BKW schreibt wegen ihres Auslandgeschäfts rote Zahlen

Die Gaskraftwerke in Italien und das Kohlekraftwerk in Deutschland werden für den Berner Stromkonzern BKW zum Verlustgeschäft: Er muss den Wert dieser noch jungen Beteiligungen herabsetzen.

Für die BKW ist Gas- und Kohlestrom im Ausland ein Verlustgeschäft.

Für die BKW ist Gas- und Kohlestrom im Ausland ein Verlustgeschäft.

Hans Galli

Die BKW Energie AG muss für das abgelaufene Geschäftsjahr voraussichtlich einen Verlust von 150 Millionen Franken ausweisen. Der Hauptgrund liegt nicht etwa bei den von der Aufsichtsbehörde Ensi verordneten Massnahmen bezüglich der Sicherheit des Atomkraftwerks Mühleberg, sondern bei den Auslandbeteiligungen: Die BKW muss auf ihren Gaskraftwerken in Italien sowie dem im Bau befindlichen Kohlekraftwerk im deutschen Wilhelmshaven Wertberichtigungen von 300 Millionen Franken vornehmen. Deshalb wird aus dem noch vor kurzem erwarteten Jahresgewinn von 100 Millionen ein Verlust von 150 Millionen: Die definitiven Zahlen werden am 23. Februar veröffentlicht.

Für den Kanton Bern als Mehrheitsaktionär ist das doppelt schmerzhaft: Erstens muss er befürchten, dass die Dividende gesenkt wird oder ganz ausfällt, und zweitens wird die BKW wegen des Abschreibers 50 Millionen Franken weniger Steuern bezahlen.

Stromüberfluss statt Strommangel

Wie Axpo und Alpiq hat auch die BKW-Spitze die Entwicklung auf dem europäischen Strommarkt falsch eingeschätzt: Vor fünf Jahren prognostizierte die Branche einen Strommangel in Europa, was unweigerlich zu steigenden Preisen führen werde. Zudem war schon damals unsicher, ob in der Schweiz jemals wieder ein neues Atomkraftwerk gebaut würde. Deshalb begannen die Schweizer Stromkonzerne mit umfangreichen Investitionen im Ausland: In Italien beteiligten sie sich an Gaskraftwerken und in Deutschland an Kohlekraftwerken.

Eine Prognose hat sich bewahrheitet: In der Schweiz werden keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut. Aber die andere hat sich als falsch erwiesen: Die Strompreise auf dem europäischen Grosshandelsmarkt sind nicht gestiegen, sondern gesunken. Deshalb werden die Auslandbeteiligungen zum Verlustgeschäft: Die BKW muss den Strom aus den italienischen Gaskraftwerken Livorno Ferraris und Tamarete, an welchen sie Minderheitsbeteiligungen hält, zu den Produktionskosten beziehen. Und diese sind momentan höher als der Marktpreis. Das heisst, die BKW kauft den Strom teurer ein, als sie ihn verkaufen kann.

Noch im Bau ist das deutsche Kohlekraftwerk Wilhelmshaven, welches gemeinsam mit GDF-Suez erstellt wird. Der Bau habe sich verzögert, und die Investitionskosten seien höher als budgetiert, schreibt die BKW. Deshalb geht sie davon aus, dass die Produktionskosten auch in Wilhelmshaven höher sein werden als der Markterlös.

Ende für Dörpen als Glücksfall

Die BKW kann froh sein, dass der Bau des Kohlekraftwerks im deutschen Dörpen gescheitert ist. Andernfalls müsste sie jetzt auch auf dieser Anlage einen hohen Millionenbetrag abschreiben. Das Projekt wurde von der örtlichen Bevölkerung, der bernischen Energiedirektorin Barbara Egger und Umweltverbänden bekämpft.

Die Branche erwartet, dass die Strompreise an der europäischen Energiebörse in Leipzig noch mindestens zwei, drei Jahre tief bleiben werden. Eine entsprechende Prognose machte Axpo-Konzernchef Heinz Karrer Anfang Woche an der Bilanzmedienkonferenz seines Unternehmens. Obwohl Deutschland mehrere Atomkraftwerke abgeschaltet hat, herrscht in Europa Stromüberfluss. Dafür gibt es mehrere Gründe:

• Die schwache Konjunktur als Folge der Finanzmarktkrise. Insbesondere Italien als grosser Stromimporteur steckt seit Jahren in einer wirtschaftlichen Krise. In Deutschland zeichnet sich eine deutliche Abschwächung ab.

• Die abgeschalteten deutschen AKW werden durch Gas- und Kohlekraftwerke ersetzt. Erstens gehen laufend neue fossile Kraftwerke ans Netz, und zweitens werden stillgelegte Kohlekraftwerke reaktiviert. Die CO2-Problematik rückt dabei in den Hintergrund.

• Solar- und Windkraftwerke liefern immer mehr Strom. Die deutschen Solarkraftwerke haben den Energiekonzernen das lukrativste Geschäfte kaputt gemacht: Sie liefern in den Mittagsstunden, wenn in Haushalten, Kantinen und Restaurants gekocht wird, am meisten Strom. Früher wurde die Verbrauchsspitze am Mittag mit teurem Strom aus Pumpspeicherwerken in den Alpen sowie mit Gaskraftwerken abgedeckt.

Die Vertreter der Strombranche beklagen sich, Solarstrom sei eine unfaire Konkurrenz, weil er durch staatliche Eingriffe wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Deutschland und die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) in der Schweiz gefördert werde. Aber zumindest hinter vorgehaltener Hand räumen sie ein, dass sie das Potenzial der Solarenergie unterschätzt haben. Die Gesamtmenge an Solarstrom ist zwar noch gering, aber sie vermag trotzdem am Mittag die Preisspitzen zu brechen.

Auch die BKW profitiert im In- und Ausland von der Förderung der erneuerbaren Energien, weshalb sie auf ihren Sonnen- und Windkraftwerken keine Wertberichtigungen vornehmen muss.

Situation kann sich wieder ändern

Mittel- und längerfristig könnte der Trend auf dem Strommarkt wieder kehren. Wenn in Deutschland weitere AKW abgeschaltet werden, in der Schweiz die ersten vom Netz gehen und die Lieferverträge mit Frankreich auslaufen, ist ein Stromengpass nicht auszuschliessen. Dann könnten Kohle- und Gaskraftwerke doch noch zu Goldgruben werden.

Das Kohlekraftwerk Wilhelmshaven, welches GDF Suez und BKW gemeinsam bauen, kostet mehr als prognostiziert. Foto: zvg

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt