 Megabyte Daten in Westeuropa enthalten. Unter dem politischen Druck, die Roamingtarife auch in der Schweiz per Regulierung zu senken, dehnte Swisscom im Februar dieses Jahres die Strategie auch auf die günstigeren Abos aus. Und im Mai schob der Anbieter eine neue günstigere Auslandoption für den Rest der Welt nach.

Die Konkurrenz war gefordert. Kurz nach der ersten Offensive von Swisscom im Februar folgten Salt, damals noch als Orange auf dem Markt, und Sunrise mit neuen Roamingangeboten und Anpassungen an den bestehenden Tarifen.

Der Druck auf die Tarife schlägt sich in den Umsatzerwartungen nieder. Swisscom-Chef Urs Schaeppi bezifferte den Effekt in einem Interview mit der «Berner Zeitung» Anfang dieser Woche auf 100 Millionen Franken. «Roaming ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Achtzig Prozent unserer Kunden weichen im Ausland auf andere Technologie aus, etwa Gratistelefonie über WLAN-Verbindungen», erklärte Schaeppi den Entscheid, Roaming gleich in die Monatsabos zu integrieren.

Auch bei Sunrise zeigt sich der Effekt: Die Firma musste bei der ersten Präsentation der Quartalszahlen nach dem Börsengang sogar den Ausblick für das laufende Geschäftsjahr ändern. Weil die neuen Roamingpreise den Umsatz mit bis zu 20 Millionen Franken und den Gewinn vor Steuern (Ebitda) um bis zu 10 Millionen Franken belasten werden.

Das Bundesamt für Kommunikation ermittelt die Umsätze der Schweizer Anbieter mit Roaming. Zwischen 2009 und 2013 ist der Totalbetrag von 872 auf 786 Millionen Franken gesunken. Ein Rückgang um knapp 10 Prozent. Während die Umsätze bei den Anrufen um fast 30 Prozent zurückgingen, legten sie hingegen bei SMS und Daten zu. Obwohl die Preise in der Schweiz Jahr für Jahr zurückgegangen sind, übertreffen sie das Niveau der regulierten EU-Preise deutlich, wie die im Februar veröffentlichten Vergleichszahlen von Berec für das Jahr 2014 zeigen. Der regulierte EU-Tarif für Anrufe im Ausland lag in der zweiten Jahreshälfte bei 19 Cents pro Minute. In der Schweiz lag der durchschnittlich bezahlte Preis bei 55 Cents und damit mehr als doppelt so hoch.

Noch deutlicher die Diskrepanz bei eingehenden Anrufen im Ausland: Der EU-Tarif liegt mit 5 Cents siebenmal tiefer als der durchschnittlich bezahlte Schweizer Preis. Auch bei den Daten sind die Unterschiede gross. «Letztes Jahr wurden die Preise pro Megabyte in etwa halbiert. Die Schweizer Tarife sind immer noch mindestens dreimal höher als der Durchschnitt in der EU», sagt Scott Marcus und ergänzt: «Die Schweizer Kunden bezahlen weiterhin einen massiven Aufschlag dafür, nicht Teil der Regulierung zu sein.»

Internetdienste als Ersatz

Beim Bundesamt für Kommunikation rechnet man damit, dass der Preiswettbewerb in Zukunft durch neue Akteure angeheizt wird. «Die enge Bindung beim Roaming an den einen Anbieter, den man zu Hause nutzt, wird vermutlich aufbrechen», sagt René Dönni, Co-Leiter Telecomdienste beim Bakom. Stichworte sind hier: Die zunehmende Ausbreitung von WLAN-Netzen und die weiterhin wachsende Bedeutung von Internet- und Sprachdiensten wie Whatsapp, Viber, Skype und Konsorten.

Hier kommt wieder die EU ins Spiel. Bereits auf den 1. Juli 2014 wurde die Voraussetzung geschaffen, dass die Kunden in jedem Land den Anbieter für den Internetzugriff mit ihrem Handy frei wählen können. Unabhängig davon, bei welcher Telecomfirma sie zu Hause das Abo haben. Dieses sogenannte Local Breakout erwies sich bis jetzt als Totgeburt. Nur ein einziger Anbieter hat bis jetzt einen solchen Service ausgearbeitet. Die Start-up-Firma Widerfi verlangt für unbegrenzten Internetzugriff an einem Tag 5 Euro, für eine Woche 12 Euro. Und ist bis jetzt nur in Litauen tätig.

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