Die neue Kultur bei den Banken lässt auf sich warten

Eine US-Studie zum ethischen Verhalten von Bankern liefert ernüchternde Ergebnisse.

«Nulltoleranz gegenüber Fehlverhalten»: UBS-Chef Sergio Ermotti.

«Nulltoleranz gegenüber Fehlverhalten»: UBS-Chef Sergio Ermotti.

(Bild: Keystone)

Rita Flubacher@tagesanzeiger

Dass die Studie am Dienstag veröffentlicht worden ist, muss als eine glückliche Fügung bezeichnet werden. Denn ihr Inhalt relativiert, was nur einen Tag später von Banken wie der UBS beteuert wurde: «Unser Vorgehen unterstreicht unsere Nulltoleranz gegenüber Fehlverhalten und unser Bestreben, die richtige Kultur in unserer Branche zu fördern.» So wurden am Mittwoch Verwaltungsratspräsident Axel Weber und sein Konzernchef Sergio Ermotti zitiert, nachdem die Bank die Busse in den USA wegen Devisenmanipulationen und die Bestrafung bei Tricksereien mit dem Libor-Zinssatz bekannt geben musste. Ähnlich tönte es auch aus den anderen Banken in Europa und den USA, die in jüngster Vergangenheit mit teilweise rekordhohen Strafen belegt worden sind.

Und nun also diese Studie. Einige Erkenntnisse daraus: 47 Prozent von 1200 befragten Bankern gehen davon aus, dass sich ihre Konkurrenten durch unethisches Verhalten oder illegale Aktivitäten einen Wettbewerbsvorsprung verschafft haben.

Das Misstrauen wächst

Und was läuft in ihrem eigenen Unternehmen ab? Fast ein Viertel (23 Prozent) hält es für wahrscheinlich, dass Kollegen sich mit illegalen Aktivitäten einen Vorteil verschafft haben. Das Misstrauen scheint gerechtfertigt. Bei den Befragten mit einem Jahressalär von über einer halben Million Dollar geben 34 Prozent an, dass sie Fehlverhalten am Arbeitsplatz beobachtet oder aus erster Hand davon erfahren haben.

«Die Einstellung zur Korruption in der Branche hat sich nicht gebessert», halten Ann Tenbrunsel von der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana und Jordan Thomas von der New Yorker Anwaltskanzlei Labaton Sucharow im Vorwort fest. Die Universität hatte im Auftrag der Kanzlei 1200 Händler, Portfoliomanager, Investmentbanker und Hedgefondsmanager in den USA und Grossbritannien befragt. Labaton Sucharow hat sich auf Whistle­blower-Fälle in der Finanzbranche spezialisiert. 2012 hatte sie erstmals eine solche Studie in Auftrag gegeben.

Ein Vergleich mit diesen Daten zeigt, dass sich das Misstrauen gegenüber den Kollegen im eigenen Haus vergrössert hat – von 12 auf 23 Prozent, aber auch gegenüber der Konkurrenz (von 39 auf 47 Prozent).

Aus den Umfrageergebnissen lassen sich drei weitere, nicht eben beruhigende Erkenntnisse gewinnen.

Erstens: Zum Regeln missachten neigen offenbar besonders jene Banker, die weniger als zehn Jahre Berufserfahrung haben. In dieser Kategorie gaben 32 Prozent an, dass sie illegale Informationen nutzen würden, wenn dabei ein Gewinn von 10 Millionen Dollar herausschaut und die Gefahr, dass sie dabei wegen Insiderhandels erwischt würden, gleich null sei. Über alle Altersstufen hinweg liegt der Anteil bei 25 Prozent.

Zweitens: Die Umfrage bestätigt die Erkenntnis, dass das Bonussystem Fehlanreize setzt. 32 Prozent glauben, dass die Entschädigungs- und Bonusstrukturen in ihrem Unternehmen Angestellte dazu provozieren, ethische Standards und regulatorische Vorschriften zu verletzen. Jeder fünfte Befragte glaubt, dass gelegentliches Fehlverhalten nötig ist, um erfolgreich zu sein.

Und die Interessen des Kunden, um den sich schliesslich ja alles dreht? Die stehen in der Finanzindustrie nicht an erster Stelle, erklärten 27 Prozent der Befragten. Bei den Gutverdienern sind es 38 Prozent, die diese Ansicht vertreten.

Drittens: Mit der Nulltoleranz, wie die Branchengrössen unisono propagieren, müsste eine Kultur der Offenheit einhergehen. Wer ein Fehlverhalten entdeckt, soll es ohne Angst vor Konsequenzen melden können. Doch jeder Zehnte erklärte in der Umfrage, dass er eine Vertraulichkeitserklärung unterzeichnen hat oder dazu aufgefordert worden ist. Sie verbietet es ihm, Verdachtsmeldungen an die Behörden zu machen. Bei den höheren Einkommen sind es 25 Prozent. 19 Prozent gehen davon aus, dass ihnen die Meldung eines Verdachts zum Nachteil gereichen.

Auch fehlt es an einigen Orten an Vertrauen in die Vorgesetzten. Je nach Einkommenskategorie sind 15 bis 25 Prozent davon überzeugt, dass Vorgesetzte wegschauen, wenn ihnen ein Fehlverhalten gemeldet wird. 17 Prozent bezweifeln, dass die Unternehmensspitze Verstösse den Behörden weitermelden. In Teilen der Finanzindustrie herrsche eine «Kultur der Omertà», also des Schweigens und der Komplizenschaft, resümieren die Verfasser der Studien.

Auf Anfrage erklärte die UBS, von der Studie keine Kenntnis zu haben. Sie verweist auf den weltweit gültigen Verhaltens- und Ehtikkodex. Von allen Mitarbeitern werde erwartet, dass sie Verstösse und Fehlverhalten umgehend ihren Vorgesetzten oder dem Compliance Officer melden. Vergeltungsmassnahmen gegenüber solchen Mitarbeitern würden nicht zugelassen.

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