Riskante Termingeschäfte: Mehr Kontrolle für Stromhändler

Nicht nur UBS und CS spekulieren mit Milliarden an den Börsen. Auch EGL und Alpiq handeln mit Finanzkonstrukten – und werden kaum überwacht. Jetzt greifen die Behörden ein.

Strom verschieben, mit Strom spekulieren: Insgesamt beläuft sich das Kontraktvolumen in der Schweiz nach Schätzungen auf über 100 Milliarden Franken.

Strom verschieben, mit Strom spekulieren: Insgesamt beläuft sich das Kontraktvolumen in der Schweiz nach Schätzungen auf über 100 Milliarden Franken. Bild: Keystone

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Jahrelang bescherte der Handel mit Energiederivaten den Stromfirmen enorme Gewinne: Die Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg (EGL), einer der zehn grössten Stromhändler Europas, erzielte damit jedes Jahr dreistellige Millionengewinne. Doch im hochvolatilen Termingeschäft, in dem die Händler auf künftige Preisentwicklungen spekulieren, kann der Wind rasch drehen: Diesen Frühling setzte die EGL aufs falsche Pferd. Innert drei Monaten machte sie 50 Millionen Franken Verlust. Die Konzernleitung zog die Notbremse, feuerte den Handelschef und 12 Stromhändler.

Welches Ausmass das Handelsgeschäft angenommen hat, zeigt das Volumen der offenen EGL-Kontrakte: Ende 2009 betrugen die Forderungen und Verpflichtungen 70 Milliarden. 2004 waren es noch 8 Milliarden gewesen. Insgesamt beläuft sich das Kontraktvolumen in der Schweiz nach Schätzungen auf über 100 Milliarden Franken. Zwar sind nicht alle Deals spekulativ. Stromversorger glätten damit auch künftige Preisschwankungen.

«Mangelnde Transparenz ist problematisch»

Allerdings: Wie gross die Verlustrisiken wirklich sind, lässt sich von aussen kaum abschätzen. «Es bleibt unklar, welche Transaktionen der Absicherung dienen», sagt Sven Bucher, Analyst der ZKB. Die mangelnde Transparenz der Stromkonzerne bezeichnet er als «problematisch».

Heikel sind die riskanten Geschäfte, weil die öffentliche Hand einspringen muss, wenn ein Stromkonzern sich verspekuliert und in Schieflage gerät. «Auch wenn die Elektrizitätsunternehmen ihre Handelsaktivitäten in Tochterfirmen ausgelagert haben, tangiert das Risiko den gesamten Konzern», sagt Rolf H. Weber, Wirtschaftsrechtsprofessor an der Universität Zürich. Kommt es wie bei der UBS zum Schlimmsten, trägt die Allgemeinheit die Kosten: Die Strompreise müssten erhöht werden oder die Kantone – und damit die Steuerzahler – für die Verluste aufkommen.

Aufsicht hat Problem erkannt

Die riskanten Geschäfte rufen nach einer starken Aufsicht. Doch diese ist lückenhaft: «Die Finanzmarktaufsicht Finma versteht zu wenig vom Energiemarkt, und die Eidgenössische Elektrizitätskommission Elcom zu wenig vom Finanzmarkt», sagt Wirtschaftsrechtler Weber. Die Behörden sind im Dilemma: Die Finma hat lediglich den Auftrag, die Energieunternehmen im Hinblick auf eine Gefährdung des Finanzmarktes zu beaufsichtigen. Die Elcom wiederum darf nicht ins Geschäft der Stromfirmen eingreifen. Webers Fazit: «Es gibt keinen geeigneten Regulator.»

Auch die Aufsichtbehörden haben das Problem erkannt – und sind nun aktiv geworden. «Gemeinsam mit der Finma sind wir derzeit daran, die Aufsicht über den Energiehandel zu koordinieren», erklärt Frank Rutschmann vom Regulator Elcom. In den letzten Monaten haben die beiden Behörden alle Stromhandelsunternehmen im Rahmen einer Umfrage aufgefordert, detailliert offenzulegen, wie hoch ihre Risiken im Energiehandelsgeschäft sind.

Behörden sehen Handlungsbedarf

Die Finma hat gleichzeitig erste Marktbeobachtungen durchgeführt. Im Fokus steht dabei der Energiederivatehandel. «Dabei ging es aus Sicht der Elcom um die Stromversorgungssicherheit und aus Sicht der Finma um allfällige System- und Reputationsrisiken für den Finanzplatz Schweiz.» Offenbar sehen die Behörden Handlungsbedarf: «Erste Erkenntnisse bestätigten die Annahme, dass der Energiederivatehandel stark vom OTC-Handel dominiert wird», sagt Finma-Sprecher Tobias Lux. Der OTC-Markt, an dem die Teilnehmer ausserbörslich handeln, gilt als völlig intransparent und ist weitgehend unreguliert.

Viele Fragen sind indessen noch ungeklärt: «Derzeit laufen Gespräche, welche Behörde welche Aufgaben in der Aufsicht über den Energiehandel wahrnehmen soll», sagt Rutschmann. Auch stellt sich die Frage, ob es die gesetzliche Grundlage erlaubt, bei den Stromhändlern Eigenmittelvorschriften einzuführen – wie bei den Banken.

Von der Aufsicht freigestellt

Heute können sich die Stromhändler dank einer Ausnahmeregelung von der Aufsicht weitgehend freistellen lassen. Seit die Schweiz ihre Vorschriften an die EU angepasst hat, ist der Stromhandel nicht mehr bewilligungspflichtig. Die EGL hat – anders als etwa Alpiq – ihre Lizenz als Effektenhändlerin zurückgegeben und entzieht sich so zu einem grossen Teil der Regulierung.

Die Lücken in der Aufsicht beschäftigen auch die Politik. In einer Motion fordert SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner, die Risiken im Energiederivategeschäft besser zu überwachen und Vorschriften zum Risikomanagement zu schaffen. Das Parlament hat das heisse Eisen noch nicht angefasst.

Stromunternehmen beruhigen

Keinen Handlungsbedarf sehen die Stromhändler. «Ein umfassendes Risikomanagement überwacht bei der EGL das Verhältnis von Risiko- und Ertragspotenzial», sagt Sprecher Richard Rogers. Das Risk-Management werde in einer zentralen, organisatorisch unabhängigen Abteilung geführt. Limiten sollen verhindern, dass Händler unkontrollierbare Risiken eingehen.

Alpiq setze dem Derivatehandel enge Grenzen, sagt Sprecher Andreas Werz: «Gesamthaft hat der Handel ein Risikokapital von 100 Millionen Franken.» Das entspreche bloss 0,8 Prozent des Eigenkapitals. Das Funktionieren der Kraftwerke, Leitungen und Verteilsysteme sei damit auch im schlimmsten Fall gewährleistet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2010, 09:04 Uhr

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