«Beim Gewinn gibt es noch Raum nach oben»

Interview

Beide Grossbanken starteten mit guten Zahlen ins Jahr – und überboten sich gegenseitig mit Eigenlob. Wie viel ist die Rhetorik der UBS- und CS-Chefs wirklich wert? Bankenanalyst Rainer Skierka im Interview.

Rotes Logo und blaue Krawatte – und umgekehrt: Bankenchefs Sergio Ermotti (links) und Brady Dougan.

Rotes Logo und blaue Krawatte – und umgekehrt: Bankenchefs Sergio Ermotti (links) und Brady Dougan.

(Bild: Keystone)

Simon Schmid@schmid_simon

Herr Skierka, die UBS hat heute positiv überrascht. Wurde im Vorfeld tiefgestapelt? Jein. Die beiden Grossbanken pflegen einen etwas unterschiedlichen Kommunikationsstil. Die Credit Suisse stellt generell ihre eigenen Stärken in den Vordergrund. Wie das Resultat dann von Quartal zu Quartal aussieht, ist bei ihr schwer einzuschätzen. Die Kommentare der UBS zum eigenen Geschäftsgang sind generell strukturierter. Gut möglich, dass dem neuen Management bei der UBS etwas Understatement im Blut liegt.

Auch beim Ausblick aufs Jahr gibt sich die UBS sehr verhalten. Der Ausblick scheint realistisch. Die Eurokrise, der Steuerstreit sowie das nach wie vor fehlende Vertrauen der Anleger dürften noch eine Weile auf der Finanzindustrie lasten. Symptomatisch ist, dass die UBS in den ersten sechs Wochen des Jahres gut gewirtschaftet hat. Ab März kam der Dämpfer in Form der Zypernkrise und zunehmender Spannungen in Italien und Spanien. Die Branche kann sich den wirtschaftlichen Ungewissheiten derzeit nicht entziehen. In der laufenden Berichtssaison haben sich viele Banken zurückhaltend zum weiteren Geschäftsverlauf geäussert.

Im abgelaufenen Jahr hat die UBS Milliardenabschreiber vorgenommen – nun macht die Bank wieder eine Milliarde Franken Gewinn. Wie gut ist dieses Ergebnis wirklich? Die aktuellen Quartalszahlen sind gut, das kann man durchaus so sagen. Ein Zusatzfaktor zum operativen Geschäft waren die Rechtsrisiken, die jetzt deutlich kleiner sind. Das schlägt sich in einem höheren Gewinn nieder. Angesichts der weltwirtschaftlichen Risiken wäre es aber zu einfach, diese Milliarde aufs Gesamtjahr hinaus gesehen mit vier zu multiplizieren. Der Jahresgewinn könnte durchaus tiefer als vier Milliarden liegen.

Die CS verdiente zuletzt oft mehr als die UBS. Trotzdem misstraut ihr die Börse. Das liegt am volatileren Investmentbanking, das bei der Credit Suisse einen grösseren Stellenwert besitzt als bei der UBS. Zwar lieferte die CS-Investmentbank im ersten Quartal ein sehr gutes Ergebnis. Überraschenderweise vermochte die redimensionierte Investmentbank der UBS aber ähnlich gute Zahlen zu liefern. Generell ist die Vermögensverwaltung der UBS ungleich grösser, zudem vermag sie der Investmentbank als Kundenlieferantin zu dienen.

Sind die Schweizer Grossbanken richtig positioniert? Die Aktivitäten der UBS im Investmentbanking sind viel stärker am Kundenbedarf orientiert als diejenigen der Credit Suisse. Für mich macht die strategische Ausrichtung im Investmentbanking der CS nach wie vor keinen Sinn. Das richtige Modell scheint mir eher jenes der UBS, mit zurückgefahrenem Investmentbanking sowie mit stärker verzahntem Inlandgeschäft und Private Banking.

Auffallend sind die unterschiedlichen Margen in der Vermögensverwaltung. Die Credit Suisse weist generell höhere Margen auf als die UBS. Allerdings kann man diese Zahlen schlecht miteinander vergleichen. Aus dem aktuellen Trend lässt sich vermuten, dass die Kunden der UBS mehr Aktivität an den Tag gelegt haben als jene der CS. Zudem hatte die Credit Suisse zuletzt noch mit Geldabflüssen zu kämpfen.

An der Börse ist heute die Deutsche Bank durchgestartet – und dies wegen einer Kapitalerhöhung. Normalerweise würde der Aktienkurs nach einer Kapitalerhöhung sinken, weil das Kapital verwässert wird. Aber in diesem Fall hatte die Börse diesen Schritt schon länger vorausgeahnt. Eine Stärkung der Kapitalbasis war seit letztem Jahr überfällig; die neue Bankführung hat mit der Kapitalerhöhung etwas zu lange zugewartet. Für die Deutsche Bank ist das nun eine Art Befreiungsschlag. Das Institut ist nun solventer, und davon profitieren auch die Aktionäre.

Auch bei der UBS grenzt sich die Führung um Ermotti und Weber deutlich von der Vergangenheit ab. Das stimmt. Mit Ausnahme des Vermögensverwaltungschefs Jürg Zeltner – der, wie die Zahlen zeigen, einen sehr guten Job macht – wurde in jüngerer Vergangenheit fast die gesamte Führungsequipe erneuert. Da scheint das richtige Team am richtigen Platz zu sein.

Immerhin ist Ermotti ein ehemaliger Investmentbanker. Ich würde ihn nicht als Vollblut-, sondern wegen seiner Vergangenheit als Private-Banking-Chef bei Unicredit bestenfalls als Halbblut-Investmentbanker betrachten. Investmentbanking ist auch nicht per se zu verdammen: Man muss aber das richtige Gedankenkleid und die richtigen strategischen Ideen haben. Bei der UBS ist auch die Symbiose zwischen Geschäftsleitung und Verwaltungsrat stärker spürbar als bei der Credit Suisse.

Die Bank bezeichnet sich als «bestkapitalisierte Bank» in der Vergleichsgruppe. Kann man diese Behauptung so stehen lassen? Ja, das stimmt so. Wobei zahlreiche andere Banken aktuell dabei sind, ihre Kapitalausstattung zu verbessern. HSBC und Standard Chartered würde ich etwa auf dem Niveau der UBS ansiedeln, BNP Paribas, Credit Suisse, die Deutsche Bank oder auch Barclays sind etwas darunter.

Auch die CS sagt, sie sei mit dem Umbau im Vorsprung gegenüber den Peers. Das hängt davon ab, was man darunter verstehen will. Die Bank musste niemals auf Staatshilfe zurückgreifen, und hat auch früher als andere Mitstreiter Massnahmen beim ergänzenden Kapital vorgenommen. Beim Umbau des Investmentbanking ist die CS in dem Sinn voraus, dass es bezogen auf die Strategie nicht so viel umzubauen gibt. Ob sich die Zusammenlegung von Private Banking und Asset Management auszahlen wird, lässt sich aktuell noch nicht abschätzen. Zwischen dem Geschäft mit reichen und mit institutionellen Kunden gibt es Kulturunterschiede, die man erst einmal überwinden muss.

Werden die Zahlen, die wir momentan beobachten – über den Daumen gepeilt vier Milliarden Franken Gewinn pro Jahr – langfristig die neue Normalität? Aktuell wäre ich noch vorsichtig. Ist das widrige Marktumfeld einmal überwunden, so dürfte es beim Gewinn aber noch deutlich Raum nach oben geben.

DerBund.ch/Newsnet

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