Harley-Davidson und der Sound des Niedergangs

Harley-Davidson steckt wegen sinkender Verkaufszahlen in der Krise. Der Motorrad-Hersteller setzt jetzt auf Elektro-Motoren – und künstliches Röhren.

Die Blaupause für eine Elektro-Harley-Davidson: der Prototyp «Livewire», aufgenommen bei seiner Vorstellung im Juni 2014 auf der New Yorker Manhattan-Brücke.

Die Blaupause für eine Elektro-Harley-Davidson: der Prototyp «Livewire», aufgenommen bei seiner Vorstellung im Juni 2014 auf der New Yorker Manhattan-Brücke. Bild: Neilson Barnard (Getty Images)

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Seit vier Jahren schon wälzt Harley-Davidson die Idee, ein Motorrad mit Elektroantrieb auf den Markt zu bringen. 2014 präsentierte der amerikanische Motorradhersteller der Öffentlichkeit den Elektro-Prototyp «Livewire» (zu deutsch Temperamentbündel). Auf dieser Grundlage will nun das in Milwaukee (Wisconsin) beheimatete Unternehmen innerhalb der nächsten 18 Monate ein neues Motorrad lancieren, wie diese Woche bekannt wurde. Damit verbindet sich die Hoffnung, neue Kundenkreise zu erschliessen, namentlich Frauen sowie ein jüngeres und urbaneres Publikum.

Eine Blutauffrischung hat Harley-Davidson dringend nötig. Der Motorradikone kommen die Kunden abhanden. Im vergangenen Jahr schrumpften ihre weltweiten Verkäufe um 6,7 Prozent – in den USA, dem bei weitem wichtigsten Markt, betrug das Minus 8,5 Prozent –, und für 2018 geht das Management von einem nochmaligen Rückgang um knapp 5 Prozent aus. Aussenstehende Beobachter befürchten, dass der rückläufige Absatztrend noch länger anhalten könnte.

Vom echten zum künstlichen Motorensound

Demgegenüber stossen Elektromotorräder, wenngleich von einer schmalen Basis ausgehend, auf zunehmendes Käuferinteresse. Die Agentur Bloomberg verwies kürzlich auf eine Erhebung des US-Marktforschungsunternehmens Technavio, die elektrisch angetriebenen Motorrädern im amerikanischen Markt einen 45-prozentigen Absatzzuwachs zwischen 2016 und 2020 vorhersagte. Vor diesem Hintergrund beabsichtigt Harley-Davidson, über einen mehrjährigen Zeitraum hinweg jeweils bis zu 50 Millionen Dollar pro Jahr in die Elektrotechnologie zu investieren. Erklärtes Ziel ist die globale Marktführerschaft im Segment der Elektromotorräder.

Ob diese Neuerfindung von Harley-Davidson gelingt? Längst nicht alle Marktkenner sind überzeugt. Wie bei keinem anderen Motorradhersteller ist dessen Image eng verknüpft mit schweren Maschinen und ihrem unverwechselbaren, lauten – und patentierten – Motorgeknatter. Ihre Fahrer verbinden damit das Ideal von persönlicher Freiheit und Ungebundenheit.

Wie sich diese Vorstellungen mit einem Elektromotorrad in Einklang bringen lassen, ist schwer nachvollziehbar. Harley-Davidson versuchte sich beim Prototyp Livewire mit einem Spagat, indem man ein künstliches Motorgeräusch beim Betätigen des Gashebels entwickelte. Wirklich begeistern liessen sich die Fahrer aber laut Medienberichten nicht.

Die Livewire zischt und brummt nicht mehr: Das E-Bike im Test. Video: Youtube

Harley-Davidson-Chef Matt Levatich zeigt sich davon wenig beeindruckt. «Das Verblüffendste», so sagte er kürzlich zu Journalisten über Livewire, «war der universelle Anklang, auf den das Produkt gestossen ist.» Dies gebe der Konzernführung viel Vertrauen, mit einem Elektromotorrad auf breites Kundeninteresse zu stossen und gleichzeitig neben den angestammten Harley-Fahrern ein neues Käufersegment zu erschliessen.

Starke Beschleunigung, geringe Reichweite

Parallel dazu könnte sich Harley-Davidson mit dem Vorstoss in die Elektromobilität als Unternehmen präsentieren, das es nicht beim herkömmlichen Verbrennungsmotor belässt, sondern auch in fortschrittlichen, umweltverträglichen Technologien zum Know-how-Träger werden will. Nur mit einem solchen Imagewandel, geben Beobachter zu bedenken, hätten die Amerikaner eine Chance, die angestrebte Verbreiterung und Verjüngung ihrer Kundenbasis zu verwirklichen.

Für diese neuen Motorradfahrer und -fahrerinnen kommt es dann auch weniger auf den Sound des Motors an. Vielmehr lassen sie sich von einem Gefühl des Fliegens auf einem schnellen und dennoch geräuscharmen Elektromotorrad inspirieren. Was die Beschleunigung anbelangt, kann Letzteres auf jeden Fall mithalten: Der Livewire-Prototyp braucht nur rund vier Sekunden, um von null auf hundert Kilometer pro Stunde zu kommen.

Sein Handicap liegt anderswo, nämlich bei der Reichweite. Selbst mit ökonomischer Fahrweise reicht die Energiekapazität für gerade mal knapp 90 Kilometer. In dieser Hinsicht müssen sich die Techniker von Harley-Davidson in den kommenden 18 Monaten noch etwas einfallen lassen.


Video - 20'000 Motorräder an den Swiss Harley-Davidson-Days.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.02.2018, 15:58 Uhr

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