Das schlechte Timing der Schweizer Modehändler

Seit Jahren jammern Modeketten, wie sehr ihnen «falsches» Wetter das Geschäft vermiest. Selber schuld?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Sommer ist da. Zumindest immer wieder mal. Da muss natürlich das eine oder andere Strandkleid, Top und Bikini in den Schrank. Und die Konsumentin kann sich freuen, denn sie kriegt die Ware spottbillig in den Läden.

Keine Freude herrscht hingegen seit einigen Wochen bei den Modeanbietern. Sie wurden dieses Jahr – wie schon viele Jahre zuvor – wieder auf dem falschen Fuss erwischt. Das Wetter hat ihnen schon wieder das Geschäft vermiest. Kaum hatten sie Ständer und Regale prall mit Sommerkleidern gefüllt, kam im Mai und Juni der Regen.

Um die Ware an Frau und Mann zu bringen, griffen die Händler zum Rotstift – die ersten schon Ende Mai. Mitte Juni boten dann die meisten Anbieter den Kunden Rabatte von bis zu 50 Prozent. Die Bilanz überrascht deshalb nicht: Die Umsatzzahlen der Monate Mai und Juni sackten ab. In vielen Geschäften um die 10 Prozent, bei der Bademode sogar um bis zu 40 Prozent, wie ein Händler sagt. Mit fatalen Folgen: Die Zahl von Modegeschäften, die schliessen, ist im ersten Halbjahr stark gestiegen.

In der Falle

Klar, es ist nicht nur das Wetter, das für schlechte Zahlen und miese Stimmung sorgt. Online- und Einkaufstourismus belasten die Branche ebenso. Doch das Saisonproblem sei eines der wichtigsten, sagt eine Markenvertreterin mit jahrelanger Erfahrung in der Branche, die lieber anonym bleiben will. Denn sie hat eine klare Haltung: «Das Wetter-Saison-Problem ist hausgemacht», sagt sie. «Oft wird die Ware nicht zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Menge in die Läden eingesteuert.» Das habe zur Folge, dass während der ganzen Saison die falschen Kleider an den Ständern hängen. Strandkleider im März, wenn es 0 Grad ist, sind definitiv die falsche Ware zum falschen Zeitpunkt.

Weil die vielen Kleider aber hohe Lagerkosten verursachen und allmählich schon wieder Platz für die Herbstkollektion benötigt wird, versuchen die Händler das Problem mit dem Rotstift zu lösen. Wenn das passende Wetter für die Strandkleider im Lauf des Sommers doch noch kommt – und die Kunden auch –, müssen die Händler die Teile zu den früh eingeführten Schleuderpreisen verkaufen.

Grafik: Modemarkt in der Krise Grafik zum Vergrössern anklicken.

Aus diesem Teufelskreis – hohes Warenlager, viel gebundenes Kapital, Platzmangel und in der Folge der Mid-Season Sale – kommen sie nicht so schnell heraus. Und gefangen darin seien die meisten namhaften Filialketten, sagt die Expertin. Namen will sie nicht nennen. Die Lösung heisst gemäss der Marktkennerin: weniger und dosierter Ware einkaufen. «Der grösste Anteil der Sommerkollektion sollte während der Monate April bis Juni reingenommen werden», sagt sie. Wer die Wareneingänge gut manage, habe auch in den schwierigen letzten Monaten gut arbeiten können.

Die gestaffelte Lieferung perfektioniert haben die grossen Ketten wie Zara. Deren Mutterunternehmen kann quasi Quartal für Quartal Umsatzsteigerungen vermelden. Die Ketten haben einen grossen Vorteil: Weil sie selber produzieren, haben sie kurze Bestellfenster von drei Wochen und können so besser auf das Wetter eingehen. Wenn die Ware im heissen Oktober liegen bleibt, dann bestellen sie einfach für November nichts mehr, viel weniger oder eher in leichteren Qualitäten nach.

«Ohne eigene Produktion sind sie nie so schnell», sagt Globus- und Schild-Chef Thomas Herbert. Schild beschafft saisonale Artikel deshalb wieder vermehrt in Europa statt in Asien. Betrug der Asienanteil vor zehn Jahren noch 33 Prozent, sind es heute 13 Prozent. «Das verkürzt die Reassortierung von vier Monaten auf drei bis vier Wochen», so Herbert.

Eine weitere Variante, das Saison­problem in den Griff zu bekommen: Die Markenhersteller bewirtschaften die Ladenfläche selbst. Schild etwa tut das ­gemäss eigenen Angaben bereits bei 55 Prozent des Sortiments.

Gruppenzwang

Andere Boutiquenbetreiber lassen die ganze Fläche in ihren Geschäften von den Marken betreiben. «Wieso soll ich die Flächen selber bewirtschaften, wenn das Markenhersteller viel besser können», sagt ein Betreiber, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Einkäufer ­beschäftigt er keine mehr. Die Markenhersteller bestimmen, welche Ware wann ins Regal kommt. «Weil sie die Verkäufe in Echtzeit überwachen können, sind sie auch viel schneller, um auf das Wetter zu reagieren.» Kommt dazu: Der Händler überlässt den Markenproduzenten das Risiko. Abschriften finanziert die Marke mit. Einige Marken wie Opus oder Comma hätten das Geschäft derart im Griff, dass sie sogar in schlechten Monaten wie dem Juni gewachsen seien, sagt er.

Bei anderen Marken sei die Staffelung der Lieferungen weniger gut. Aber nicht nur deshalb könne er sich dem Saisonproblem nicht ganz entziehen, sagt der Boutiquenbetreiber. «Wenn die Konkurrenz schon im Februar mit dem Frühlingstrend kommt, muss ich auch dabei sein.» Der gleiche Gruppenzwang gelte für den Ausverkauf.

Und schon ist man wieder im Teufelskreis. Der Boutiquenbetreiber ist aber überzeugt, dass sich das Problem von selbst lösen wird – durch die Bereinigung, die nun angesichts der schlechten Entwicklung stattfinde. «Die Branche ist eine Schlachtbank», sagt er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2016, 22:44 Uhr

Artikel zum Thema

Kleider – nicht Mode

#12 Die Schweizer Modekette Chicorée zeigt, wie man als Zwerg gegen die übermächtige Konkurrenz von H&M und Co. bestehen kann. Mehr...

Zara ist der Schnellzug der Mode

Der spanische Laden ist die erfolgreichste Modekette der Welt. Ein Besuch in der streng gesicherten Konzernzentrale. Mehr...

Modekonzern American Apparel ist pleite

Seit fünf Jahren schreibt American Apparel Verluste und gerät immer wieder negativ in die Schlagzeilen. Die US-Modekette hat Gläubigerschutz beantragt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Tingler Orange ist was?
Geldblog Nestlé setzt auf kleine Schritte

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Montag bis Samstag die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt kostenlos abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ganz entspannt: Mit Musik auf den Ohren lässt sich ein Mann an der Tattoo Convention in Montreux ein Bild auf den Oberarm stechen. (17. September 2017)
(Bild: Christian Merz) Mehr...