Interview

Heinz Karrer: Kampf gegen die Abzockerinitiative war ein Fehler

Der neue Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer rät zur Mässigung. «Die Löhne sollten höchstens im einstelligen Millionenbereich liegen», sagt er im Interview.

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Freuen Sie sich, bald Abzockerlöhne verteidigen zu müssen?

Ich freue mich vor allem, darüber zu sprechen, was die Schweiz und ihre Wirtschaft erfolgreich macht. Aber selbstverständlich darf man auch über die hohen Saläre reden.

Was halten Sie persönlich davon? Haben Sie sich etwa über Daniel Vasellas Bezüge aufgeregt?

Sie sind in der Bevölkerung nur schwer nachvollziehbar. Aber vergessen Sie nicht, dass 90 bis 95 Prozent der Manager einen zwar stolzen, aber für die meisten Bürgerinnen und Bürger akzeptierbaren Lohn beziehen. Umso mehr bedaure ich, dass einige wenige Bezüge im Zentrum stehen, die tatsächlich sehr schwer zu verstehen sind.

Auch für Sie?

Ja, auch für mich. Ich kann zwar die Berechnungen nachvollziehen. Aber ihr Resultat ist weit von dem entfernt, was gesellschaftlich akzeptiert ist. Ich finde es schade, wenn man sich der Konsequenzen nicht bewusst ist, die solche Einzelsaläre haben können.

Haben Sie sich bei der Axpo eine Limite gesetzt?

Ja, aber nur informell.

Auf welcher Höhe?

Unter einer Million Franken pro Jahr. Ich habe in den letzten Jahren zwischen 500'000 und 900'000 Franken verdient. Auch dies ist ein stolzer Lohn. Bei einem Unternehmen wie der Axpo, das der öffentlichen Hand gehört, sollte man besonders zurückhaltend sein.

Und bei privaten Firmen? Bis zu welchem Ausmass halten Sie die Löhne noch für kommunizierbar?

Sie sollten höchstens im einstelligen Millionenbereich liegen. Aber die Lohnpolitik ist Sache der Eigentümer.

Sehen Sie Möglichkeiten, als Economiesuisse-Präsident darauf einzuwirken, sodass sich die Manager mässigen?

Eine Bevormundung wäre falsch.

Sie könnten auch überzeugen?

Durchaus. Ich werde sicher auf die beschränkte gesellschaftliche Akzeptanz aufmerksam machen – und auf die Folgen, die ein Ignorieren dieser Tatsache haben kann.

Ein einfaches Rezept schlagen die Jungsozialisten mit ihrer 1:12-Initiative vor. Ist es nicht gerecht, wenn der Bestverdienende eines Unternehmens pro Monat nicht mehr verdient als der Schlechtestverdienende pro Jahr?

Ich finde es grundsätzlich falsch, wenn der Staat die Löhne vorschreibt. Denn unser liberaler Arbeitsmarkt ist ein grosser Standortvorteil. Darauf gründet unter anderem unser Wohlstand.

«Man hätte besser
mit den Initianten
eine gemeinsame
Lösung gesucht.»

Und wenn das Volk die 1:12-Initiative trotzdem annimmt?

Staatliche Einschränkungen hemmen das Investitionsklima, was schlecht für die Schweiz ist.

Engagieren Sie sich dagegen?

Selbstverständlich, wobei der Lead gegen aussen beim Gewerbe- und beim Arbeitgeberverband liegt.

Gegen die Abzocker-Initiative hatte noch Economiesuisse zuvorderst gekämpft – mit mässigem Erfolg.

Man hätte diese Kampagne im Nachhinein betrachtet wohl nicht führen dürfen. Umfragen haben schon früh gezeigt, dass die Abstimmung nicht zu gewinnen ist. Man kann ja kaum etwas dagegen haben, dass die Eigentümer bei den Salären mitsprechen.

Wie bitte? Da setzt Economiesuisse 8 Millionen Franken ein, um die Minder-Initiative zu bodigen. Und ihr neuer Präsident sagt, es spreche kaum etwas gegen die Initiative?

Es gab sicher Punkte, die man besser hätte regeln können. Rückblickend wäre es zielführender gewesen, wenn man mit den Initianten eine gemeinsame Lösung gesucht hätte. Aber im Nachhinein ist man immer gescheiter.

Sagen Sie dies erst jetzt, oder haben Sie sich bereits vor der verlorenen Abstimmung so geäussert?

Die Diskussionen wurden geführt. Aber ich muss mir heute vorwerfen, dass ich mich zu wenig engagiert habe. Ich bin also mitverantwortlich.

Nun ist das Image von Economiesuisse am Boden.

Wir haben die interne Aufarbeitung gemacht und sollten nun in den Lösungs- und Umsetzungsmodus übergehen.

Inwiefern? Wollen Sie dem Verband wieder das politische Gewicht seiner Vorgängerorganisation Vorort verleihen? Damals bezeichnete man den Präsidenten auch als achten Bundesrat.

(lacht) Achter Bundesrat möchte ich nicht sein. Aber es muss unser Ziel sein, dass man uns ernst nimmt und unsere Argumente hört.

Sie kämpfen auch intern mit Problemen. Der Uhrenverband hat angekündigt, er wolle per Ende Jahr Economiesuisse verlassen. Wollen Sie dies noch abwenden?

Ich werde alles Erdenkliche unternehmen, damit der Uhrenverband mit seiner Bedeutung und Symbolkraft bleibt.

Und bis wann wollen Sie den neuen Direktor ernennen?

Das sollte in den nächsten Monaten der Fall sein.

In wie vielen Monaten?

Ach, diese Nachfragen. (lacht) Bis Ende Jahr wäre schön. Wenn es aber im Januar noch ein Gespräch braucht, warten wir auch dieses ab. Wichtiger ist mir ein qualitativ guter als ein schneller Entscheid. Wir haben ja einen engagierten Ad-interim-Direktor.

Hat er Chancen, den Job definitiv zu bekommen?

Wenn sich Rudolf Minsch bewirbt, werden wir seine Kandidatur sehr gewissenhaft prüfen.

Sie selbst sollen begeistert gewesen sein, als man Sie fürs Präsidium angefragt hat.

Es lief so: Rolf Soiron – der Präsident der Findungskommission und ein Mann mit grosser Überzeugungskraft – hat mich angefragt und anderthalb Stunden mit mir gesprochen. Ich nahm mir dann ein Wochenende Zeit, das ich mit meiner Frau bei Freunden in einer Alphütte verbrachte. Je länger wir dort diskutierten und nachdachten, desto mehr fing ich Feuer. Am Montag rief ich Herrn Soiron an und sagte: Es interessiert mich nicht nur, es interessiert mich sogar sehr.

Sie haben also nie Nein gesagt?

Das ist korrekt.

Was begeistert Sie denn derart am Economiesuisse-Präsidium?

Ich kann mich für etwas einsetzen, das der ganzen Schweiz dient: gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Das gibt der Aufgabe einen gemeinschaftlichen Sinn.

Überdies haben Sie einen guten Grund, um bei der Axpo zu gehen. Freuen Sie sich auch darüber?

(lacht) Überhaupt nicht. Auch diese Aufgabe ist spannend.

Aber die Aussichten der Axpo sind schlecht. Sie müssen mit der Energiewende leben, die Sie nicht gesucht haben. Und die tiefen Strompreise setzen dem Unternehmen zu.

Natürlich könnten wir darüber jammern, dass sich die Welt verändert hat. Aber das ist nun mal so. Unsere Aufgabe ist, unter diesen Umständen einen guten Job zu machen – möglichst besser als unsere Mitbewerber.

Sie haben mit steigenden Strompreisen gerechnet und im Ausland entsprechend in Gaskraftwerke investiert. Nun sind die Preise aber nicht gestiegen, sondern massiv gesunken. Haben Sie sich verspekuliert?

Wir spekulieren nicht. Die Prognose war aber nicht ganz richtig. Ich habe die Finanzkrise nicht vorausgesehen. Auch nicht den Bedeutungsverlust der Klimapolitik, die vor fünf Jahren noch prioritär war. Und die massive Subventionierung von erneuerbaren Energien als Folge von Fukushima habe ich ebenfalls nicht vorausgeahnt. All dies hat die Preise gedrückt. Aber längerfristig werden sie wieder steigen.

Mehrere Schweizer Manager haben sich in letzter Zeit umgebracht. Ist dies Zufall? Oder widerspiegelt es die Überbeanspruchung?

Ich weiss es nicht. Aber die Beanspruchung hat durch die digitale Erreichbarkeit sicher zugenommen. Alles ist schneller geworden.

Wie kann man vorbeugen?

Ich kann nur für mich sprechen. Mir ist ein stabiles Umfeld in der Familie und im Freundeskreis sehr wichtig.

Und das Bergsteigen. Welche der 48 Schweizer Viertausender fehlen Ihnen noch?

Das Lauteraarhorn, der Grand Combin de Grafeneire und das Nordend.

Bis wann wollen Sie auch diese Gipfel erklommen haben?

Meine Bergführer Gusti Oehrli und Art Furrer sagen immer: Die Berge laufen nicht davon.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2013, 11:14 Uhr

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Der 54-jährige Heinz Karrer ist diese Woche zum Präsidenten des Wirtschaftsdach­verbands Economiesuisse gewählt worden. Vorderhand bleibt er auch CEO der Axpo – bis der Stromkonzern einen Nachfolger gefunden hat. Dann will sich Karrer auf sein 50-Prozent-Pensum als Economiesuisse-Präsident konzentrieren und in Verwaltungsräten tätig sein. Vor der Axpo war Karrer Spitzenhandballer, Geschäftsführer des Sportartikel-Lieferanten-Verbands, Chef des Sportartikelhändlers Intersport, CEO Schweiz bei Ringier und Marketingchef bei Swisscom. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat aus dieser drei Söhne
im jungen Erwachsenenalter. (is.)

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