Der Untergang der Schweizer Fluggesellschaften

Mit Skywork ist eine bedeutende Regional-Airline bankrott. Sie reiht sich ein in die Liste der gescheiterten Schweizer Fluglinien.

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Die jüngere Geschichte der Schweizer Luftfahrt ist von Pleiten geprägt. Bis vor 20 Jahren noch als Erfolg geltend, ging seither einiges schief. Noch lange werden sich Schweizer beim Stichwort Grounding an den Stillstand der Swissair am 2. Oktober 2001 erinnern. Der Tag markiert zwar nicht das endgültige Aus der Fluggesellschaft, das kam ein halbes Jahr später, steht aber sinnbildlich für die bis heute wohl grösste Krise der Schweizer Luftfahrt.

Begonnen hatte der Niedergang schon Jahre zuvor – je nach Geschichtsschreibung beispielsweise mit der EWR-Abstimmung 1992. Die Swissair weibelte für ein Ja und betonte, wie schwierig es für sie sonst würde. Genützt hat es nicht: 50,3 Prozent der Stimmenden lehnten den Beitritt zum europäischen Wirtschaftsraum am 6. Dezember 1992 ab.

In der Folge ging es tatsächlich abwärts: Eine Fusion der Swissair mit KLM, SAS und Austrian scheiterte. Die «fliegende Bank», wie die Swissair in den Jahren zuvor genannt wurde, hatte im europäischen Verkehr immer mehr Nachteile und musste handeln, auch weil ein immer härterer Konkurrenzkampf tobte, seit der Markt 1991 liberalisiert worden war. Die Swissair kaufte 1995 die defizitäre belgische Sabena, um wieder unbeschränkten Zugang zum europäischen Markt zu erhalten. Statt Kooperationen zu suchen, verfolgte die Schweizer National-Airline danach einen aggressiven Wachstumskurs, welcher zu hohen Verlusten und nach der Jahrtausendwende zur Dauerkrise führte.

Die grösste Katastrophe der Schweizer Luftfahrt

Am 2. September 1998 kamen beim Absturz einer Swissair MD-11 bei Halifax 229 Menschen ums Leben. (Video: SDA)

Erschwerend hinzu kamen in der Zwischenzeit zwei Tragödien in der Luftfahrt: Am 3. September 1998 starben 229 Menschen beim Absturz einer MD-11 der Swissair vor Halifax. Und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA stürzte die gesamte Luftfahrt-Branche in eine tiefe Krise.

Am 2. Oktober 2001 standen die Flugzeuge der Swissair still. Eigentlich sollte mit den Grossbanken CS und UBS aus der Crossair eine neue Swissair aufgebaut werden, doch die Finanzierung lief nicht wie geplant. Erst am 5. Oktober flog die Swissair dank eines Notkredits des Bundes wieder. Am 1. April 2002 ging der einstige Nationalstolz der Schweiz in Liquidation, 52 Flugzeuge wurden an die neu gegründete Swiss übertragen. Nach 71 Jahren endete damit die Geschichte der Schweizerischen Luftverkehr-Aktiengesellschaft Swissair, die 1931 aus dem Zusammenschluss der Ad Astra Aero und der Balair entstand.

Balair, Belair, Bankrott

Letzterer Name tauchte in der Geschichte der Swissair immer wieder auf. 1925 in Basel gegründet und von Balz Zimmermann etabliert, war sie 1931 der grössere Fusionspartner bei der Entstehung der Swissair. 1953 entstand in Basel eine zweite Balair, welche für die Swissair Dienstleistungen erbrachte und 1972 von dieser übernommen wurde. Die Balair flog unter anderem fürs Rote Kreuz. Später wurde Balair zur Chartergesellschaft und 1993 mit der Genfer CTA fusioniert, allerdings ohne Erfolg. 1995 wurde Balair-CTA von der Swissair aufgegeben.

Bereits 1997 flog die Balair aber wieder, unter anderem mit zwei Boeing 757 exklusiv für den Reiseveranstalter Hotelplan, welcher die Flugzeuge geleast hatte. Nach dem Swissair-Grounding gründete Hotelplan mit ihren beiden Maschinen die Belair Airlines. Eine Boeing 767 kam hinzu.

Am 2. November 2001 erhielt die Belair die Flugerlaubnis vom Bund. Die Ex-Balair-Flugzeuge wurden noch in der Nacht frisch beklebt, so dass am Morgen des 3. November die ersten Flüge stattfanden. (Foto: Keystone / Franco Greco)

Ab 2007 arbeitete Belair mit Air Berlin zusammen, womit Hotelplan auf ein grösseres Flugangebot zugreifen konnte. 2009 übernahmen die Deutschen dann die volle Kontrolle und stellten die Langstreckenflüge der Schweizer Tochter ein.

2017 kündigte die Air Berlin die Auflösung der Schweizer Tochter zuerst per Ende März, dann per Ende Oktober 2017 an. Verschiedene Rettungsversuche scheiterten. Im August mussten die Deutschen selber Insolvenz anmelden und beendete den Flugbetrieb am 27. Oktober 2017, was auch das Ende der Belair bedeutete.

Danach diskutierte Pläne, mithilfe eines Investors wieder eine Balair zu formen, scheiterten schliesslich, wie erst kürzlich bekannt wurde.

Die Lücke, welche die Swissair hinterliess, führte zu weiteren Neugründungen, zumindest nachdem der globale Markt nach der Krise 2001/2002 wieder einen Aufwärtstrend verzeichnete. In Genf entstanden 2003 Baboo und Helvetic, in Lugano Darwin, in Zürich zog Crossair-Gründer Moritz Suter 2004 die Hello auf.

Von Darwin zu Etihad zu Adria

Die Tessiner Airline Darwin lieferte dabei eine dubiose Geschichte mit ausländischen Investoren. In Lugano füllte sie eine Lücke aus, welche die Swissair hinterlassen hatte und die Swiss nicht mehr füllen wollte. 2004 startete Darwin mit der Strecke Genf - Lugano, 2010 übernahm man die Genfer Baboo. So weit, so funktionierend.

Darwin startete 2003 in Lugano, um die Lücke zu füllen, welche Swissair und die Swiss hinterlassen hatten. (Foto: Keystone / Karl Mathis)

Im November 2013 stieg Etihad Airways aus Abu Dhabi bei den Tessinern ein und übernahm offiziell 33,3 Prozent der Aktien. Darwin wurde zu Etihad Regional, und eine massive Expansion war geplant. Etihad war zu dieser Zeit bereits an Air Berlin beteiligt, und die Swiss befürchtete, dass die Araber durch die Tessiner Hintertür eine europäische Konkurrenz aufbauen wollten. Auch der Bund war skeptisch und verlangte Nachweise, dass die Fluggesellschaft nicht aus Abu Dhabi, sondern weiterhin lokal in Lugano gesteuert wurde.

Die Beteiligung der Etihad an Darwin wurde deshalb lange nicht bewilligt. So lange, bis die Gesellschaft ihren Betrieb im Februar 2015 weitgehend einstellte. Nur Zürich-Genf und Lugano-Genf blieben erhalten. 2017 sollte Darwin dann für Adria Airways fliegen, meldete aber im November Nachlassstundung an und verlor die Betriebserlaubnis.

Hello sagte bye

Die 2004 von Moritz Suter gegründete Hello flog als Charter ab Basel und Zürich vor allem Feriendestinationen an, zuerst mit MD-90, dann mit Airbus A320. Mitte Juli 2012 bestand die Flotte aus vier Maschinen. Im Oktober 2012 musste Hello Insolvenz anmelden, weil Geld fehlte, nachdem der frühere Finanzchef dem Verwaltungsrat falsche Zahlen unterjubelte. Eine Rettung scheiterte.

Hello von Crossair-Gründer Moritz Suter flog von 2004 bis 2012.

Noch da: Swiss und Edelweiss

Nach dem Ende der Swissair wurde die Crossair am 13. Mai 2002 in Swiss Air Lines umbenannt. Der Sitz der Swiss ist daher offiziell in Basel, die Mehrheit der Mitarbeitenden ist jedoch am Flughafen Zürich und in der Firmenzentrale in Kloten beschäftigt.

Nach schwierigen Anfangsjahren mit hohen Verlusten wurde die Swiss nach heimlichen Verhandlungen 2005 an den Lufthansa-Konzern verkauft – für 310 Millionen Euro. 2006 trat die Swiss der Star Alliance bei.

Die Swiss übernahm 2008 die Edelweiss Air. Diese war 1995 vom Reiseveranstalter Kuoni als Ferien- und Charter-Airline gegründet worden. Die Edelweiss blieb auch nach der Eingliederung in den Lufthansa-Konzern eigenständig und hat derzeit eine Flotte aus 14 Flugzeugen und beschäftigt rund 670 Mitarbeitende.

Über 6000 Schweizer Angestellte

Die Swiss hat mittlerweile 90 eigene Flugzeuge, befördert jährlich 17 Millionen Passagiere und weist die höchsten Gewinne im Lufthansa-Konzern aus. Für 2017 waren es 561 Millionen Franken, könnte aber, gemäss einem Interview mit CEO Thomas Klühr in der «SonntagsZeitung», allein nicht überleben.

Brandneues Flugzeug

Die Swiss führte 2016 als erste Airline weltweit die kanadischen CS100-Flugzeuge in ihre Flotte ein. Das Risiko des Erstbetreibers hat sich gelohnt, die sparsamen und leisen Maschinen laufen bisher ohne grösseren Probleme. (Video: Lea Koch und Stefan Eiselin)

Wegen des Mutterkonzerns Lufthansa oft als deutsche Gesellschaft verschrien, beschäftigt die Swiss heute über 8800 Mitarbeitende, hauptsächlich in der Region Zürich. 70 Prozent der Angestellten sind gemäss der Swiss Schweizer. Und die Swiss trägt weiterhin das Schweizer Kreuz in die Welt, über 100 Destinationen in 43 Ländern sind derzeit im Angebot. Die Swiss ist heute grösser, als es die Swissair jemals war.

Die grösste Schweizer Airline

Dies auch mithilfe der Helvetic Airways. Diese entstand 2003 in Genf auf Basis der bestehenden Odette Airways. 2006 übernahm Investor Martin Ebner die Fluggesellschaft und rettete sie mit 50 Millionen Franken vor dem Konkurs. Seither wächst die Airline und hat ein funktionierendes Geschäftsmodell aus Linienflügen, Charterflügen und Wet-Lease gefunden. Im Rahmen von Letzterem sind derzeit sieben Maschinen an die Swiss ausgeliehen. Eigene Ziele sind Calvi, Jerez, Köln, Kos, Kreta, Obia, Palma, Rhodos und Rostock.

Die sieben Embraer 190 der Helvetic sind derzeit an die Swiss ausgeliehen, zwölf weitere sind bestellt. (Foto: Keystone / Salvatore Di Nolfi)

Somit ist Helvetic nach dem Skywork-Aus die grösste Fluggesellschaft in Schweizer Händen mit aktuell rund 450 Mitarbeitenden. Und sie will weiter wachsen und sich unabhängiger von der Swiss machen, wie Eigner Martin Ebner kürzlich ausführte. Zwölf neue Embraer E190 wurden bestellt, zwölf weitere, eventuell auch grössere, könnten folgen. Momentan fliegen gerade mal fünf Fokker 100 für Helvetic – sieben Embraer sind an die Swiss ausgeliehen. Ebner will mit der Expansion auch einen Paradigmenwechsel erreichen, hin zu einer eigenständigen Qualitäts-Airline.

Schweizer mit deutschem Namen

Nicht instinktiv mit der Schweiz assoziiert wird die Germania Flug AG. Nach dem Vorbild der deutschen Germania gebaut, befindet sich diese Airline in Schweizer Besitz. Sitz ist in Opfikon, weil die Gründung als Partner des dort ansässigen Reisekonzerns Hotelplan erfolgte. Letzterer wollte sich damit unabhängiger von der Belair / Air Berlin machen. Für kurze Zeit war die Zusammenarbeit erfolgreich, nach wenigen Monaten kam es aber bereits zum Bruch, wobei die einstigen Partner sich vor Gericht wiedersahen.

Deutscher Name, Schweizer Airline: Germania konnte seit der Gründung 2014 leicht ausbauen. (Foto: pd)

Die Germania konnte sich nach der Trennung aber auf eigenen Füssen behaupten und die Flotte sogar leicht ausbauen. Drei eigene Airbus fliegen für Germania Schweiz, zudem ein A319, der von Bulgarian Eagle betrieben wird. Nach eigenen Angaben hat die Airline mittlerweile über 100 Mitarbeitende.

Ein Flugzeug voller Businesssitze

Seit 1977 existiert die in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Privatair. Sie bietet vor allem Flüge für Geschäftsreisende und fliegt im Auftrag von anderen Airlines. Mit ihrem Boeing Business Jet 737 flog Privatair eine Zeit lang im Auftrag der Swiss von Zürich nach Newark / New York. Seit Oktober 2016 gehört Privatair mehrheitlich einer britischen Investorengruppe. (anf)

Erstellt: 30.08.2018, 19:09 Uhr

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