Die Profiteure der Dürre

Hintergrund

Die hohen Mais- und Weizenpreise wecken Befürchtungen vor neuen Hungerkrisen in armen Ländern. Doch die Hersteller von Saatgut und Landmaschinen freuen sich auf höhere Umsätze.

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Anita Merkt@tagesanzeiger

Der Generalsekretär der Welternährungsorganisation FAO, José Graziano da Silva, bezeichnet die rasant steigenden Preise für Mais und Weizen als «heikel». Da Silva forderte die USA auf, keinen Mais mehr zu Biosprit zu verarbeiten, um eine neue Nahrungsmittelkrise zu verhindern. Auch der Chef der Weltbank, Jim Yong Kim, warnte vor steigenden Lebensmittelpreisen und deren dramatischen Folgen für die Ärmsten.

Doch für die Hersteller von Saatgut oder Landmaschinen haben Dürren und steigende Getreidepreise auch ihr Gutes. Der Chef von Syngenta, Mike Mack, sieht in der aktuellen Krise grosse Chancen für seine Branche: «Aufgrund der stark gestiegenen Preise für ihre Ernten im Jahr 2007 haben viele Farmer eine Menge Geld in Saatgut und neue Anbautechnologien investiert», sagte Mack im Interview mit der «Times».

Saatguthersteller profitieren

ZKB-Chemieanalyst Martin Schreiber geht davon aus, dass die Hersteller von Düngemitteln und Saatgut von den wachsenden Preisen für Weizen, Mais und Soja profitieren werden. «Wenn die Getreidepreise hoch sind, investieren Landwirte mehr Geld in Dünger, Saatgut und Landmaschinen», so Schreiber. Die grossen Player wie Bayer, Dupont und Syngenta könnten davon nur profitieren. Bayer-Chef Marijn Dekkers hat Anfang August seine Wachstumserwartungen für die Pflanzenschutz- und Saatgut-Tochter Bayer Crop Science verdoppelt.

Vor allem in Südamerika sehen Grossgrundbesitzer zurzeit optimale Chancen, ihre Erträge zu erhöhen und rüsten ihre Maschinenparks auf. Traktor- und Ackergerätekonzerne wie Agco Corp oder Deere & Company rechnen in diesem Jahr mit Rekorderlösen und -gewinnen. Syngenta kündigte im Juli den Bau einer neuen Saatgutfabrik für Mais- und Sonnenblumensamen in Argentinien an.

Syngenta mit neuer Maissorte

Angesichts zunehmender Dürren und Wasserknappheit rund um den Globus setzen Agrochemiekonzerne wie Syngenta zunehmend auf neue Pflanzensorten, die mit weniger Wasser auskommen. Vor zwei Jahren brachte Syngenta als erster Hersteller eine «stressresistente» Maissorte auf den Markt. Agrisure Artesian soll Ernteeinbussen durch Dürrephasen um 15 Prozent verringern.

Ausserdem hat Syngenta zusammen mit Dow Chemical ein Spritzmittel entwickelt, das bei Pflanzen zu weniger Feuchtigkeitsverlust führen soll. Das «Invinsa» getaufte Mittel soll jährlich 500 Millionen Dollar Umsatz einbringen und in zwei Jahren auf den Markt kommen.

Nach der Rekorddürre in diesem Sommer wird so mancher Farmer in den USA bereit sein, mit neuen Pflanzen oder Spritzmitteln zu experimentieren. Die meisten Farmer dürften angesichts der massiv angestiegenen Preise sogar das Geld haben, um zusätzliche Investitionen zu schultern. Das Gros der US-Farmer ist durch Ernteausfallversicherungen gesichert. Ausserdem sind die erwarteten Ernteverluste im Vergleich zum Preisanstieg der letzten Monate gering. Die USA gehen davon aus, dass 17 Prozent der Maisernte verloren sind, die Preise für Mais sind in den vergangenen Monaten jedoch um 50 Prozent gestiegen.

Deutsche Bauern profitieren

Auch deutsche Bauern können heuer mit sehr guten Preisen für ihre Ernte rechnen. Der Weizenpreis an der Terminbörse in Chicago und der wichtigsten europäischen Getreidebörse Matif in Paris liegt derzeit bei 260 Euro pro Tonne. Im Juli letzten Jahres bekamen die Bauern für die Tonne lediglich 190 Euro. Für Schweizer Bauern sind die höheren Weltmarktpreise zurzeit noch nicht interessant. Der mit den Schweizer Mühlen vereinbarte Richtpreis für Weizen liegt bei 500 Franken pro Tonne und damit deutlich höher als die 260 Euro, die die Bauern der EU dieses Jahr erzielen. Beim Maispreis rechnet der Schweizer Bauernverband dieses Jahr mit einem Richtpreis um die 360 Franken pro Tonne. Das entspricht rund 300 Euro und ist noch immer deutlich mehr als die 260 Euro an der Pariser Terminbörse.

DerBund.ch/Newsnet

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