Familie Schmidheiny leidet an den Asbestfolgen

Die Unternehmerdynastie muss sich in Italien wegen Todesfällen vor Gericht verantworten. Nun ist ein Familienmitglied an den Folgen von Asbest gestorben.

Vorläufig zu 18 Jahren Haft verurteilt: Stephan Schmidheiny. (Archivbild)

Vorläufig zu 18 Jahren Haft verurteilt: Stephan Schmidheiny. (Archivbild) Bild: Keystone

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Eine Regel galt in der Familiendynastie der Schmidheinys eisern: Jeder, ob Sprössling oder nicht, musste das Unternehmen von unten her kennen lernen. Erst dann konnte er im weitverzweigten Zementimperium aufsteigen. So absolvierte der frühere Eternit-Besitzer Stephan Schmidheiny 1970 in den Eternit-Werken in Brasilien ein Praktikum, sein älterer Cousin Anton Schrafl arbeitete Anfang der 60er-Jahre in einer südafrikanischen Tochterfirma der Holderbank – und beide waren dem krebserregenden Asbeststaub ausgesetzt.

Am Montag ist Anton Schrafl im Alter von 81 Jahren gestorben. Die Todesursache war laut mehreren seiner Weggefährten ein asbestbedingtes Mesotheliom, ein bösartiger Tumor, ausgelöst durch den Kontakt mit der lungenschädigenden Faser. Ende 2012 stellten ihm die Ärzte die Diagnose, seine Bekannten habe Schrafl aber erst vor wenigen Wochen über seine Krankheit informiert.

Vermeintliche «Wunderfaser»

Der Asbesttodesfall in der Unternehmerfamilie kommt zu einem Zeitpunkt, da diese selber wegen der Folgen der Asbestproduktion im Fokus der Justiz steht: Anfang Juni wurde Stephan Schmidheiny in Turin wegen vorsätzlicher Verursachung eines Umweltdesasters zu 18 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Schmidheiny wird es voraussichtlich an die nächsthöhere Instanz weiterziehen.

Die Ursache von Schrafls Erkrankung liegt also im Beginn seiner Karriere, einem zweijährigen Stage, das er, knapp 30-jährig, nach dem Studium zum Maschinenbauingenieur angetreten hatte. Schmidheinys waren mit der Holderbank und der später gegründeten Anglo-Alpha, in der Schrafl arbeitete, auch im südafrikanischen Zement- und Eternitmarkt führend. Damals erlebte der vielseitig verwendbare, als «Wunderfaser» gepriesene Asbest einen Boom. Das Material war während Jahrzehnten in grossen Mengen verbaut worden, bis der Baustoff in den 90er-Jahren wegen der Gesundheitsrisiken verboten wurde.

Anton Schrafl, der im Zürcher Kreis 1 geborene Unternehmersohn, kehrte 1962 von Südafrika in die Schweiz zurück. Sein Urgrossvater Jacob Schmidheiny hatte 1866 mit einer Ziegelei im St. Galler Rheintal den Grundstein für das Imperium gelegt. Schrafl setzte seine Karriere im Holderbank-Konzern fort: zuerst als Direktor der technischen Stelle, später als Konzernleitungsmitglied, Delegierter und Vizepräsident des Verwaltungsrats. Die Nummer eins in der Holderbank, der späteren Holcim, wurde er nicht. Dafür stieg er zum Präsidenten im Zementverband auf, in dem er sich ebenfalls gleich nach der Rückkehr aus Südafrika engagierte. Schrafl wurde Aufsichtsratsmitglied, sechs Jahre später als Nachfolger seines Onkels Max Schmidheiny Vorstandsmitglied, wiederum sechs Jahre später Präsident. Schliesslich wurde er zum Ehrenpräsidenten des in Cemsuisse umbenannten und neu strukturierten Verbands.

Ein «extrem Innovativer»

An Neustrukturierungen fand Anton Schrafl grossen Gefallen. Wo sich Möglichkeiten für Veränderungen geboten hätten, habe er sie eingehend geprüft. Er sei nicht nur innovativ im landläufigen Sinn gewesen, erzählen seine Freunde, sondern «extrem innovativ». Davon zeugen seine Ideen, von denen viele realisiert wurden.

Erfolg hatte Schrafl auch auf politischer Ebene. So brachte er die Forderung einer zentralen Stelle für Hochschulbildung in der Bundesverwaltung ein. Zudem vertrat er von 1968 bis 1983 die FDP im Zürcher Kantonsrat. Später gründete er einen Verein zur Förderung der dualen Berufsbildung in Schwellen- und Entwicklungsländern. Darin wirkt unter anderen der ehemalige Zürcher Bildungsdirektor Ernst Buschor mit. Der Verein betreibt in Indonesien eine Ausbildungsstätte für Mechatroniker, Hydrauliker und Elektriker.

Nicht realisiert wurde hingegen ein von Anton Schrafl skizziertes Transportsystem mit einer Hochgeschwindigkeitsbahn. Die Swissmetro hätte die Fahrzeit zwischen Bern und Zürich auf 15 Minuten verkürzen sollen. Auch der Sprung in den Nationalrat misslang ihm in den 70er-Jahren. Dennoch gehörte Anton Schrafl mit seiner Vielzahl an Mandaten zu jener Generation vernetzter Wirtschaftsführer, die auch in der Politik massgeblich Einfluss nahmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2013, 06:51 Uhr

Anton E. Schrafl
Mit 81 ist er an einem Tumor gestorben. Der Cousin von Stephan Schmidheiny war als knapp 30-jähriger Asbest ausgesetzt. (Bild: PD)

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