Mutterfirma von Conforama und Lipo in Nöten

Der Möbelkonzern Steinhoff hat den Chef und den Finanzchef entlassen, Staatsanwälte ermitteln wegen Bilanzfälschung. Im Visier sind Briefkastenfirmen im Wallis. Ein Milliardenloch droht.

Schlechte Stimmung bei Conforama – trotz eines Umsatzplus. Foto: Franziska Scheidegger

Schlechte Stimmung bei Conforama – trotz eines Umsatzplus. Foto: Franziska Scheidegger

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Die rund 1550 Mitarbeitenden der 41 Möbelhäuser von Conforama und Lipo in der Schweiz haben in der Vorweihnachtszeit wenig Grund zur Freude. Conforama und Lipo, die letztes Jahr zusammen rund 550 Millionen Franken Umsatz erzielten und hinter Ikea die Nummer zwei im Schweizer Möbelgeschäft sind, gehören der südafrikanisch-deutschen Steinhoff-Gruppe, Europas zweitgrösstem Möbelkonzern.

Der Mutterkonzern, Steinhoff International Holdings, wird von einem Bilanzskandal erschüttert. Am Mittwoch wollte der Möbelkonzern seine Jahreszahlen präsentieren. Stattdessen musste der Verwaltungsrat öffentlich machen, die Publikation der Zahlen sei auf unbestimmte Zeit verschoben – zudem mussten Konzernchef Markus Jooste und der Finanzchef Ben La Grange den Hut nehmen. Die Aktie sackte darauf an der Börse um 60 Prozent ab. Die Obligationen einer von Steinhoff im Sommer bei Investoren platzierten Anleihe über 800 Millionen Euro verloren im Börsenhandel bislang fast die Hälfte ihres Werts.

Die Staatsanwaltschaft im deutschen Oldenburg ermittelt seit Monaten gegen vier amtierende und ehemalige Manager von Steinhoff wegen Verdachts auf Bilanzfälschung. Die Ermittler prüfen, ob Verantwortliche von Steinhoff Zahlen frisiert haben. «Der Verdacht ist, dass aufgeblähte Umsatzzahlen ihren Weg in die Bücher gefunden haben», sagte ein Staatsanwalt der «Financial Times». Die Machenschaften hätten womöglich zu einer «überhöhten Bewertung» der Steinhoff-Gruppe geführt. Konkret gehe es darum, ob mit dem Verkauf von immateriellen Werten und Firmenanteilen die Zahlen geschönt worden seien, ohne offenzulegen, dass Steinhoff «enge Verbindungen zu den Käufern hatte». Zusätzlich steht nun nach dem Eingang einer entsprechenden Strafanzeige das Thema Urkundenfälschung im Raum.

Mit Untersuchung beauftragt

In den Ermittlungen in Oldenburg spielt ein Geflecht von Briefkastenfirmen im Kanton Wallis eine Schlüsselrolle, über das Exponenten von Steinhoff jahrelang etwa Beteiligungen, Markenrechte, Darlehen und Kreditportfolios hin und her schoben. Dies machte unlängst die «Handelszeitung» bekannt.

Dem Mutterhaus von Lipo und Conforama droht der Kollaps. Wie ernst die Lage ist, zeigt der Umstand, dass der Verwaltungsrat von Steinhoff International sich gezwungen sah, der Börse mitzuteilen, er mache sich Gedanken über «die Wertigkeit und die Eintreibbarkeit bestimmter nicht südafrikanischer Aktiven des Unternehmens, die rund 6 Milliarden Euro betragen». Mit anderen Worten: Das Kontrollgremium befürchtet, dass sich da ein Milliardenloch auftun kann. Die Buchprüferfirma PWC wurde beauftragt, eine unabhängige Untersuchung der Vorgänge zu starten. Ein akutes Liquiditätsproblem habe Steinhoff dennoch nicht, sagte der Verwaltungsrat von Steinhoff in seiner Meldung an die Börse. Es gebe «Interessensbekundungen für bestimmte Rand­aktivitäten» der Gruppe, die mindestens eine Milliarde Euro Liquidität freisetzen sollen. Weitere zwei Milliarden Euro Liquidität würden von einer Refinanzierungsrunde bei einer südafrikanischen Tochter und von weiteren Massnahmen erwartet.

Auswirkungen auf die Schweiz?

Ob die Turbulenzen bei Steinhoff bereits Auswirkungen auf Conforama und Lipo in der Schweiz haben, ist nicht bekannt. Bisher liefen die Schweizer Geschäfte der beiden im Günstigsegment positionierten Möbelhausketten gut: Lipo konnte letztes Jahr in einem umkämpften Markt beim Umsatz zwei Prozent zulegen und Conforama ein Prozent. Zu den Betroffenen gehören – neben den rund 1550 Mitarbeitenden von Conforama und Lipo in der Schweiz – weitere rund 100 Beschäftigte des Verteil- und Dienstleistungszentrums in Derendingen SO. Die Zentrale von Steinhoff in Südafrika sei «12'000 Kilometer weit weg», übt ein Schweizer Steinhoff-Kader sich in Galgenhumor. «In Sachen Organisation liegen wir ähnlich weit auseinander.»

Den Riesenladen Steinhoff zu stabilisieren, wird schwierig. Der rechtliche Sitz ist in Amsterdam, Steinhoff ist in Südafrika und Deutschland an der Börse kotiert, die operative Führung ist in Südafrika. Steinhoff ist über eine Serie grosser Firmenkäufe in wenigen Jahren rasant gewachsen und hat in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres laut ungeprüften Zahlen knapp 15 Milliarden Euro Umsatz erzielt. Das verschachtelte Konglomerat mit 130'000 Mitarbeitenden hat 26 Fabriken und betreibt rund 12'000 Läden in über 30 Ländern.

Christo Wiese, der Präsident von Steinhoff International, soll nun als Delegierter des Verwaltungsrates interimistisch den Steinhoff-Konzern aus der existenzbedrohenden Krise führen. Ob Wiese, ein Unternehmer und einer der reichsten Männer Südafrikas, das Steuer rechtzeitig herumreissen kann, wird sich zeigen. An der Börse hat die Steinhoff-Gruppe in vier Tagen 80 Prozent an Wert eingebüsst. Vieles hängt nun davon ab, ob und wieweit Hausbanken und Grossaktionäre des Möbelkonzerns Wieses Fähigkeiten als Sanierer trauen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 22:21 Uhr

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