Interner Job-Tausch: Lust auf Abwechslung?

Lionel Renaud ist mal Teamleiter, dann wieder Coach im HR. Das ist Jobrotation à la Mobiliar. Und so funktionierts.

Vom Vorsorgegeschäft in die Personalentwicklung: Lionel Renaud in der neuen Bürolandschaft am Mobiliar-Hauptsitz in Bern. Foto: Christian Pfander

Vom Vorsorgegeschäft in die Personalentwicklung: Lionel Renaud in der neuen Bürolandschaft am Mobiliar-Hauptsitz in Bern. Foto: Christian Pfander

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Acht Monate lang, bis letzten Mai, pendelte Lionel Renaud zwischen zwei Arbeitsorten. Zwei Tage verbrachte er am angestammten Platz in Nyon, wo das Lebensversicherungs- und Vorsorgegeschäft der Mobiliar ansässig ist. Weitere zwei Tage reiste der 35-Jährige an den Berner Hauptsitz des Versicherers, und einen Tag arbeitete er dort, wo es grad nötig war, oder auch von zu Hause aus.

In Nyon hat es Renaud, der seit zehn Jahren für die Mobiliar arbeitet, mit Kunden aus der privaten Vorsorge zu tun. Er ist Leiter eines 10-köpfigen Teams, das für das Vertragsmanagement zuständig ist. In Bern hatte der Romand ganz andere Adressaten: Uni-Abgänger, die nach dem Masterabschluss den beruflichen Einstieg bei der Mobiliar über ein Trainee-Programm suchen. Während der besagten acht Monate gehörte er dem Ressort Personalentwicklung an.

Veränderte Stellenprofile

Renaud zählt zu den 14 Mobiliar-Beschäftigten, die das Jobrotationsprogramm des Versicherers seit dessen Beginn Anfang 2017 durchlaufen haben. Drei weitere solcher befristeter hausinterner Stellenwechsel sind noch im Gang, und einer hat eben begonnen. Gemessen an den mehr als 5000 Beschäftigten der Mobiliar scheint das Bedürfnis nach einem temporären beruflichen Tapetenwechsel nicht eben gross zu sein. «Wir hätten eine etwas grössere Nachfrage erwartet», räumt Simone Schneuwly, Leiterin Personalentwicklung, ein.

Sie weiss indes aus eigener Erfahrung, dass «es etwas Zeit braucht, bis ein solches Angebot richtig ins Rollen kommt». Die Personalentwicklerin hat sich vorgenommen, die Jobrotation hausintern aktiver zu bewerben und sie als Chance für die Mitarbeitenden darzustellen, um auf diesem Weg – alternativ zu einer Weiterbildung – andere Fähigkeiten aufzubauen oder einzusetzen. Hier kreuzen sich die Ziele der Mobiliar: Das Unternehmen sieht den systematischen Wechsel des Arbeitsplatzes und der Funktion für eine begrenzte Zeit als einen seiner Ansätze im Bemühen, die Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten zu erhöhen.

Inspiration bei der Entwicklung des Jobrotationsangebots holte sich der Versicherer bei der Post und der Postfinance, die bereits ähnliche Programme eingeführt hatten. Ausserdem, so Schneuwly, «standen wir mit den SBB in einem allgemeinen Austausch zu diesem Thema».

«Ich war mir nicht bewusst, welche Abhängigkeiten innerhalb einer Organisation wie der Mobiliar zu berücksichtigen sind».Lionel Renaud, Mobiliar

Die Mobiliar befinde sich «inmitten der digitalen Transformation», erklärt Schneuwly. «Dadurch verändern sich die Stellenprofile, und die Mitarbeitenden sehen sich vor neue Anforderungen gestellt wie zum Beispiel interdisziplinäres Arbeiten.» Das verlange nach stetiger persönlicher Weiterentwicklung und Erweiterung der Kompetenzen.

Um diesen Wandel hin zum bereichsübergreifenden Austausch für die Beschäftigten sicht- und erlebbar zu machen, hat die Mobiliar buchstäblich Wände eingerissen. Anstelle von Einzelbüros sind am Berner Hauptsitz und in Nyon offene, transparente Bürolandschaften entstanden mit frei wählbaren Arbeitsplätzen über Hierarchiestufen und Bereichsgrenzen hinweg. 2019 werden die Büroräumlichkeiten in Bern entsprechend umgebaut sein, am Sitz in Zürich dauert es bis 2020.

Horizonterweiterung ist auch ein zentrales Stichwort für die Jobrotation. Bei weitem die meisten Teilnehmenden haben diesbezügliche Beweggründe und Erwartungen geäussert: Einblick in neue Bereiche bekommen, neue Leute kennen lernen, sich persönlich und fachlich weiterentwickeln. Stellt man auf die Fragebogen ab, die nach Abschluss des Programms ausgefüllt wurden, scheinen die Absolventen zufrieden zu sein: Immerhin zehn gaben an, ihre Erwartungen seien gut bis sehr gut erfüllt worden.

Auch Lionel Renaud spricht von einer «sehr lehrreichen Zeit» während der Jobrotation. Ist er in Nyon stark ins Tagesgeschäft eingebunden, musste er während seiner Zeit in Bern viel mehr projektgebunden arbeiten. «Vor allem hinsichtlich Planung und Erarbeitung von Konzepten, aber auch was neue Arbeitsmethoden anbelangt, konnte ich mich weiterentwickeln», sagt Renaud.

«Die Mitarbeitenden sehen sich vor neue Anforderungen gestellt»Simone Schneuwly, Leiterin Personalentwicklung

Als «grösste Umstellung» bezeichnet Renaud, dass er in der Personalentwicklung mit vielen verschiedenen Ansprechpartnern zusammenarbeiten musste: neben diversen Teams innerhalb des Personalressorts auch mit allen Abteilungen im Unternehmen, die in die Trainee-Programme eingebunden sind. «Ich war mir überhaupt nicht bewusst, welche gegenseitigen Abhängigkeiten innerhalb einer Organisation wie der Mobiliar zu berücksichtigen sind, um solche Programme zum Laufen zu bringen», sagt Renaud.

In seinem Fall kam noch die sprachliche Herausforderung hinzu: In Bern musste er Deutsch sprechen. Einen Mentalitätsunterschied zwischen Romands und Deutschschweizern hat er hingegen nicht bemerkt. «Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir für dasselbe Unternehmen arbeiten, aber die Leute in Nyon und Bern ticken ziemlich ähnlich», meint Renaud.

Gefragt, was zum Erfolg seiner Jobrotation beigetragen hat, streicht Renaud zwei Punkte heraus. Zum einen die Laufzeit: Sechs bis acht Monate seien ideal, denn zwei, drei Monate habe es gedauert, bis er sich an das neue Umfeld gewöhnt habe. Zum andern erachtet er es im Rückblick als grossen Gewinn, «dass ich klare Ziele bekommen habe und mir die volle Verantwortung für mein Aufgaben­gebiet übertragen wurde».

Vorgesetzte mehr einbinden

Auffallend ist, dass von den insgesamt 18 Teilnehmenden am Job­rotationsprogramm nur zwei 50 Jahre und älter sind. Simone Schneuwly vermutet, dass in dieser Altersgruppe gewisse Ängste verbreitet seien, man könnte am neuen Einsatzort den anderen Teammitgliedern zur Last fallen. Dabei wäre aus Sicht der Personalentwicklerin ein befristeter Stellenwechsel innerhalb des Unternehmens gerade für ältere Beschäftigte «eine ideale Möglichkeit zur Weiterbildung und damit zum Erhalt ihrer Arbeitsmarktfähigkeit».

Überzeugungsarbeit für das Angebot wird Schneuwly auch bei Vorgesetzten leisten müssen. Entscheiden sich Mitarbeitende für eine Jobrotation, muss ihr Chef während dieser Zeit nicht nur auf die Arbeitskraft verzichten. Darüber hinaus belastet der befristete Stellenwechsel seine Kostenstelle. «Diese Regelung müssen wir nochmals anschauen», räumt Schneuwly ein. Zugleich hofft sie auf die Einsicht der Ressort- und Abteilungsleiter: «Es geht darum, dass wir vermehrt im Sinn des Gesamtunternehmens handeln, das gilt nicht zuletzt für die Offenheit gegenüber Jobrotationen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 11:16 Uhr

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