Die «Risikoflüge» kommen aus Asien

Im Dunstkreis der Basler Uhrenmesse werden immer wieder Uhren verkauft, die den etablierten Marken sehr ähnlich sehen. Kontrollen am Flughafen und ein Messe-Gericht sollen diese Geschäfte eindämmen.

Paketpost ist ein beliebter Kanal für den Handel mit gefälschten Uhren (vom Zoll im September 2013 beschlagnahmte Ware).

Paketpost ist ein beliebter Kanal für den Handel mit gefälschten Uhren (vom Zoll im September 2013 beschlagnahmte Ware). Bild: zvg

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Es ist einer der modernsten Gerichtssäle im Land: Fenster bis zum Boden, beste Sicht auf den Messeplatz. Hier, im Basler Messeturm, tagen jeden Tag um 17 Uhr die sieben Richter der Baselworld, der grössten Uhrenmesse der Welt. Sie entscheiden bei Streitigkeiten zwischen zwei Uhrenherstellern.

Wenn ein Hersteller unterliegt, darf er die betreffenden Uhren nicht mehr an der Messe zeigen, auch nicht auf Prospekten. Das kann eine schmerzliche Umsatzeinbusse bedeuten. Zwar finden an der Messe keine Uhrenverkäufe statt. Doch viele Hersteller unterzeichnen während der acht Ausstellungstage Lieferverträge im Umfang ihres halben Jahresumsatzes. Und dort, wo es um Geld geht, sind auch die Trittbrettfahrer nicht weit. Das sind in diesem Fall Hersteller von Uhren mit kopierten Designs, falschen Herkunftsbezeichnungen oder gar geklautem Namen.

Gemeinsam mit dem Schweizer Zoll versucht der Verband der Uhrenindustrie diese Produkte abzufangen, bevor sie überhaupt nach Basel gelangen. Dafür verstärkt der Zoll an den beiden Tagen vor Messebeginn seine Kontrollen an den Flughäfen Basel und Zürich. Jeweils zusammen mit einem Fälschungs-Experten des Uhrenverbands aus Biel legen die Zöllner sogenannte «Risikoflüge» fest – vornehmlich solche aus Asien, etwa aus Peking, Hongkong oder Bangkok. Wenn die Passagiere mit ihrem Gepäck durch den grünen «Nichts-zu-verzollen»-Ausgang gehen, werden sie stichprobenweise kontrolliert.

Uhr und Zifferblatt reisen getrennt

Zöllner und Fälschungsexperten müssen rasch entscheiden: Imitat oder nicht? Dass jemand im Umfeld der Baselworld jemals gefälschte Rolex importiert habe, sei ihm nicht bekannt, sagt Michel Arnoux, Leiter der Anti-Fälschungs-Abteilung beim Uhrenverband. Des Öfteren komme es aber vor, dass asiatische Uhren falsche Angaben tragen, etwa «Swiss made» oder «Genève». Ist dies der Fall, zieht der Zoll die Ware vorübergehend ein. Nach Ende der Messe dürfen die Besitzer die Uhren wieder mit nach Hause nehmen.

Doch nicht alle Uhrenhersteller transportieren ihre Ware selbst nach Basel. Viele der Zeitmesser kommen mit Kurierdiensten wie Fedex oder UPS ins Land. Weil Geschäftsreisende meist im Hotel nächtigen, nimmt der Zoll alle Pakete mit einer Hoteladresse genau unter die Lupe. Letztes Jahr stellte die Zöllner 230 Uhren sicher, die auf diesen Weg in ein Basler Hotel gelangen sollten.Zum Leidwesen des Uhrenverbands sind nicht alle Fälle so klar. So entdeckte der Zoll zwei Pakete, die den gleichen Empfänger hatten. Im ersten Paket befanden sich Uhren, die offensichtlich in China hergestellt wurden. Ihnen fehlten aber die Zifferblätter. Im zweiten Paket lagen Dutzende Zifferblätter – mit dem Aufdruck «Swiss made». «Es bestand der dringende Verdacht, dass die Zifferblätter später auf die Uhren gesetzt würden», sagt Fälschungsspezialist Michel Arnoux. «Wir konnten jedoch nichts tun. Denn der Inhalt der beiden Pakete war einzeln gesehen legal.»

Geschäfte im Hotelzimmer

Ob diese Uhren schliesslich an der Baselworld gelandet sind, ist unbekannt. Zwar zeigen an der Uhren- und Schmuckmesse 1500 Aussteller ihre Stücke, darunter auch mehrere Hundert aus Asien. Und nicht alle Geschäfte werden in den teuren Messeständen abgeschlossen: «Wir wissen, dass einige Firmen ihre Uhren in Hotelzimmern verkaufen», sagt Arnoux.

Das Hongkonger Büro des Schweizer Uhrenverbands schickt dem Zoll jeweils eine schwarze Liste mit chinesischen Uhrenherstellern, die für Imitationen bekannt sind. Doch wenn deren Produkte durch die Zollkontrollen schlüpfen, kann der Verkauf ausserhalb der Messe kaum mehr verhindert werden.

Wer in den Hallen der Baselworld öffentlich seine Produkte zeigt, steht aber unter Beobachtung. Denn Marken- und Patentanwälte patrouillieren richtiggehend durch die Messe. Die Juristen nehmen im Auftrag von Schweizer Uhrenmarken die Modelle der Konkurrenz ins Visier: Hat ein Modell die gleichen Formen und Muster? Ist die Farbkombination genau die gleiche? Ist der Name nahe am Original? Wurde eine patentierte technische Funktion kopiert?

Urteil innert 24 Stunden

Werden die Uhren-Juristen fündig, landet ihre Beschwerde im besagten modernen Gerichtssaal im Messeturm. Das Gericht, das dort tagt, ist kein staatliches, sondern ein Schiedsgericht. Mit ihrer Anmeldung für die Uhrenmesse haben die Aussteller deren Spielregeln akzeptiert. Diese besagen: Eine Klage gegen einen anderen Aussteller kostet 2200 Franken, im Erfolgsfall nur die Hälfte. Unterliegt der Beklagte, muss er umgehend die betroffenen Modelle und Unterlagen vom Stand entfernen. Seine Busse beträgt 4000 Franken. Das Schiedsgericht, genannt Panel, entscheidet innert 24 Stunden, inklusive schriftlichen Urteils.

Das Panel ist zusammengesetzt aus Verbandsvertretern, Juristen, Uhren- und Schmuckexperten und Patentspezialisten. Es tagt heuer bereits zum 30. Mal – und es hat gemäss den Fallzahlen eine abschreckende Wirkung entfaltet: Während in den 80er- und 90er-Jahren während der Messewoche manchmal 50 Beschwerden eingingen, waren es letztes Jahr noch deren 15. Zehn davon hiess das Gremium gut, die Uhren des Konkurrenten mussten entfernt werden. Vier Beschwerden wurden abgelehnt, eine endete mit einem Vergleich.

Auch dieses Jahr bleibt es im Sitzungszimmer vergleichsweise ruhig, rund ein Dutzend Aussteller haben bisher einen Konkurrenten der Nachahmung bezichtigt. «Die Baselworld ist sauber», sagt Paul Rüst, der das Schiedsgericht seit der Gründung präsidiert. (Der Bund)

Erstellt: 01.04.2014, 14:01 Uhr

Legal oder illegal?

Fälschungen im Feriengepäck

Wer sich innerhalb der Schweiz mit einer gefälschten Omega oder Louis-Vuitton-Tasche zeigt, hat juristisch nichts zu befürchten. Bei der Ein- oder Ausreise ist dies seit 2008 anders: Wenn eine Firma ihre Marke beim Zoll angemeldet hat, müssen die Zöllner Fälschungen dieser Marke an der Grenze einziehen. Wer am Zoll mit Fälschungen im Feriengepäck erwischt wird, hat aber keine Busse zu befürchten – anders ist es in Frankreich und Italien. Doch auch hierzulande werden die eingezogenen Fälschungen vernichtet. Dagegen kann man Einspruch erheben, etwa wenn man davon überzeugt ist, die Ware sei echt. Dann muss sich ein Gericht um den Fall kümmern. Wenn das Produkt tatsächlich eine Fälschung ist, trägt der Einsprecher die Gerichtskosten.

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