Der Griechen-Madoff und Julius Bär

Ein vermeintlicher Julius-Bär-Berater soll Athener um ihr Geld gebracht haben. Nun wurde ein Schweizer Angestellter des Zürcher Instituts verurteilt. Er wehrt sich dagegen.

Jachten im Hafen von Piräus: Vermögende Athener suchten eine sichere Bank, nun fehlen 15 Millionen Euro. Foto: Colourbox.com

Jachten im Hafen von Piräus: Vermögende Athener suchten eine sichere Bank, nun fehlen 15 Millionen Euro. Foto: Colourbox.com

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Thomas Karidas zog alle Register. In seinem Athener Büro hing ein Schild der Zürcher Privatbank Julius Bär, er verwendete das Briefpapier des noblen Geldhauses, und auf den Werbegeschenken prangte dessen Logo. Als Griechenland in die Krise schlitterte, war er der richtige Mann für griechische Bankkunden, die ihr Geld bei einem sicheren Schweizer Geldhaus anlegen wollten.

Doch statt auf einem Bankkonto an der Bahnhofstrasse soll das Geld in Karidas’ Tasche gelandet sein. Rund 15 Millionen Euro sind verschwunden. Von den Medien wurde er «griechischer Madoff» genannt. Karidas wurde dafür zu einer Haftstrafe von 22 Jahren verurteilt und sitzt im Gefängnis. Gegen das Urteil hat er Berufung eingelegt. Doch vom Geld fehlt noch immer jede Spur.

Kontaktmann in Zürich

Die geprellten Kunden aus Griechenland wollen daher Julius Bär zur Verantwortung ziehen. Sie gehen davon aus, dass die Bank für das Treiben von Karidas einzustehen habe.

Nun nährt ein kürzlich in Athen veröffentlichtes Urteil Zweifel daran, dass man an der Bahnhofstrasse tatsächlich nichts von den Machenschaften wusste. Denn auch gegen den Zürcher Bär-Angestellten M. S.* wurde in Athen ermittelt. Er gilt als Kontaktmann von Karidas in der Schweiz. Offenbar wurden vor dem Athener Strafgericht während des neunmonatigen Prozesses stichhaltige Beweise vorgebracht, dass er über Karidas im Bild war. M. S. wurde daher wegen Beihilfe zu Betrug zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Auch dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Prozess vor der höheren Instanz soll im Mai 2017 beginnen. Die Bank Julius Bär nimmt zum Fall keine Stellung, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends boomte die griechische Wirtschaft. Die Übernahme des Euro gab ihr einen massiven Schub, viele profitierten davon. In dieser Zeit machte sich Karidas als Wirtschaftsexperte einen Namen. So schrieb er etwa Artikel zur aktuellen Konjunkturlage in angesehenen griechischen Zeitungen. Von seinem Wissen sollten auch Anleger profitieren, denen er seine Dienste als Berater anbot. Ab 2005 trat er als Vertreter der Bank Bär in Athen auf. Er eröffnete ein Büro an bester Lage und empfing dort Kunden.

Bei den Treffen soll laut den Aussagen der Geschädigten auch der Schweizer Bär-Mann M. S. dabei gewesen sein. Karidas und der Banker wollten die Kunden davon überzeugen, dass sie ihr Geld bei der Bank in Zürich anlegten. Sie erhielten auch eine Bestätigung, dass für sie Konten eröffnet worden seien. Die Griechen hatten den Eindruck, es mit der seriösen Schweizer Bank zu tun zu haben. Ein Fehlschluss. Denn die Bankbelege der Kunden waren gefälscht. Die Konten waren gar nie eröffnet worden, oder ihr Saldo stand bei 0.

Eines der Opfer, ein Athener Frauenarzt, sagt: «Wir verstehen nicht, warum die Bank bis heute absolut nichts unternommen hat.» Es existiert denn auch ein Brief von M. S., der belegt, dass Karidas Kunden für die Bär anwerben durfte. 2010 wurde das Abkommen von M.S. widerrufen. Ein anderes Dokument belegt eine Erlaubnis zur Kundenakquise für eine damalige Bär-Tochter. Brachte ihr Karidas Kunden, erhielt er eine Prämie.

Es gibt noch einen Bezug zur Schweiz. Denn an die Verhandlung in Athen war auch ein ehemaliges hochrangiges Kadermitglied von Julius Bär als Zeuge der Verteidigung anwesend. Er sei ein guter Freund von Karidas und habe ihn 2005 der Bank vermittelt, heisst es in den Gerichtsunterlagen. Der Bär-Manager sei sogar Trauzeuge an Karidas’ Hochzeit gewesen.

Opfer hoffen weiter

2009 brach das Kartenhaus des «griechischen Madoff» in sich zusammen. Die Kunden wurden stutzig, als die Abrechnungen nicht mehr stimmten und sich zeigte, dass die Kontoauszüge gefälscht waren. Sie forderten ihr Geld zurück, wurden aber von Karidas nur vertröstet. Ihr Finanzberater konnte ihnen keine Auskunft geben, was mit dem Geld passiert war. Kurz darauf landete er in einem Untersuchungsgefängnis.

Die Kunden versuchen seither, wieder an ihr Geld zu gelangen. Bislang erfolglos. Die Opfer erhoffen sich nun ein Entschädigungsurteil von der griechischen Justiz, das in der Schweiz gegen die Bank vollstreckt wird. Sie sind zuversichtlich, dass es in ihrem Sinn entscheidet. Über diese Klage wird im März 2017 in Athen verhandelt.

* Name der Redaktion bekannt

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2016, 22:38 Uhr

Finanzberater Thomas Karidas

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