Der lautlose Abgang eines Mächtigen

Walter Kielholz zog jahrelang die Fäden bei der Credit Suisse. Deren Papiere verloren in seiner Ära viel an Wert.

Als «wohl bedeutendste Persönlichkeit der Schweizer Finanzindustrie»: So beschreibt sich Walter Kielholz selbst.

Als «wohl bedeutendste Persönlichkeit der Schweizer Finanzindustrie»: So beschreibt sich Walter Kielholz selbst. Bild: Keystone

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Walter Kielholz hat gerade noch die Kurve gekriegt. Am 9. Mai wurde er offiziell als Verwaltungsrat der Credit Suisse verabschiedet. Zehn Tage später musste «seine» Bank in den USA ein Schuldgeständnis als kriminelle Organisation ablegen. Von «seiner» Bank kann man durchaus reden: 15 Jahre lang sass er im Verwaltungsrat, davon 6 Jahre als Präsident.

Nun ist er weg. Befürchtungen, dass etwas an ihm kleben bleiben könnte, braucht er nicht zu haben: Sowohl die amerikanischen Behörden als auch die Finanzmarktaufsicht in Bern orteten kein Fehlverhalten an der Spitze der Bank. Das empört zwar weite Kreise. Ob auch Walter Kielholz gleich denkt wie Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der CS, der nach dem Schuldspruch erklärte, er habe «eine weisse Weste»? Auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet liess Kielholz ausrichten, er stehe für ein Gespräch nicht zur Verfügung.

«Vernetzt wie kein Zweiter»

Kielholz ist und war in der öffentlichen Wahrnehmung kein gewöhnlicher Verwaltungsrat. «Strippenzieher», «Machiavelli», «Urgestein» «vernetzt wie kein Zweiter», «einflussreichste Persönlichkeit des Landes an der Schnittstelle von Wirtschaft und Politik»: Mit diesen Attributen versuchten die Medien dem Phänomen Kielholz auf die Spur zu kommen, dem starken Mann bei der Credit Suisse und beim Rückversicherungskonzern Swiss Re, wo er seit 1998 im Verwaltungsrat sitzt und seit 2009 das Präsidium innehält. Und das entspricht zweifellos auch seiner eigenen Wahrnehmung: Als «die wohl bedeutendste Persönlichkeit der Schweizer Finanzindustrie» lässt er sich in seiner 2012 erschienenen Autobiografie feiern.

Für die Bürgerlichen ist er einer der letzten gewichtigen Repräsentanten des Zürcher Wirtschaftsfreisinns, wie ihn Männer nach Art von Ulrich Bremi einst verkörperten. Andere, denen der wachsende Ausländeranteil in den Verwaltungsräten Unbehagen bereitet, sind froh, dass es an der Spitze von wenigstens zwei Schweizer Grossunternehmen einen wie Kielholz gab. Wer eine Aversion gegen die SVP hat, war mit ihm ebenfalls bestens bedient: Der bekennende EU-Beitrittsbefürworter Kielholz machte aus seiner Abneigung gegen die Partei und ihren Lenker Christoph Blocher nie einen Hehl: «Rechtsbürgerliche Kampfpartei» nannte er die SVP einst in der «Bilanz».

Über 10 Millionen Honorar

Die Credit Suisse verpflichtete er auf das Modell einer integrierten Bank mit einer starken Verankerung im Investmentbanking. 2003 führte er – inspiriert von den Usanzen an der Wallstreet – ein neuartiges und hochkomplexes Bonussystem ein, dessen Feinheiten und Folgen wohl nur noch wenige Vergütungsspezialisten erkennen konnten. Die spektakulärste Folge davon war, dass CEO Brady Dougan für 2009 die Rekordsumme von fast 90 Millionen Franken Gehalt zustand. Selbst Kielholz musste eingestehen, dass da wohl etwas falsch gelaufen sei.

Der Geldsegen ergoss sich auch auf die Verwaltungsräte. Walter Kielholz erzielte je nach Geschäftsgang aus seinen beiden Verwaltungsratsmandaten Honorarbezüge von weit über 10 Millionen Franken pro Jahr. Damit gehört er zu den bestbezahlten Verwaltungsräten im Land.

Dougan an die Spitze gesetzt

Als eine seiner Stärken wird die von langer Hand geplante Besetzung von Schlüsselpositionen gepriesen. Zwei Fälle stechen hervor: Urs Rohner und Brady Dougan. Den Wirtschaftsanwalt Rohner holte er 2004 zur Bank. 2009 wurde er in den Verwaltungsrat gewählt, zwei Jahre später war er Präsident. Brady Dougan, Chef des Investmentbankings, schaffte dank Kielholz 2007 den Sprung an die Spitze der CS-Gruppe.

Die einfachste und marktwirtschaftlich unumstrittenste Form, den Mehrwert zu erfassen, den ein Mann vom Gewicht eines Kielholz seinen Firmen brachte, ist der Aktienkurs. Seit seinem Eintritt in den Verwaltungsrat der Credit Suisse 1999 hat die Aktie bis heute knapp 44 Prozent verloren. Sicher, für die Investoren gab es zwischendurch auch eine Phase, in der üppige Gewinne anfielen. Wer 2003, im Jahr also, als Kielholz Präsident der Bank wurde, CS-Aktien kaufte und die Papiere im Mai 2007 abstiess, machte einen Reibach von 122 Prozent. Danach ging es mit der Aktie, abgesehen von einem kleinen Zwischenhoch 2009, nur noch bergab.

Und jetzt trägt die Bank das Stigma einer kriminellen Organisation, was der Tiefpunkt jeder Verwaltungsratskarriere sein muss. Was unternahm Kielholz, als Anfang 2008 die Steuermachenschaften der UBS in den USA publik wurden? Ordnete der Präsident eine umfassende Überprüfung im eigenen Haus an und machte das brandheisse Thema zur Chefsache? Man wird es nicht genau erfahren. Die Hinweise aus den Untersuchungsberichten der USA und aus Bern lassen jedoch starke Zweifel an den verwaltungsrät­lichen Anstrengungen aufkommen.

Rücktrittsforderung bei Swiss Re

Im Fall von Kielholz kommt dazu, dass er damals noch an einer anderen Front aufs Äusserste gefordert war: Bei der Swiss Re bahnte sich ein finanzielles Debakel an. Der von Kielholz protegierte französische Investmentbanker Jacques Aigrain, der seit 2007 den Rückversicherungskonzern leitete, erweiterte das klassische Versicherungsgeschäft um bankennahe Geschäftsfelder und fuhr damit milliardenschwere Verluste ein. Unter dem Druck erboster Grossinvestoren musste VR-Vizepräsident Kielholz seinen CEO im Februar 2009 opfern. Von Investoren wurde auch der Kopf von Kielholz als treibende Kraft hinter der Strategie gefordert. Es war einer der wenigen Augenblicke in seiner Karriere, in denen ihm der Wind ins Gesicht blies.

Bank oder Versicherung? In dieser heiklen Situation entschied sich Kielholz, an der CS-Generalversammlung 2009 das Präsidium abzugeben, behielt jedoch seinen Sitz im Verwaltungsrat. Dafür übernahm er kurze Zeit später das Präsidium beim Rückversicherer. Seine Bilanz dort: Das Papier der Swiss Re büsste von 1998 – Kielholz war damals seit einem Jahr CEO des Rückversicherers – bis heute 38 Prozent ein. Einer der grössten Wertvernichter war Kielholz’ Finanzbusiness-Strategie.

Während die Rücktrittsforderungen an Rohner und Dougan im In- und Ausland immer lauter werden, wird das in Öl gemalte Porträt von Walter Kielholz schon bald einmal im Direktionszimmer der CS in die Galerie der verflossenen Präsidenten aufgenommen werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2014, 09:48 Uhr

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