Der VR-Präsident packt an der Talstation an

Es schneit und schneit – doch Tschiertschen leidet immer noch. Wie das kleine Skigebiet im Bündnerland sich retten will.

«An unserer Bahn hängen viele Arbeitsplätze»: Skilift in Tschiertschen GR.

«An unserer Bahn hängen viele Arbeitsplätze»: Skilift in Tschiertschen GR. Bild: Bergbahnen Tschiertschen

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Von 10 Uhr morgens bis 15 Uhr nachmittags stand Martin Weilenmann heute in Tschiertschen neben dem Sessellift, nahm Gäste in Empfang, half ihnen beim Ein- und Aussteigen. Das war eine Ausnahme. Normalerweise kümmert sich der Verwaltungsratspräsident der Bergbahnen Tschiertschen eher um Finanzen, nicht um den Betrieb. Weil der grosse Schnee bis jetzt aber ausgeblieben ist, sind noch nicht alle Posten im Skigebiet ob Chur besetzt. Darum legen die Verwaltungsratsmitglieder selber Hand an: Jeder von ihnen leistet über die Feiertage zwei bis drei Einsätze, um den Betrieb zu gewährleisten.

Dabei sind die Pisten auf 1340 bis 2400 m ü. M. gar nicht geöffnet, sondern erst die Fusswege. 20 Zentimeter Schnee braucht es noch, damit auch die Skifahrer auf den Berg dürfen. Weilenmann hofft, dass die nächsten Tage und Nächte den fehlenden Schnee bringen werden. Der holprige Saisonstart wird aber trotzdem Konsequenzen haben: «Mindestens 20 Prozent des Saisonumsatzes haben wir dadurch verloren.» Verbessert sich die Lage nicht bis Mitte Januar, könnte dieser Verlust auf 30 Prozent ansteigen.

Springen die Aktionäre selber ein?

Das sind keine guten Aussichten. Darum haben die Aktionäre der Bergbahnen Tschiertschen kürzlich Post bekommen. In einer E-Mail schildert der Verwaltungsrat die schwierige Situation und stellt die Aktionäre vor die Wahl zwischen zwei Szenarien. Nummer 1: Eine der vier Skiliftanlagen bleibt den ganzen Winter geschlossen. So spart das Skigebiet laut Weilenmann etwa 200'000 Franken und stellt die Liquidität bis Ende Saison sicher. Nummer 2: Alle Anlagen werden geöffnet, wegen der laufenden Betriebskosten und des verlorenen Saisonanfangs resultiert in der Bilanz aber ein Minus. Diesen Verlust sollen die Aktionäre mit Geld aus der eigenen Tasche kompensieren. Laut Weilenmann wird jeder Aktionär bis zu 300 Franken einschiessen müssen, damit genügend flüssige Mittel für den weiteren Betrieb vorhanden sind.

Seit Sonntag haben an der Umfrage laut Weilenmann bereits mehr als 100 Personen teilgenommen, angeschrieben wurden etwa 650. Die Tendenz zeige Richtung Szenario 2, also alle Lifte öffnen und Geld sammeln. Weilenmann würde diese Option ohnehin bevorzugen: «Bei Szenario 1 müssten wir just den attraktivsten aller Skilifte zumachen, er führt auf die anspruchsvollste Piste. Die anderen drei können wir gar nicht schliessen, weil sie auch als Verbindungslifte nach Arosa und Lenzerheide dienen.»

«Die Kantone müssen in die Kleinen investieren»

Die Aktionäre der Bergbahnen Tschiertschen haben für ihr Skigebiet schon öfters die Kohlen aus dem Feuer geholt. Bereits im schneearmen Winter 2006/2007 schossen sie eigenes Kapital ein, um den Weiterbetrieb der Skilifte zu sichern. Vor zwei Jahren hiessen sie eine Herabsetzung des Aktienkapitals um die Hälfte auf 2,1 Millionen Franken gut, um die Bahnen zu sanieren. Ein halbes Jahr zuvor hatten die Gemeinde Tschiertschen-Praden, der Kanton Graubünden und die Graubündner Kantonalbank auf Forderungen in der Höhe von 3,75 Millionen Franken verzichtet, um das Unternehmen von seinen Schulden zu befreien.

Laut Weilenmann ist dies der einzige Weg, wie kleinere Skigebiete in Zukunft überleben können. «Vor allem die Kantone müssen ihre Verantwortung wahrnehmen: Wollen sie verhindern, dass in einigen Jahren nur noch in grossen Skigebieten gefahren wird, müssen sie in die kleinen investieren.» Das lohne sich aus volkswirtschaftlicher Sicht, auch wenn Gebiete wie Tschiertschen nie grosse Gewinne einfahren werden. «An unserer Bahn hängen viele Arbeitsplätze, und sie kurbelt den Tourismus an.»

Ein «Alpen-Spa» soll das Skigebiet retten

Geht es nach Weilenmann, sollen die Bergbahnen sich aber auf lange Sicht selber finanzieren. «Vor zehn Jahren klaffte in der Kasse ein Loch von 300'000 Franken. Heute betragen unsere Reserven 400'000 Franken – das reicht knapp, um einen schwierigen Winter wie den diesjährigen zu überstehen. In Zukunft soll unser Polster noch grösser sein, damit die Aktionäre nicht mehr einspringen müssen.»

Grosse Hoffnungen setzt Weilenmann in die drei Hotelprojekte, die in Tschiertschen geplant sind. Das aufsehenerregendste ist das Alpina Mountain Resort: Für zehn Millionen Franken soll das historische Hotel Alpina in ein «Alpen-Spa» verwandelt werden. Hinter dem Projekt steht der malaysische Investor Teo A. Khing. Er ersteigerte das konkursite Hotel im April 2013 – weil er den Bieterkampf gegen die Bergbahnen Tschiertschen gewann. Auch Bund und Kanton stehen offenbar hinter dem Projekt: Sie unterstützen Khings Projekt mit rund einer Million Franken. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.12.2014, 19:02 Uhr

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