Jetzt wird es auch auf der Langstrecke richtig billig

Paris–New York für 99 Euro: Neue Airlines locken mit Dumpingpreisen. Eine von ihnen hat auch die Schweiz im Visier.

Flugzeug in Zürich: Auch hierzulande dürfte es bald neue Angebote geben.

Flugzeug in Zürich: Auch hierzulande dürfte es bald neue Angebote geben. Bild: Christian Beutler/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf Flügen innerhalb Europas haben die Billigflieger es bereits geschafft: Inzwischen machen Easyjet, Ryanair und Co. rund einen Drittel des Direktflugverkehrs in Europa aus. Noch vor zehn Jahren waren es nur 13 Prozent. Das heisst, dass die Billigairlines in zehn Jahren um 175 Prozent gewachsen sind. Dies zeigt ein aktueller Bericht des Flughafenverbands ACI Europe. In derselben Zeit nahm das Angebot der sogenannten Full Service Carrier – so heissen traditionelle Airlines wie Lufthansa oder Swiss im Branchenjargon – im selben Segment um 8 Prozent ab.

Was auf Kurz- und Mittelstrecken in vollem Gang ist, läuft nun auch auf der Langstrecke an. Ein Anbieter nach dem nächsten probiert sich an Billig-Überseeflügen. Seit 2012 seien 15 Airlines mit dem Geschäftsmodell Billig-Langstrecke gegründet worden, so die Analysten des Capa Centre for Aviation. Für unter 100 Franken an die US-Ostküste, für 150 Franken nach Kalifornien oder für 300 Franken nach Südostasien – all das versprechen neue Anbieter den Reisenden. Und sie haben damit offenbar Erfolg.

Das zeigt unter anderem das Beispiel Level. Erst in diesem Sommer ist die neue Fluglinie erstmals abgehoben. Ihre Basis hat sie in Barcelona. Von dort fliegen Airbus A330 nach Los Angeles, Oakland, Buenos Aires und Punta Cana. Die Kabine besteht aus Economy und Premium Economy, das Essen ist kostenpflichtig, ebenso wie die Sitzplatzreservation oder andere Extras. Auch ab der Schweiz können Reisende mit Level fliegen. Die Airline gehört zum Luftfahrtriesen International Airlines Group (IAG). Neben British Airways, Iberia und Aer Lingus gehört dazu auch die Billigairline Vueling. Und die ist auch in Basel, Zürich und Genf aktiv und operiert als Zubringer für Level.

Schon dieses Jahr profitabel

Die Nachfrage nach Level-Tickets hat laut Aussagen von IAG sämtliche Erwartungen übertroffen. «Level ist unglaublich erfolgreich», so IAG-Chef Willie Walsh kürzlich bei einer Presseveranstaltung. «Kunden lieben es, und Level wird noch dieses Jahr profitabel werden.» Weil die Nachfrage so gross ist, baut die Airline aus. In der vergangenen Woche eröffnete Walsh bereits die zweite Basis der Fluglinie in Paris-Orly. Von dort soll es für Preise ab 99 Euro nach New York oder in die Karibik gehen. In derselben Woche gab auch Singapore Airlines bekannt, mit der Tochter Scoot in Europa auszubauen. Derzeit fliegt sie nur von Singapur nach Athen, doch schon im nächsten Jahr soll Berlin als neues Ziel hinzukommen.


Video – Letzter Langstreckenflug von Air Berlin

Ein Pilot dreht zum Abschied von der insolventen Fluggesellschaft auf dem Flughafen Düsseldorf eine Ehrenrunde. (Video: Tamedia)


Auch Swiss-Mutter Lufthansa setzt mit der Tochter Eurowings auf die Billig-Langstrecke. Von Zürich nach Bangkok kann man mit der Swiss-Schwester für Preise ab 250 Franken fliegen. Auch Ziele in den USA und der Karibik bietet Eurowings an. Die Fluglinie profitiert derzeit auch vom Ende von Air Berlin und baut kräftig aus – etwa ab der ehemaligen Air-Berlin-Basis Düsseldorf.

Auch die Schweiz ist ein potenzieller Markt

Das alles ist erst der Anfang. Experten sehen bei den Billigfliegern noch sehr viel Potenzial. Das zeigt sich auch an weiteren Zahlen des Flughafenverbands ACI. Noch versammeln die Billiganbieter nur rund ein Zehntel der Interkontinentalflüge ab Europa auf sich. Doch in den vergangenen zehn Jahren ist das Angebot um 146 Prozent gewachsen. Das, so schreiben die Autoren des «Airport Connectivity Report», zeige, wie sehr die Billiganbieter in den nächsten Jahren den Markt durcheinanderwirbeln dürften.

Auch in der Schweiz könnte sich etwas tun. Noch sind keine der neuen Anbieter hier aktiv. Doch die skandinavische Billigairline Norwegian Air Shuttle liebäugelt zumindest damit. Norwegian hat bei der argentinischen Luftfahrtbehörde Administración Nacional de Aviación Civil (Anac) im August 155 Streckenrechte für ihre neue Tochter Norwegian Air Argentina beantragt. Zum einen will sie 75 Routen im Inland anbieten. Die Billigairline plant aber auch ein grosses Angebot an Langstreckenverbindungen nach Übersee. Dabei hat sie auch ein Ziel in der Schweiz im Visier. In der Eingabe ist die Route Buenos Aires–Zürich festgehalten, die Norwegian Air Argentina zweimal pro Woche bedienen möchte. Der Flughafen Zürich bestätigte die Gespräche. «Grundsätzlich ist Buenos Aires sicherlich ein interessanter Markt, der derzeit aus Zürich nicht bedient wird.»

Wie der Siegeszug der Billigflieger die Branche verändern kann, zeigt der Blick auf Europa: Nicht nur sind die Preise auf Europastrecken deutlich gesunken. Die traditionellen Airlines sind auch gezwungen, ihr Geschäftsmodell zu überdenken. Auch die Swiss hat inzwischen Light-Tarife eingeführt, in denen keine Sitzplatzreservierung und kein Aufgabegepäck enthalten sind. An Bord von British Airways gibt es inzwischen kein Gratisessen oder -trinken mehr. Passagiere können – ganz nach dem Vorbild der Billigflieger – Snacks und Getränke kaufen. Auch die Swiss denkt bereits darüber nach, das Catering kostenpflichtig zu machen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.12.2017, 20:34 Uhr

Artikel zum Thema

Jetzt greift Easyjet Swiss auf der Langstrecke an

Ab der Schweiz kann man mit der britischen Billigairline neu an Langstreckenziele fliegen. Mehr...

Airlines werben mit billigen Überseeflügen

Funktioniert der Billig-Boom auch auf der Langstrecke? Experten haben aktuelle Angebote unter die Lupe genommen. Mehr...

Erziehung mit Flugtickets

Ein parlamentarischer Vorstoss verlangt, eine Steuer für Flugpassagiere durchzusetzen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...