BKW: Neue Feinde

Die BKW hat etliche Dienstleistungsfirmen gekauft – nun platzt einigen aus der Branche der Kragen. Ein Verband will die Firmen ausschliessen, ein anderer erwägt eine Wettbewerbsklage.

Die BKW hat Ärger mit dem Verband der Ingenieure.

Die BKW hat Ärger mit dem Verband der Ingenieure. Bild: Colourbox (Symbolbild)

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Der Berner Energiekonzern BKW kauft ein Gebäudetechnik- und Ingenieurunternehmen nach dem anderen. Er will sich damit ein neues Standbein neben dem serbelnden Stromgeschäft aufbauen. Zielstrebig treibt Chefin Suzanne Thoma diese Strategie seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2013 voran.

Mehr als 40 Dienstleistungsfirmen hat die BKW unterdessen aufgekauft. Vor einigen Tagen wurde sie vom Beratungsunternehmen KPMG sogar als «aktivste Schweizer Unternehmung» im Fusions- und Übernahmemarkt ausgezeichnet. Für manche ist das allerdings kein Grund zur Freude – im Gegenteil.

Mit ihrer Strategie hinterlässt die BKW viel verbrannte Erde. Öffentlich ist zwar wenig Kritik zu vernehmen. Das hänge aber damit zusammen, dass es sich niemand mit der BKW verspielen wolle, sagt ein Vertreter der Ingenieurbranche. Denn die BKW sei in der bernischen Politik bestens vernetzt und zudem ein wichtiger Auftraggeber.

Aus zwei Verbänden wird nun aber Unmut laut. Einer ist die Vereinigung beratender Ingenieurunternehmen (Usic). Ende letzten Jahres trat ein Berner Unternehmen aus der Usic aus, freiwillig, ohne Streit, auf den ersten Blick nichts Aussergewöhnliches. Die Hintergründe aber sind brisant. Das Unternehmen heisst Marcel Rieben Ingenieure, kurz: MRI. Es berät Kunden, die eine Heizung, eine Sprinkleranlage zum Feuerlöschen oder andere Gebäudetechniksysteme installieren wollen – und es gehört seit letztem Jahr zur BKW. Im Juni wurde die Übernahme bekannt. Und irgendwann in den folgenden Monaten rief jemand von der Usic bei MRI an und bat das Unternehmen, aus dem Verband auszutreten.

Die Begründung: Nach der Übernahme durch die BKW sei MRI nicht mehr unabhängig. Die BKW bestätigt, dass der Verband ihre Tochtergesellschaften ausschliessen will – «wegen dem Thema ‹Unabhängigkeit›», so Sprecher Tobias Fässler.

Unabhängigkeit als Gebot

Unabhängigkeit wird bei der Usic gross geschrieben. Es handle sich dabei um einen «ethischen Grundsatz» für einen beratenden Ingenieur, schreibt Geschäftsführer Mario Marti in der jüngsten Ausgabe der Verbandszeitschrift. Ein Bauherr erwarte vom Ingenieur, dass dieser ihm die objektiv beste Lösung empfehle.

Oftmals hole der Ingenieur im Auftrag des Bauherrn Offerten ein und gebe dann eine Empfehlung ab. Dabei dürfe er keine Interessenbindungen haben. Der planende Ingenieur sei auch später beim Bau Vertreter des Bauherrn und überprüfe, ob die Umsetzung in dessen Sinne erfolge. In der Branche sind Planung und Umsetzung eines Projekts daher oft getrennt. Das Gegenteil wird sanktioniert: Einem Aargauer Unternehmen, das Bauten plant und selbst realisiert, verwehrt die Usic seit Jahren die Mitgliedschaft.

Der Verband glaubt offenbar, dass Unternehmen, die zur BKW gehören, ihren Kunden nicht mehr zwingend die objektiv beste Lösung empfehlen. Er befürchtet, dass sie tendenziell eine Offerte der BKW empfehlen würden, oder zumindest eine Lösung, bei der die BKW eine Rolle spielt.

Ein Beispiel: Mehrere der zugekauften Unternehmen bieten die Planung von Wärme- oder Solaranlagen an. Verbandsmitglieder sind nun der Meinung, diese Unternehmen könnten geneigt sein, beispielsweise das Home Energy Modell der BKW anzupreisen. Dieses ermöglicht es, selbst Strom zu erzeugen, zu speichern und zu verbrauchen.

Die BKW ihrerseits hält fest, dass andere Mitgliedsfirmen der Usic ebenfalls Gesamtlösungen aus einer Hand anböten. Wie die BKW täten sie dies mit firmenübergreifender und interdisziplinärer Zusammenarbeit. Zudem könne die Branche über Zusammenarbeiten und Gesamtlösungen einen Schritt vorwärts machen und sich weiterentwickeln.

Das müsse im Ziel aller sein, und «sollte auch im Interesse der Usic sein». Das Energieunternehmen ist der Meinung, beim Begriff «Unabhängigkeit», an dem der Verband als Mitgliedschaftsvoraussetzung festhalte, gebe es eine «gewisse Unschärfe». Die BKW suche deshalb den Dialog mit dem Verband. Man gehe davon aus, dass es um die Unabhängigkeit gegenüber Kunden und bezüglich der Lieferanten gehe und nicht um die Eigentümerstruktur.

Die Usic ist aber offenbar der Ansicht, dass die Eigentümerstruktur an sich schon problematisch ist. Eine 100-prozentige Tochtergesellschaft werde in ihrem Verhalten ohnehin beeinflusst. Sie werde es bewusst oder unbewusst der Muttergesellschaft recht machen wollen, so die Bedenken.

Zweites Unternehmen wehrt sich

MRI widersetzte sich dem Ausschluss aus dem Verband nicht, heisst es in der Branche. Anders das zweite Unternehmen, das die Usic zu einem Austritt bewegen will: Frey + Gnehm Ingenieure mit Sitz in Olten, 19 Mitarbeiter, von der BKW im November übernommen. Das Unternehmen will nicht freiwillig austreten.

Nun hätten sich sogar oberste BKW-Kreise eingemischt, heisst es. Es droht ein Eklat zwischen Verband und Energiekonzern. Ein kürzlich einberufenes Schlichtungsgespräch ist dem Vernehmen nach verschoben worden. Der Verband erachtet es offenbar als eine Option, Frey + Gnehm per Mehrheitsbeschluss an der Generalversammlung hinauszuwerfen. Es wäre eine Eskalation sondergleichen.

Mögliche Wettbewerbsklage

Nicht nur beim Ingenieurverband stösst die BKW auf Widerwillen, auch beim Gewerbeverband KMU Stadt Bern. Dessen Präsident Thomas Balmer ist einer der wenigen, der öffentlich Kritik übt. Er tut das im Namen seiner Mitglieder, wie er festhält. Er führe keinesfalls einen Privatkrieg gegen die BKW. Es gehe ihm um deren Strategie: Mit dieser zerstöre die BKW ein über 100 Jahre altes Marktgefüge.

Der Gewerbeverband erwägt, bei der Eidgenössischen Wettbewerbskommission (Weko) eine Klage einzureichen. Das Problem sei, dass die BKW als Monopolistin Privatkunden mit Strom beliefere, sagt Balmer. Dadurch komme sie an Informationen, die andere nie hätten. Bei einem Umbau beispielsweise müsse der Hauseigentümer der BKW Meldung erstatten. So wisse die BKW, dass das Haus saniert werde und könne zum Beispiel eine Offerte für eine Heizung schicken.

BKW-Chefin Suzanne Thoma wies solche Vorwürfe in einem Interview mit dem «Bund» kürzlich strikt zurück. Die BKW würde sich strafbar machen, wenn sie sich mit Informationen aus dem Monopolbetrieb Vorteile in den privaten Tätigkeitsfeldern verschaffen würde, sagte sie. Diese Vorwürfe seien daher «relativ grob». Sie würden erfunden, «aus Angst vor Konkurrenz».

Balmer meint dazu: «Ich bin ganz sicher, dass weder Frau Thoma noch das Kader diese Informationen selbst weiterleiten.» Aber die Angestellten untereinander sprächen mit Sicherheit miteinander. Das lasse sich kaum verhindern. Der Gewerbeverband KMU Stadt Bern prüft nun, wie die Chancen einer Weko-Klage stünden. Bis im Sommer wird er entscheiden, ob er sie einreicht oder ob die Erfolgschancen zu klein sind.

(Der Bund)

Erstellt: 03.04.2017, 06:49 Uhr

Jungunternehmer ändert Namen wegen BKW

Der junge Berner Philipp Kasteler will sich mit dem Bau von Heizungen und sanitären Anlagen sowie Spenglerarbeiten selbstständig machen. Letzten Dezember hat er seinen Firmennamen im Handelsregister eintragen lassen: Philipp Kasteler AG. Am 15. März änderte er ihn bereits wieder, wie ein Handelsregistereintrag zeigt. Der Name lautet nun Haustechnik Bern AG.

Der Grund für den Namenswechsel ist die BKW. Ihr gehört seit 2015 das Sanitär- und Spenglerunternehmen von Kastelers Vater, die Berner Kasteler Guggisberg AG. Hat der Energiekonzern Druck ausgeübt? Die BKW teilt mit, sie habe Philipp Kasteler auf den Namen des neu gegründeten Unternehmens angesprochen «und ihn gebeten, eine Umbenennung zu erwägen», um Verwechslungen zu vermeiden. Dieser habe sich anschliessend entschieden, das Unternehmen umzubenennen. Eine Entschädigung dafür sei nicht erfolgt.

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