«Beide zusammen oder gar nicht»

Die Wissenschaftlerinnen Barbara Rothen-Rutishauser und Alke Fink teilen sich an der Universität Freiburg eine Professur. Sie leiten gemeinsam 30 Mitarbeiter. Jobsharing auf Führungsebene lebt vermehrt auf.

Das Führungsteam Barbara Rothen (links) und Alke Fink im Labor: «Man muss das Ego zurücknehmen können.»

Das Führungsteam Barbara Rothen (links) und Alke Fink im Labor: «Man muss das Ego zurücknehmen können.» Bild: Thomas Reufer

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Jede ist durchschnittlich 60 Prozent am Institut präsent, angestellt sind beide jeweils im 50-Prozent-Pensum. Die Berner Biologin Barbara Rothen-Rutishauser (44) und die Materialwissenschaftlerin Alke Fink (41) sind seit Sommer 2011 ein Führungsteam. Neben der Professur teilen sie auch die Leitung der Gruppe Bio-Nanomaterialien am Adolphe Merkle Institute (AMI) in Marly FR. Das Institut forscht im Bereich der weichen Nanomaterialien und gehört zur Universität Freiburg. Die beiden Frauen sind Chefinnen von rund 30 Mitarbeitern.

«Ein Professor im 100-Prozent-Pensum ist auch nicht von 8 bis 17 Uhr im Büro, sondern länger. Bei Leitungspositionen darf man nicht Stunden zählen», sagt Rothen-Rutishauser. «Wir arbeiten schon viel mehr als die 50 Prozent. Auch wenn ich zu Hause bin, schreibe ich mal an einem Bericht oder mache Gesuche für Forschungsgelder.» Fink nickt und ergänzt: «Das Problem ist halt, dass dieser Job auch unser Hobby ist. Die Forschung verfolgt einen immer – egal ob man einen 50-Prozent- oder 100-Prozent-Job hat.»Als Team erforschen sie mögliche Effekte von Nanopartikeln auf den menschlichen Körper. Sie kennen sich durch ein gemeinsames Forschungsprojekt an der Universität Bern zum Thema «Wechselwirkung von Nanopartikeln in der Lunge».

Immer die gleichen Vorbehalte

Jobsharing auf Führungsebene kommt in der Praxis nur vereinzelt vor. Julia Kuark, Geschäftsführerin von JKK Consulting in Lenzburg, hat mit «Topsharing» dafür ein arbeitsorganisatorisches Modell geschaffen und coacht Jobsharing-Partner. Sie hört immer wieder denselben Vorbehalt: Verantwortung sei nicht teilbar. Die Haltung sei einfach bei gewissen Leuten in den Köpfen festgefahren. Die Praxis zeige aber ein anderes Bild. Kuark sagt, sie sehe das geteilte Führungsmodell sogar vermehrt aufleben.

So teilen sich seit Ende Oktober 2012 Leyla Gül und Flavia Wasserfallen das Generalsekretariat der SP Schweiz in Bern. Sie bestreiten je ein 70-Prozent-Pensum. Und seit Ende 2012 teilen sich Martin Enz und Caroline Beglinger die Leitung des Verkehrs-Clubs der Schweiz.

Als langjähriges Führungsteam in der Privatwirtschaft haben sich Anita Harper und Michelle Mendelsson bewährt: Sie leiten eine Abteilung im Bereich Personal bei der Credit Suisse. Es gibt aber auch Beispiele für gescheitertes Jobsharing: Ein Streit brachte das Leitungsteam im Berner Ratssekretariat auseinander. Das Modell habe sich nicht bewährt, stand 2009 in der Botschaft an den Stadtrat. Das Ratssekretariat wird seither nur noch von einer Person geleitet.

Anfängliche Skepsis

Als sich Rothen-Rutishauser und Fink im Sommer 2010 gemeinsam für die Professur in Bio-Nanomaterialien bewarben, war für sie klar: «Entweder machen wir den Job zusammen oder gar nicht.» Als Einzelperson wollten sie sich für die Stelle nicht bewerben. Finks Tochter war damals sechs Jahre alt, Rothen-Rutishausers Söhne 9 und 14. «Das Institut war im Aufbau begriffen, uns war damals klar, dass es sich nicht nur um ein 100-Prozent-Pensum handeln würde», sagt Rothen.

Weil es an der Universität Freiburg schon eine Professur gibt, die sich zwei Männer teilen, kamen die beiden Frauen auf die Idee, sich gemeinsam zu bewerben. Rothen-Rutishauser studierte an der ETH Zürich Biologie und hatte eine Oberassistenzstelle an der Universität Bern, als sie sich in Marly bewarb. Sie unterrichtet heute noch an der Universität Bern, gibt Mikroskopie-Vorlesungen und einen Klimakurs, pro Semester sind das vier bis fünf Stunden. Fink ist Chemikerin und hatte eine feste Position an der EPFL in Lausanne, bevor sie als Professorin 2009 in der Chemie an der Universität Freiburg ihre Forschungsaktivitäten startete.

«Wir hatten uns sehr gut auf das Bewerbungsgespräch vorbereitet. Der wesentliche Punkt war, das Berufungskomitee zu überzeugen, wie wir uns organisieren», erinnert sich Rothen-Rutishauser. Die anfängliche Skepsis sei gross gewesen. «Wir hatten keine Zweifel. Wir mussten die Entscheidungsträger überzeugen.» Vom Fachlichen her hätten keine Zweifel bestanden, denn zwei unterschiedliche Fachspezialisten auf dem Posten zu haben, das hätte man mit einer Einzelperson nie hinbekommen.

Mehr Aufwand wegen Infotransfer

Laut Kuark ist die Grundvoraussetzung für ein Jobsharing, dass sich die Partner gut verstehen. «Es ist eine enge Zusammenarbeit im Team.» Und: «Die geteilten und die gemeinsamen Aufgaben müssen klar definiert werden.» Ein Hindernis könne sein, dass man die Bereitschaft, Macht und Einfluss abzugeben, nicht aufbringe. Die beiden Wissenschaftlerinnen sind sich einig: «Man muss das Ego zurücknehmen können.»

Kuarks Erfahrungen zeigten, dass Topsharing viele Vorteile bringe. Komplexe Entscheide würden schneller gefällt und seien besser abgestützt.

Im Grossen und Ganzen seien die Reaktionen auf ihre geteilte Führung sehr positiv, sagt Fink. Ein Mehraufwand bildet der Informationstransfer. Diesen stellen die beiden sicher, indem sie an mindestens drei halben Tagen gleichzeitig am Institut sind. Sie absolvieren gemeinsame Gruppenseminare, Institutsmeetings und verbinden Mittagessen mit einem Geschäftstermin. «Im Mail sind wir gegenseitig immer im CC, und wir telefonieren sehr viel zusammen. Das braucht viel Zeit.» Aber die Motivation sei eben sehr hoch. Persönlich schätzen die beiden, dass sie die Verantwortung teilen können. «Wenn mal die eine weniger Kraft hat, kann die andere mehr ziehen.»

Die Ehemänner müssen mitziehen

Beide sagen, ohne ihre Männer würde das nicht klappen: Der Mann von Fink arbeitet 75 Prozent. Wenn die Tochter von der Schule nach Hause komme, sei der Mann oder sie zu Hause. Rothen-Rutishausers Mann arbeitet zwar 100 Prozent als Geschäftsführer eines KMU. Sein Büro befinde sich jedoch nur wenige Minuten von zu Hause, und dadurch sei er flexibel. «Vergangene Woche war ich eine Woche in Amerika, da hat mein Mann eine Woche frei genommen», sagt Rothen-Rutishauser. Ohne Haushälterin ginge das alles aber nicht, so die Bernerin. Problematisch seien die Sitzungen am Abend. «Die Fakultätssitzungen beginnen beispielsweise erst um 17 Uhr.»

Die Mitarbeiterführung hatten die Materialchemikerin und die Biologin unterschätzt. «Die Mitarbeiter-Gespräche machen wir zusammen. Auch die administrativen Probleme nehmen viel Zeit in Anspruch», sagt Fink. Über 10 unterschiedliche Nationalitäten sind im Team vertreten, «da kommen nicht nur unterschiedliche Sprachen zusammen, sondern auch unterschiedliche Mentalitäten».Ursprünglich hatte Fink sieben Chemiker aus Freiburg in das Team eingebracht, und Rothen-Rutishauser brachte fünf Biologen von Bern ein. «Eines Tages hiess es, das sind eure neuen Kollegen. Um eine grosse Gruppe aus zwei kleinen Gruppen zu machen, ist viel Energie notwendig gewesen», so Fink. Als Chefinnen seien beide akzeptiert. Das klappe sehr gut. «Ist die eine nicht da, kommen die Mitarbeiter mit ihren Anliegen zur anderen», sagt Fink.

Im Zusammenhang mit den Mitarbeitern ist den beiden Frauen ein Führungsprinzip wichtig: «Entscheide vertreten wir geschlossen nach aussen, auch wenn wir uns mal nicht einig waren», so Rothen-Rutishauser.

Mit diesem Beitrag verabschiedet sich Nicole Tesar vom «Bund». Sie hat seit 2005 in der Wirtschaftsredaktion gearbeitet. Nicole Tesar übernimmt die redaktionelle Leitung der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» – im Jobsharing. (Der Bund)

Erstellt: 01.05.2013, 09:59 Uhr

Nanotechnologie

Die Nanotechnologie verbindet Erkenntnisse aus Physik, Chemie und Biologie. Nanotechnologen arbeiten mit Objekten, die 1 bis 100 Milliardstelmeter klein sind.

Damit können Materialien auf der Ebene von Molekülen oder gar Atomen gezielt verändert werden. Damit lassen sich neue, winzige Materialstrukturen aufbauen. In diesem Grössenbereich ändern sich die chemisch-physikalischen Eigenschaften von Materialien.

Die neuen oder veränderten Eigenschaften lassen sich gezielt nutzen: neuartige Sonnencremes, wasser- und schmutzabweisende Textilien und selbstreinigende Fenstergläser oder kratzfeste Beschichtungen sind Beispiele von Produkten, die auf dem Markt erhältlich sind.

Die Biologin Barbara Rothen-Rutishauser und die Chemikerin Alke Fink untersuchen die Wechselwirkung von Nanopartikeln auf den Körper. Im Fokus ihrer Forschungsarbeiten steht die Interaktion von Nanopartikeln und Zellen, um daraus Anwendungen im medizinischen Bereich oder in der Diagnostik zu entwickeln.

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