Ford greift Tesla und Google an

Bis 2021 will Ford ein Auto ohne Steuerrad und Pedale für den Massenmarkt lancieren. Das setzt Konkurrenten und Pioniere aus dem Silicon Valley unter Druck.

Taxifirmen und Warentransporteure in den Städten sollen Fords selbstfahrendes Auto als Erste einsetzen. Foto: PD

Taxifirmen und Warentransporteure in den Städten sollen Fords selbstfahrendes Auto als Erste einsetzen. Foto: PD

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Was ist das bloss für ein Auto? Es hat kein Steuerrad und keine Pedale. Es hat keinen Fahrer, nur noch Passagiere. Und kaufen kann man es auch nicht. Es ist ein vollständig selbstfahrendes Auto, das Ford spätestens 2021 Betreibern grosser Flotten wie Taxifirmen oder Paketlieferdiensten anbieten will, die die Kosten für die Fahrer einsparen wollen.

Ford will die fahrerlosen Autos in zwei Etappen lancieren. Zunächst sind sie bestimmt für grosse Städte mit dichtem Verkehr. Dort sollen sie spätestens in fünf Jahren Pakete oder Pizzas aus­liefern. Oder die Mobilitätsbedürfnisse einer rasch wachsenden Schicht von Städtern befriedigen, die kein Auto haben, sich aber gern von einem Wagen chauffieren lassen, der von einem Computer gesteuert wird – unterstützt von Sensoren, Kameras und viel Elektronik.

Erstabnehmer der Roboterautos noch unbekannt

Mit ein Grund für die Beschränkung auf dicht besiedelte Gebiete in einer ersten Phase ist laut Ford, dass sich dort der enorme Aufwand für die Optimierung von Strassen und Signalisation für digitale Systeme sowie die Schaffung von 3-D-Karten am schnellsten lohnt.

Wobei Ford offenlässt, ob das Unternehmen selbst solche fahrerlosen Autoflotten betreiben – oder die Roboter-Autos an Taxifirmen, Warentransporteure, Carsharingfirmen oder Inhaber von Mobilitätsplattformen wie Uber, Lyft oder Mobility in der Schweiz verkaufen will. Jedenfalls hat der Autokonzern bereits eine Firma mit dem Namen Ford Smart Mobility gegründet.

An Private will Ford die Roboter-Autos erst in einer zweiten Phase später im nächsten Jahrzehnt verkaufen. Dies dann aber an «Millionen Leute» – und «nicht nur an jene, die sich ein Luxusfahrzeug leisten können» – eine Spitze gegen die bis zu 100'000 Dollar teuren Elektroboliden von Tesla, deren elektronischer «Autopilot» den Fahrern immer mehr Routinearbeit abnimmt.

Antriebsart ist sekundär

Präsentiert hat Ford das Auto der Zukunft nicht am Hauptsitz in Detroit, sondern im Silicon Valley in Kalifornien, dem Gravitationszentrum von Firmen wie Google, Apple und Tesla, die der Autobranche den Rang ablaufen wollen. Erstaunt haben dürfte dort, dass Ford sich punkto Antrieb alle Optionen offenhält: Das fahrerlose Auto werde höchstwahrscheinlich eher ein Hybrid sein als ein Elektrofahrzeug oder gar einen konventionellen Verbrennungsmotor haben, um eine grosse Reichweite sicherzustellen und den Stillstand während der Aufladephase zu minimieren.

Dass das Auto ohne Steuerrad und Pedale spätestens 2021 fit für den Massenmarkt ist, hat demnach bei Ford mehr Priorität als die Antriebstechnik. Womöglich will Ford bloss Teslas Fehler vermeiden, in jedes neue Modell so viel neue Technik reinzupacken, dass eine grosse Verzögerung der Lancierung praktisch unvermeidlich ist.

Bei aller Stichelei gegen Tesla weiss Ford sehr wohl, dass Tesla-Chef Elon Musk vor Ende 2017 mit einem Volks­modell für 35'000 Dollar ins Massen­geschäft einsteigen will. «Wir haben viel Arbeit in die Reduktion der Kosten der technischen Komponenten gesteckt», sagte Ford-Chef Mark Fields gestern anlässlich der Präsentation des neuen Selbstfahrautos. Es werde zu Beginn jedoch ein «relativ teures Fahrzeug» sein.

Selbstfahrende Autos für Mittelklasse zu teuer

Die Selbstfahrtechnik ist noch zu teuer für die Mittelklasse. Im Google-Auto etwa steckte unlängst elektronisches Gerät für 150'000 Dollar. Ford investiert in die kalifornische Optikfirma Velodyne, um die Kosten für die Sensoren auf 300 bis 500 Dollar pro Selbstfahrauto zu senken. Velodynes erstes Lasergerät hatte 75'000 Dollar gekostet. Die Selbstfahrtechnik perfektionieren helfen soll die zugekaufte israelische Jungfirma Saips. Zudem will Ford die Belegschaft des Techniklabors im Silicon Valley bis Ende 2017 auf 260 Spezialisten verdoppeln. Ende Jahr will Ford die grösste selbstfahrende Autoflotte der Branche im Testeinsatz haben.

Unter Druck setzt Fords ehrgeiziger Plan die Pioniere. Googles Kooperation mit Chrysler-Fiat ist beschränkt auf den Bau von 100 Minivans, in die Google ihre Selbstfahrtechnik reinpackt. Dass man gemeinsam ein Selbstfahrauto entwickle, hat Google dementiert. Kein Wunder, hat Googles Autoprojekt fünf Topleute verloren, wovon zwei einen selbstfahrenden Lastwagen entwickeln wollten. Tempo macht auch General ­Motors. Der weltgrösste Autokonzern kaufte unlängst für eine Milliarde Dollar eine auf Selbstfahrtechnik spezialisierte Firma und investierte eine halbe Milliarde in Lyft.

Israelisch-deutsches Ziel

Weit zurück liegt Apples Projekt «Titan», das mit einem grossen Team ein sich selbst steuerndes Elektroauto entwickelt. Niemand hat bisher so viele gehobene Elektroautos mit so weit fortgeschrittener Selbstfahrtechnik verkauft wie Tesla. Das Unternehmen ist jedoch angeschlagen nach mehreren Unfällen, in denen der Autopilot Hindernisse nicht erkannte. Zudem hat sich Teslas Lieferant des Kamerasystems zu BMW abgesetzt: Die israelische Mobileye will nun zusammen mit dem Autokonzern aus Bayern und dem Chipkonzern Intel bis 2021 ein selbstfahrendes Auto auf den Markt bringen.

Porsche hat bereits früher angekündigt, man wolle ab 2020 mit einem eigenen Elektroboliden Tesla reiche Kunden abjagen. Einen Vorteil hat Tesla: Ihr Auto der Zukunft ist bereits weit fortgeschritten und weltweit auf Strassen im Alltagseinsatz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2016, 23:09 Uhr

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