Elektro-Auto-Revolution: «11'000 Gigawattstunden»

Würde die Schweiz per sofort nur noch Elektroauto fahren – um wie viel würde der Stromverbrauch steigen? Experte Marcel Gauch rechnet vor.

«Zusatzaufwand bei der Produktion»: Tesla-Tankstelle in San Diego.

«Zusatzaufwand bei der Produktion»: Tesla-Tankstelle in San Diego. Bild: Mike Blake/Reuters

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Das Vereinigte Königreich will den Verkauf von Diesel- und Benzinautos ab 2040 verbieten. Das wird nun auch von Schweizer Politikern gefordert. Ist das überhaupt machbar?
Bei einer klaren politischen Haltung und den zur Verfügung stehenden zwei Jahrzehnten wäre die Umstellung wohl machbar. Sicher wären Anpassungen an der Strominfrastruktur und die konsequente Umsetzung der Energiestrategie 2050 erforderlich.

Und wäre ein solches Verbot aus ökologischer Sicht sinnvoll?
Ja, insbesondere bei der wichtigen begleitenden Umstellung des Energiesektors auf erneuerbare Energiequellen. So schnell wie möglich muss fossile Energie als Energieträger verschwinden. Nebst dem Benzin- und Dieselverbot könnte auch dies ein politischer Entscheid sein, indem beim Stromhandel beispielsweise nur noch nachweislich Strom aus erneuerbaren Quellen erlaubt wird. Ansonsten ist die CO2-Reduktion zumeist unklar.

Es gibt aber Studien, die behaupten, Elektroautos seien wegen der aufwendigen Produktion gar nicht besser für die Umwelt.
Das stimmt, gilt aber nur für die reine Produktion der Elektroautos. Sie verursacht durch die Batterie mehr Aufwand als bei einem vergleichbaren Auto mit Verbrennungsmotor. Dieser Zusatzaufwand bei der Produktion wird jedoch durch die geringeren Betriebsemissionen wiedergutgemacht. Über die gesamte Lebensdauer betrachtet, liegen Elektroautos vorne, ausser sie würden mit fossilem Strom betrieben.

Bildstrecke – Der neue Tesla Model 3

Durch die Umstellung wird der Verbrauch an Elektrizität aber stark steigen. Um wie viel würde er zunehmen, wenn alle Autos hierzulande strombetrieben wären?
Beim heutigen Bestand von etwa 4,5 Millionen Personenwagen werden jährlich 55 Milliarden Kilometer zurückgelegt. Dafür werden etwa 3 Millionen Tonnen an Benzin und Diesel benötigt. Könnte man auf einen Schlag alle Autos auf Elektroantrieb umstellen, würde dies bei einem durchschnittlichen Stromverbrauch von 20 Kilowattstunden pro 100 Kilometer einer jährlichen Energiemenge von 11'000 Gigawattstunden entsprechen. Das sind knapp 20 Prozent des heutigen Landesverbrauchs.

Was heisst das konkret? Wie viele neue AKW, Gaskraftwerke oder Staudämme müsste man dafür errichten?
Das kann nicht einfach abgeschätzt werden, da nicht nur der Energieverbrauch, sondern auch der Leistungsbedarf eine Rolle spielt – zum Beispiel, wie viele Elektroautos gleichzeitig geladen werden. Unabhängig von der Umstellung auf Elektroautos bedeutet die Energiestrategie 2050 die Abkehr von nuklearen und fossilen Energieträgern, welche durch erneuerbare Energieträger und Einsparungen ersetzt werden müssen. Gemäss Energiestrategie wird die Bereitstellung dieser Energiemenge eine Kombination sein aus verschiedenen erneuerbaren Energiequellen sowie Massnahmen zur Steigerung der Effizienz. Die grossen Herausforderungen liegen nicht unbedingt bei der Produktion von Energie.

Sondern?
Bei der zeitgerechten Bereitstellung, welche Energiespeicherkonzepte bedingt. Hier spielt die Wasserkraft eine wichtige Rolle, leider mit limitiertem Ausbaupotenzial. Im Bereich Speicherung wird an interessanten Möglichkeiten geforscht, temporär anfallende Energie aus Fotovoltaik oder Wind in Wasserstoff oder Methan umzuwandeln und damit zeitversetzt energetisch nutzbar zu machen. Kurzfristig können die Elektroautos selbst auch eine Speicher- und Netzausgleichsfunktion übernehmen. Das Thema neuer AKW ist mittlerweile erledigt. Moderne Gaskraftwerke können in einer Übergangsphase durchaus in die Überlegungen einbezogen werden.

Marcel Gauch ist studierter Diplomingenieur HTL und heute als Nachhaltigkeitsdelegierter für die Empa (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) tätig.

Video – Tesla liefert die ersten Exemplare des Model 3 aus

Der US-Elektroautobauer Tesla hat die ersten 30 Exemplare seines Mittelklassefahrzeugs Model 3 ausgeliefert. (Video: Tamedia/AFP) (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.08.2017, 10:23 Uhr

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